Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über Soziologie gewusst hätte

Die Lehre der Gesellschaft – was ist das eigentlich? Eine Studentin erklärt, warum jeder ein Semester Soziologie vertragen könnte und weshalb sie keine Angst vor dem Berufseinstieg hat.
Aufgezeichnet von Veronika Silberg
Gesellschaftliche Phänomene aus wissenschaftlicher Sicht betrachten: Darum geht es im Studium der Soziologie (Symbolbild)

Gesellschaftliche Phänomene aus wissenschaftlicher Sicht betrachten: Darum geht es im Studium der Soziologie (Symbolbild)

Foto: JOSEP M ROVIROSA / Getty Images/Westend61
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020.

Für die Fächer auf den ersten 30 Plätzen dieses Rankings gibt es jeweils ein Porträt – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Für die weiteren Porträts haben wir zusätzlich mit einbezogen, nach welchen Fächern besonders viele Menschen suchen. Weit oben stehen dann etwa Soziologie, Philosophie und Pharmazie. Grundlage ist hier eine Auswertung von Google für den Zeitraum 2021 bis September 2022.

Hinweis: Die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Die Soziologie untersucht soziales Handeln – egal ob in einem politischen System, während einer Pandemie oder auf TikTok. Dementsprechend viele Forschungsfelder gibt es – und ebenso viele unterschiedliche Berufe, die Soziolog:innen anstreben können.

»Irgendwas mit Gesellschaft« studieren – viel mehr wusste Dorena, 25, vor Beginn ihres Bachelorstudiums an der Ludwig-Maximilians-Universität München auch nicht über Soziologie. Inzwischen absolviert sie ihr drittes Mastersemester und ist froh über ihre Wahl. Hier erzählt sie, was sie an Soziologie begeistert, wie sie gelernt hat, mit komplexen Theorietexten umzugehen, und wie das Studium ihren Blick auf die Coronapandemie geprägt hat.

Die Entscheidung fürs Soziologiestudium

»Nach dem Abitur wusste ich nicht genau, was ich machen wollte, und habe erst mal ein Jahr lang in einem Kino gejobbt, um Geld zu verdienen. Das Fach Soziologie hatte ich nicht auf dem Schirm – das war ›irgendwas mit Gesellschaft‹ für mich. Eine Schulfreundin wollte aber unbedingt Soziologie studieren und schleppte mich mit in eine Vorlesung im normalen Semesterbetrieb. Sie hat sich am Ende doch für Jura entschieden – mich aber hat Soziologie gecatcht.

Nach der Vorlesung habe ich recherchiert und den Eignungstest an der LMU  gemacht. Da hatte ich schon ein gutes Bauchgefühl. Tja, und dann bin ich dabeigeblieben und studiere inzwischen im dritten Mastersemester.

Begeistert hat mich damals wie heute, dass man in der Soziologie alltägliche Dinge in einem neuen Licht betrachtet. Zwar klingen die Themen auf den ersten Blick allgemein, aber man merkt schnell, dass sie alles andere als banal sind. Die Pandemie ist das beste Beispiel für die Relevanz soziologischer Debatten: wie wir auf den Lockdown reagiert haben oder welche strukturellen Probleme sich ergeben haben, etwa häusliche Gewalt gegen Frauen oder die Rollenaufteilung in der Familie.

Eigentlich sollten wir alle mal ein Semester Soziologie studieren. Einfach, um eine andere Perspektive auf die Welt zu bekommen. Um Dinge zu hinterfragen und nicht für selbstverständlich zu halten – einfach kritischer umzugehen mit allem, was uns im Alltag begegnet.«

Formale Voraussetzungen für ein Soziologiestudium:

  • Um Soziologie an einer deutschen Universität studieren zu können, wird in der Regel die allgemeine Hochschulreife vorausgesetzt.

  • An einigen Universitäten muss außerdem ein Studienorientierungsverfahren durchlaufen werden, etwa an der LMU München . Hier wird geprüft, ob sich Interessierte bereits mit den Inhalten des Studiengangs auseinandergesetzt haben, Verständnis von Texte und Grafiken sowie kritisches Denkvermögen mitbringen.

  • Auch ein lokaler Numerus Clausus ist an manchen Hochschulen möglich. Der liegt dann etwa zwischen 1,7 und 2,8. In den vergangenen Jahren hatten etwa die Unis in Hamburg (zuletzt: 2,3), Freiburg (1,9) und Düsseldorf (2,8) eine Zulassung über NC. In Chemnitz, Dortmund  oder Darmstadt  war der Studiengang dagegen zulassungsfrei.

Was man noch mitbringen sollte: kritisches Denkvermögen, keine Angst vor langen Theorietexten und noch längeren Diskussionen. Auch gute Englischkenntnisse  sind von Vorteil und an manchen Universitäten (etwa in Trier) sogar vorgeschrieben (Sprachniveau B1 oder B2).

Inhalte und Aufbau des Studiums

»In München hat mich im ersten Semester gleich die Einführungsvorlesung begeistert, die hatte ich bei Armin Nassehi , der ist ein ziemlicher Entertainer. Auch im begleitenden Tutorium hatte ich sehr viel Glück – mein Tutor hat komplexe Theorien anschaulich heruntergebrochen. Das war wichtig, weil schon am Anfang viel kompliziert wirkende soziologische Textarbeit anstand.

Im Nachhinein hätte ich mir von mir selbst eine etwas entspanntere Einstellung zur Fachliteratur gewünscht. Man liest zwar sehr viel, letztlich kommt man aber auch durch, wenn man nicht jeden einzelnen Text kennt. Und noch viel wichtiger: Es ist in Ordnung, wenn man komplexe Theorietexte beim ersten Lesen nicht sofort versteht. Das kommt mit der Zeit. Aus den Diskussionen nimmt man am Ende mehr mit als allein aus Büchern.

Neben der Textarbeit hatten wir anfangs noch Kurse in Statistik und wissenschaftlichem Arbeiten. Es soll Leute geben, die Statistik cool finden, alle anderen können es nach dem zweiten Semester abwählen.

Quantitative und qualitative Forschung im Soziologiestudium:

Nicht immer sind die beiden Forschungsmethoden klar zu trennen, manchmal greifen sie ineinander. Grob lässt sich aber unterscheiden in:

Quantitative Forschung: Empirische Forschungsmethoden, die etwa zählen, messen und mit nötigen Mindestmengen arbeiten. Daten werden statistisch ausgewertet, um eine Hypothese zu prüfen.

Und qualitative Forschung: Hier wird mit Stichproben gearbeitet, um neue Hypothesen aufzustellen. Dabei wird mehr in die Tiefe und weniger in die Breite geforscht, etwa über einzelne Interviews oder Gruppendiskussionen.

Nach den ersten zwei Semestern kommen Wahlfächer dazu – was angeboten wird, variiert von Uni zu Uni. Bei mir waren etwa Materialismus oder Phänomenologie dabei. Man kann seinen Schwerpunkt aber auch auf Genderforschung legen, auf soziale Ungleichheit, Bildung, Migration oder Integration. Bei Empirie oder Methodenfächern kann man sich entscheiden, ob man mehr quantitative oder qualitative Forschung machen möchte.

Typische Wahl- und Pflichtfächer im Fach Soziologie:

Typische Pflichtfächer: Allgemeine und Spezielle Soziologie, Soziologische Theorie, Methoden der empirischen Sozialforschung, Statistik

Mögliche Wahlbereiche: Migrationssoziologie, Gender Studies, Umweltsoziologie, Sozialwissenschaftliche Datenanalyse

Einen beispielhaften Studienverlauf gibt es bei der Universität Frankfurt , der Universität Mannheim  oder der Universität Leipzig .

Anfangs haben die meisten noch keinen Überblick über all die Fächer, das ist schon überfordernd. Im Nachhinein bin ich glücklich mit meiner Fächerwahl. Aber ich habe unterwegs auch Seminare abgebrochen und im nächsten Semester andere Fächer belegt. Pragmatismus etwa hat mich einfach nicht so interessiert. Insgesamt ist die Fächerwahl relativ frei und basiert auf Eigenverantwortung. Ich kenne sehr viele Leute, die Soziologie nicht in Regelstudienzeit abgeschlossen haben.

Bei den Prüfungen ist es ähnlich – da ist Eigenverantwortung gefragt. In den ersten Semestern, in denen es mehr Vorlesungen und weniger Seminare gibt, gibt es überwiegen Klausuren. In Seminaren müssen wir eigentlich immer ein Referat halten und am Ende eine Hausarbeit schreiben.«

Berufsaussichten nach dem Studium

»Die Berufswege nach dem Soziologiestudium sind – leider – genauso breit wie die Auswahl der Fächer. Ich arbeite als Werkstudentin in der Marktforschung – das ist ein Bereich, der sich anbietet. Aber auch Jobs im Personalwesen oder Journalismus sind möglich. Ich bin mir noch nicht sicher, wo ich letztlich hin möchte.

Die Vielzahl an Möglichkeiten hat mich am Anfang etwas eingeschüchtert. Das hat sicher auch dazu beigetragen, dass ich mich erst mal fürs Weiterstudieren im Master und gegen den Arbeitsmarkt entschieden habe. Inzwischen sehe ich es aber als Pluspunkt, sich so früh nicht festlegen zu müssen. Die Skills, die ich hier mitnehme, kann ich später in den unterschiedlichsten Berufsfeldern einsetzen – selbstständiges Arbeiten etwa, Recherche, Umgang mit komplexen Themen, kritisches Denken, Planung und Durchführung von Forschungsprojekten oder der Umgang mit statistischen Programmen.«

Branchen und Gehälter:

Wer Soziologie studiert,  ist in der Regel breit aufgestellt. Durch individuelle Schwerpunktsetzung können unterschiedliche berufliche Perspektiven angesteuert werden. Auch Auslandssemester, Praktika und Nebenjobs schärfen das Profil. Die Methodenausbildung kann etwa in Markt- und Meinungsforschungsinstituten hilfreich sein, aber auch in Unternehmens- oder Politikberatung. Ebenso finden sich in Medien- und Verlagshäusern, Stiftungen und NGOs, dem Bildungssektor oder dem öffentlichen Dienst Soziologie-Absolvent:innen.

Soziolog:innen bekamen 2021 laut StepStone-Gehaltsreport  im Durchschnitt ein jährliches Bruttogehalt von 57.239 Euro, bei Berufsanfänger:innen lag der Mittelwert bei 40.652 Euro. Das Gehalt hängt allerdings stark von der jeweiligen Branche ab.

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