Unterstützung für Studierende Wie man ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung bekommt – und was es bringt

In unserer Reihe berichten Studierende von ihren Erfahrungen mit Stipendien. Dieses Mal: Meri Asryan, die sich nie als typische Stipendiatin gesehen hat – und dann lokale Gruppensprecherin in der Stiftung wurde.
Aufgezeichnet von Caroline Becker
Stipendiatin Meri Asryan: »Das Stipendium hat mir viele Türen geöffnet«

Stipendiatin Meri Asryan: »Das Stipendium hat mir viele Türen geöffnet«

Foto: privat

Laut myStipendium  gibt es in Deutschland mehr als 3000 Stipendienprogramme. Doch wie bekommt man ein Stipendium, und was kann man von der Förderung erwarten? In der Reihe »Stipendien erklärt« stellen wir verschiedene Stipendiengeber vor – von den großen Begabtenförderungswerken bis zu privaten Stiftungen.

Die Hans-Böckler-Stiftung  ist das Begabtenförderungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes und unterstützt Studienanfänger:innen, Promovierende, Menschen, die ihr Abitur nachholen, sowie Studierende, die aufgrund ihres Alters keinen Bafög-Anspruch mehr haben. Bei der Auswahl werden Leistungen in der Schule und im Studium berücksichtigt, sowie das gesellschaftliche Engagement.

Meri Asryan, 24, hat Politikwissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main studiert, wo sie nach einem Praxisjahr den Master in Wirtschaftssoziologie beginnen will. Mit Gewerkschaften hatte sie ursprünglich wenig zu tun, mit dem Stipendium hat sich das geändert.

Die Entscheidung für die Hans-Böckler-Stiftung

»Eine 1,0-Kandidatin war ich in der Schule nie, mein Abitur bestand ich mit 1,9. Dafür war ich sehr engagiert, zum Beispiel als Klassensprecherin in der Schüler:innenvertretung und im Streitschlichter:innenrat an meiner Schule. Als Anne-Frank-Botschafterin habe ich unter anderem einen interaktiven Workshop mitorganisiert, nach dem Abitur machte ich ein freiwilliges soziales Jahr in der Gedenkstätte Buchenwald.

Dennoch habe ich immer gedacht, dass ich nicht ganz in das stereotypische Bild einer Stipendiatin reinpasse, denn ich stamme aus einer Nichtakademiker:innen-Familie mit Zuwanderungsgeschichte. Einer meiner Lehrer ermutigte mich jedoch dazu, mich während der Schulzeit für ein Stipendium  für Schüler:innen mit Einwanderungshintergrund zu bewerben. Daraufhin informierte ich mich über weitere Stipendien.

Die Begabtenförderungswerke

Die 13 Begabtenförderungswerke  unterstützen Studierende und Promovierende sowohl finanziell als auch ideell. Sie stehen in Verbindung mit Parteien, Religionsgemeinschaften oder anderen Organisationen. Laut myStipendium  bieten sie deutschlandweit ein Viertel der Stipendien an; den größten Teil davon finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung .

Auf einer Infoveranstaltung zur Studienfinanzierung berichtete ein Stipendiat von der Hans-Böckler-Stiftung. Er betonte, dass diese sich für Chancengleichheit im Bildungswesen einsetze und insbesondere Stipendien an Menschen vergebe, für die Studieren keine Selbstverständlichkeit ist. Ich fühlte mich angesprochen. Außerdem konnte ich mich gut mit den Werten Mitbestimmung, Freiheit und Solidarität identifizieren. Also bewarb ich mich, bevor ich mein Studium begann.«

Der Bewerbungsprozess

»Zuerst musste ich einen Bewerbungsbogen mit Fragen zu meiner Biografie, meinem gesellschaftspolitischen Engagement und meinen Zielen ausfüllen und zusammen mit einem Gutachten von einem Lehrer, einem Lebenslauf und Zeugnissen an die Stiftung schicken. Inzwischen geht das alles online. Was die Digitalisierung betrifft, könnte die Stiftung aber noch besser werden.

Im zweiten Schritt wurde ich zu zwei sogenannten Gutachtergesprächen eingeladen – eins mit einem Dozenten und eins mit aktuellen Stipendiat:innen. Der Dozent fragte mich zum Beispiel, was ich studieren möchte und warum ich denke, dass Gewerkschaften in unserer Gesellschaft wichtig sind. Bislang hatte ich keine Berührungspunkte mit Gewerkschaften gehabt – das war aber kein Ausschlusskriterium. Ich hatte mich im Vorfeld der Bewerbung mit dem Thema auseinandergesetzt, und konnte nun argumentieren, dass nur durch eine starke Gewerkschaft Arbeitsbedingungen verbessert werden können.

Im Gespräch mit den Stipendiat:innen konnte ich Fragen loswerden und sie gaben mir Tipps für die letzte Runde, ein Auswahlausschussgespräch mit Vertreter:innen von Gewerkschaften, Dozent:innen und einer oder einem Stipendiat:in in Düsseldorf. Davor war ich sehr nervös, aber wurde im Gespräch entspannter, weil die anwesende Stipendiatin mit mir viel über mein Engagement sprach. Im Spätsommer erhielt ich die Zusage.

Übrigens: Wenn man abgelehnt wird, hat man die Möglichkeit, sich beim nächsten Durchgang wieder zu bewerben. Ganz wichtig ist, dass im Bewerbungsdurchlauf die Gesamtbiografie berücksichtigt und gewürdigt wird. Man muss nicht zwingend gewerkschaftlich aktiv sein. Unter den Stipendiat:innen gibt es Leute mit unterschiedlichen Hintergründen. Dadurch, dass auch Leute auf dem zweiten und dritten Bildungsweg gefördert werden, gibt es auch eine gewisse Alterspanne.«

Voraussetzungen und Auswahlkriterien

Um in einer der parteinahen Stiftungen aufgenommen zu werden, ist Parteizugehörigkeit kein Muss. Auch bei der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung ist gewerkschaftliches Engagement keine Voraussetzung. Die Bewerber:innen sollten sich aber mit den jeweiligen Werten der Stiftung identifizieren. Für die Bewerbung zählen:

  • Überdurchschnittliche Leistungen (auch ein Zweierschnitt kann reichen)

  • Gesellschaftliches oder soziales Engagement (von Klassensprecher:in bis NGO ist alles möglich)

  • Motivation und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein; außerdem die Frage, wie gut die Bewerber:innen zur Stiftung passen

Der Bewerbungsprozess ist oft mehrstufig. In der Regel brauchen Bewerber:innen Gutachten und müssen einen Fragebogen ausfüllen, bevor sie zu persönlichen Bewerbungsgesprächen und/oder Auswahltagen eingeladen werden.

Hinweis: Wegen der Coronapandemie haben einige der Begabtenförderungswerke den Bewerbungsprozess leicht verändert. Die Auswahlgespräche finden zum Beispiel vermehrt online statt.

Das Stipendium

»Wir hatten ein fünftägiges Einführungsseminar, auf dem uns alles zur Struktur der Stiftung erzählt wurde – und darüber, was wir bekommen können und was wir geben müssen. Von Stipendiat:innen wird erwartet, dass sie sich beteiligen. Bis auf das Einführungsseminar und die Semesterberichte ist aber nichts verpflichtend. Das, was eine Studienförderung so attraktiv macht, ist natürlich die finanzielle Sicherheit. Ich bekomme monatlich 300 Euro und circa das, was ich sonst als Bafög-Höchstsatz bekommen hätte.

Aber ein Stipendium ist noch viel mehr als das. Mir ist es wichtig, mitgestalten zu können und innerhalb der Stiftung geht das. Ich war zum Beispiel Gruppensprecherin in Frankfurt und habe unsere regelmäßigen Treffen organisiert, mich außerdem am Auswahlverfahren beteiligt.

Die Stiftung bietet Seminare an, dabei gibt es jedes Jahr einen anderen Schwerpunkt, etwa Solidarität oder Disruption. Die Themen der Seminare hängen dabei unterschiedlich stark mit Gewerkschaft zusammen. Ich habe zum Beispiel an einer Auslandsakademie in Frankreich, einem Statistik-Seminar und einem Seminar zu ›Chinakompetenz‹ teilgenommen. Die Stiftung hat mir auch mein Auslandssemester in Finnland, einen Auslandsaufenthalt in Brüssel und einen Armenisch-Sprachkurs in Jerewan ermöglicht.«

Die Förderung

Finanziell: Die Rahmenbedingungen sind bei allen Begabtenförderungswerken gleich . Pro Monat erhalten Stipendiat:innen pauschal 300 Euro sogenanntes Büchergeld. Je nach Einkommen und Vermögen der Studierenden und ihrer Eltern können in Anlehnung ans Bafög bis zu 752 Euro pro Monat dazukommen, außerdem Zuschläge für die Kranken- und Pflegeversicherung. Promovierende erhalten ein Stipendium in Höhe von 1350 Euro pro Monat.

Ideell: Die Teilnahme an Seminaren und Hochschulgruppentreffen der Begabtenförderungswerke wird meist erwartet. Stipendiat:innen können sich auch selbst einbringen, Seminare organisieren oder Hochschulgruppen leiten. Darüber hinaus bieten die Stiftungen oft freiwillige Zusatzangebote wie Mentoring-Programme, Networking Events und Workshops.

Fazit

»Das Stipendium hat mir viele Türen geöffnet – unter anderem zum Deutschen Gewerkschaftsbund, bei dem ich inzwischen aktiv bin. Nach jedem Treffen mit anderen Stipendiat:innen fühle ich mich extrem empowert, weil die Gespräche und der Austausch individuelle Hilflosigkeit in kollektiven Mut verwandeln. Man fühlt sich nicht allein. Das gibt mir viel Kraft, mich weiterhin zu engagieren und mitzugestalten.«

Transparenzhinweis: Die Autorin ist selbst Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung, der parteinahen Stiftung der CDU.

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