Zahlen des Statistischen Bundesamts Mehr als ein Drittel der Studierenden ist rechnerisch arm

Schon 2021 lagen fast 38 Prozent der Studierenden mit ihrem Monatseinkommen unter der statistischen Armutsgrenze. Das Deutsche Studentenwerk fordert angesichts der aktuellen Krisen mehr Direkthilfen – und mehr Bafög.
Unter dem Motto »Eine Milliarde für eine Million Studi-Hilfe« hatten Studierende schon 2020 mehr Unterstützung für Studierende gefordert (Archivbild)

Unter dem Motto »Eine Milliarde für eine Million Studi-Hilfe« hatten Studierende schon 2020 mehr Unterstützung für Studierende gefordert (Archivbild)

Foto: K.M. Krause / snapshot / IMAGO

Mehr als jeder dritte Studierende in Deutschland gilt als armutsgefährdet, 2021 lag der Anteil bei 37,9 Prozent. Das teilte das Statistische Bundesamt mit. Ausgewertet wurden Daten zu Einkommen und Lebensbedingungen im Jahr 2021. Von Armut betroffen ist demnach vor allem eine Gruppe: Studierende, die allein oder in WGs lebten. Gut drei Viertel (76,1 %) von ihnen waren 2021 armutsgefährdet.

Zum Vergleich: Insgesamt waren im vergangenen Jahr 15,8 Prozent der Bevölkerung in Deutschland von Armut bedroht. Als arm oder armutsgefährdet gelten nach gängiger Definition Menschen, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung auskommen müssen – auch dann, wenn die Betroffenen selbst sich möglicherweise nicht als arm beschreiben würden. 2021 lag dieser Schwellenwert für eine allein lebende Person in Deutschland bei 15.009 Euro netto im Jahr oder 1251 Euro netto im Monat.

Belastung durch Wohnkosten für Studierende überdurchschnittlich hoch

Ein Grund für die hohe Armutsgefährdungsquote bei Studierenden sind die hohen Wohnkosten: 2021 lag der durchschnittliche Anteil der Wohnkosten am verfügbaren Haushaltseinkommen für Studierende bei 31,6 Prozent und damit ebenfalls deutlich über dem Schnitt der Gesamtbevölkerung (23,3 Prozent). Wer allein oder in Studierenden-WGs lebte, musste im Schnitt gut die Hälfte (51,1 Prozent) des verfügbaren Einkommens für Wohnen aufbringen.

Liegt die Wohnkostenbelastung auch nach Abzug von Transferleistungen noch bei mehr als 40 Prozent, gelten Haushalte als überbelastet. 2021 lebte knapp ein Viertel der Studierenden in Haushalten, auf die das zutraf. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung lebten nur 10,7 Prozent in einem überbelasteten Haushalt.

Deutsches Studentenwerk fordert mehr Unterstützung

Um finanziell belasteten Studierenden zu helfen, sieht das dritte Entlastungspaket der Bundesregierung Hilfen wie eine einmalige Energiepreispauschale von 200 Euro für sie vor. Damit sollen zusätzliche Belastungen, etwa durch eine größere Nachzahlung infolge der stark gestiegenen Energiepreise, abgemildert werden.

Dem Deutschen Studentenwerk (DSW) reicht das nicht. DSW-Generalsekretär Matthias Anbuhl fordert Nachbesserung bei Direkthilfen und Bafög. Gerade beim Bafög sei der Handlungsdruck groß: Grundbetrag und Wohnkostenpauschale müssten erhöht und die Sozialleistung automatisch an die Inflation angepasst werden. »Das ist die beste Armutsprophylaxe«, sagt Anbuhl. »Studierende stehen in diesem Wintersemester vor einer dramatischen sozialen Notlage. Sie kommen finanziell und psychisch auf dem Zahnfleisch aus der Coronapandemie – und wissen angesichts explodierender Preise oftmals nicht, wie sie nun Strom, Gas und Lebensmittel bezahlen sollen.«

Laut Statistischem Bundesamt lebten schon 2021 nahezu zwei von fünf Studierenden (38,5 Prozent) und damit bereits vor der aktuellen Energiekrise in Haushalten, die unerwartete größere Ausgaben aus eigenen finanziellen Mitteln nicht stemmen konnten. Unter den allein oder in WGs lebenden Studierenden traf dies auf mehr als die Hälfte zu (55,5 Prozent).

Insgesamt hat sich der finanzielle Spielraum für Studierende in den letzten Jahren immer weiter verkleinert: War 2020 noch fast jeder dritte Studierende in Deutschland rechnerisch von Armut betroffen, lag der Anteil armutsgefährdeter Studierender 2021 nun schon bei 37,9 Prozent. 2022 dürfte sich die finanzielle Lage für Studierende wegen gestiegener Lebenshaltungskosten und Energiepreise weiter verschärft haben.

asr/Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.