Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über Sozialwissenschaften gewusst hätte

Sozialwissenschaftler wollen herausfinden, wie unsere Gesellschaft tickt. Student Nicolas Frank erzählt, welches Handwerkszeug es dafür braucht – und gibt Tipps, wie man gut durchs Studium kommt.
Aufgezeichnet von Helen Hahne
Wer Sozialwissenschaften studiert, erstellt zahlreiche Befragungen (Symbolbild)

Wer Sozialwissenschaften studiert, erstellt zahlreiche Befragungen (Symbolbild)

Foto: Jacob Ammentorp Lund / iStockphoto / Getty Images
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die 30 beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020, die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Sozialwissenschaftler:innen wollen die Gesellschaft verstehen, im Kleinen und Großen: Wie hat sich der Begriff Familie im Laufe der Zeit gewandelt? Wie leben Menschen in Großstädten und wie auf dem Land? Wie prägt die EU unsere Gesellschaft? Und was hat das alles miteinander zu tun? Nach dem Studium arbeiten Sozialwissenschaftler:innen überall dort, wo sie mit solchen Fragen in Berührung kommen, zum Beispiel als Referent:innen für Abgeordnete, in Forschungsprojekten an der Uni oder als Journalist:innen.

Nicolas Frank, 23, studiert Sozialwissenschaft im sechsten Semester an der Uni Augsburg. Er erklärt, warum es sich lohnt, sich vorher mit dem Lehrplan der Uni auseinanderzusetzen, und wie das Studium den Blick auf die Gesellschaft verändert.

Die Entscheidung für Sozialwissenschaften

»Bei mir war die Entscheidung fürs Studium eine schwierige Geburt. Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte – bis mir ein Bekannter von seinem Studium der Sozialwissenschaften erzählte. Das klang nach einer Mischung aus Politik, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften. Das fand ich gut. Jetzt bin ich froh, dass ich mich dafür entschieden habe.

Um an der Uni anzukommen, haben mir die Ersti-Veranstaltungen und die Fachschaft geholfen, in der ich mich inzwischen auch engagiere. Die Fachschaft kann man sich wie eine Gruppe von Klassensprecher:innen vorstellen, die sich darum bemühen, dass die Belange der Studierenden vertreten werden – nur wird man nicht gewählt, sondern kann einfach mitmachen. Sich dort schon vor dem Studium umzuhören, kann hilfreich sein.

Die ersten Wochen entscheiden, ob man sich wohlfühlt. Ich hatte großes Glück und habe relativ schnell auch Freund:innen gefunden.«

Formale Voraussetzungen:

  • Sozialwissenschaften kann man an Universitäten und Fachhochschulen studieren. An Universitäten ist das Abitur  oder die Fachgebundene Hochschulreife Zugangsvoraussetzung, an Fachhochschulen mindestens das Fachabitur.

  • An manchen Hochschulen wird ein interner Auswahlprozess  durchgeführt. Auch ein Nachweis über Englischkenntnisse kann verlangt werden.

Was man sonst noch mitbringen sollte: Interesse an Statistik . Das Studium beschäftigt sich intensiv mit quantitativen und qualitativen Umfragen und deren Auswertung.

Inhalt und Aufbau des Studiums

»Der Aufbau des Studiums ist an jeder Uni anders. In Augsburg liegt der Fokus auf der methodischen Ausbildung. Wir haben Forschungsprojekte, in denen man selbst Fragebögen entwirft und zum Beispiel qualitative Interviews mit Expert:innen führt. Wir haben auch sogenannte teilnehmende Beobachtungen in einem Café oder einer Bar durchgeführt. Man sollte offen auf Menschen zugehen können, je häufiger man das macht, desto weniger Überwindung kostet es.

Typische Module: Elementare Felder der Sozialwissenschaften,
Methoden empirischer Sozialforschung, Mikrosoziologie und Demografie, Politische Theorien, Soziologische Theorien, Sozialwissenschaftliche Datenanalyse

Mögliche Wahlbereiche: an der Universität Bochum  zum Beispiel Öffentliche Finanzen und staatliches Handeln; Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationssoziologie; Vergleichende Politikwissenschaft; Sozial- und Kulturpsychologie; Internationale Beziehungen; Sozial- und Kulturanthropologie; Politisches System und Wirtschaftspolitik; Stadt- und Regionalentwicklung

Mir persönlich liegt es mehr, mich mit Theorien zu beschäftigen. Pierre Bourdieus Arbeiten über die ›Illusion der Chancengleichheit‹ oder seine Habitus-Theorie finde ich spannend. In Augsburg kommen Theorien etwas kurz. Hätte ich mich intensiver mit dem Aufbau des Studiums beschäftigt, hätte ich das vorher gewusst. Es ist auf jeden Fall ratsam, sich die Modulhandbücher der jeweiligen Unis anzuschauen, bevor man sich einschreibt.

In den ersten beiden Semestern absolvieren alle das Grundstudium und belegen dieselben Kurse – zum Beispiel Einführung in die Vergleichende Politikwissenschaft oder Einführung in die Sozialstrukturanalyse und Statistik. Ab dem dritten Semester wählt man in Augsburg ein Nebenfach dazu. Dabei hat man relativ viele Wahlmöglichkeiten. Ich habe mich für Rechtswissenschaften entschieden.

In unserer Einführungsveranstaltung wurde uns gesagt: ›Wenn Sie hier ein paar Semester studieren, dann prägt Sie das für den Rest Ihres Lebens.‹ Und das ist wirklich so. Der eigene Blick auf Gesellschaft wird geschärft. Durch das Studium bin ich zum Beispiel für Themen wie Gender und Feminismus sensibilisiert worden.

Es ist in jedem Fall ratsam, viel zu lesen: die vorgegebenen Seminartexte, aber auch mal Texte und Bücher, auf die diese Texte verweisen. Noch wichtiger ist aber ein generelles Interesse für politische und gesellschaftliche Fragen. Man sollte mediale Diskurse verfolgen und ruhig auch mal die Tagesschau gucken.«

Berufsaussichten nach dem Studium

»Ich habe das Studium nicht angefangen, weil ich damit ein Berufsziel verfolge, sondern weil mich die gesellschaftspolitischen Fragen interessieren: Wie ist unsere Gesellschaft aufgebaut und wie funktioniert gutes Zusammenleben? Wer kann wie und wann politisch teilhaben? Ich will auf jeden Fall noch einen Master machen – vielleicht in Richtung Politikwissenschaft oder Stadtsoziologie.

Später könnte ich mir vorstellen, im Bereich Meinungsforschung oder als Referent bei einer Abgeordneten oder einem Abgeordneten zu arbeiten. Zurzeit absolviere ich ein Praktikum bei einer Partei und unterstütze dort den Bundestagswahlkampf. Das ist sehr spannend.

Ehemalige Kommiliton:innen arbeiten auch im Personalmanagement, im Journalismus oder in Beratungen. Reich wird man mit dem Studium wahrscheinlich nicht, aber ich glaube nicht, dass unserer Chancen auf einen soliden Beruf schlecht stehen. Vielleicht braucht es etwas mehr Einsatz als in anderen Studienfächern.«

Branchen und Gehälter:

Das Studium der Sozialwissenschaften bereitet nicht auf ein bestimmtes Berufsbild vor. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: Absolvent:innen arbeiten zum Beispiel in der Markt- und Meinungsforschung, im Personalwesen oder in Redaktionen, im Journalismus oder im Lektorat von Verlagen. Um sich weiter zu spezialisieren , empfiehlt sich ein Masterstudium, zum Beispiel in Sozialwissenschaft, Soziologie oder Gender Studies.

Als Absolvent:in verdient man zu Beginn laut Stepstone-Gehaltsreport  durchschnittlich 39.367 Euro brutto im Jahr. Personalreferent:innen verdienen mit 42.460 Euro brutto mit am besten.

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