Unterstützung für Studierende Wie man ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung bekommt – und was es bringt

Inga Lahrsen wurde im Studium von der parteinahen Stiftung der Grünen gefördert. Hier berichtet sie, warum sie erst gezögert hat, sich zu bewerben. Und warum sie froh ist, es doch gemacht zu haben.
Aufgezeichnet von Caroline Becker
Ein Stipendium bringt oft auch ein Netzwerk mit sich (Symbolbild)

Ein Stipendium bringt oft auch ein Netzwerk mit sich (Symbolbild)

Foto: Ritzmann / plainpicture

Laut myStipendium  gibt es in Deutschland mehr als 3000 Stipendienprogramme. Doch wie bekommt man ein Stipendium, und was kann man von der Förderung erwarten? In der Reihe »Stipendien erklärt« stellen wir verschiedene Stipendiengeber vor – von den großen Begabtenförderungswerken bis zu privaten Stiftungen.

Die Heinrich-Böll-Stiftung  ist die parteinahe Stiftung von Bündnis 90/Die Grünen. Wie bei vielen anderen Stipendiengebern braucht man nicht nur gute Noten, um dort aufgenommen zu werden. Genauso wichtig sind ehrenamtliches Engagement, zum Beispiel im Umweltschutz, sowie die eigene Haltung und Persönlichkeit.

Wie der Bewerbungsprozess genau funktioniert und was ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung überhaupt bringt, weiß Inga Lahrsen, 27. Sie hat im Bachelor Energie- und Prozesstechnik und im Master Energie- und Verfahrenstechnik an der Technischen Universität Berlin studiert und ist vor Kurzem in den Beruf gestartet.

Die Entscheidung für die Heinrich-Böll-Stiftung

»Ich komme aus einem Nicht-Akademiker:innen-Haushalt, und obwohl ich zu den leistungsstärksten Schüler:innen meiner Stufe gehörte, wusste ich nur, dass es Stipendien gibt, aber nicht welche oder was ich dafür brauche. Nach dem Abitur verbrachte ich ein ›Gap Year‹ in Montreal und arbeitete bei Greenpeace. Dort lernte ich eine Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung kennen. Sie erzählte mir, dass sich die Stiftung für Umweltschutz und Geschlechtergerechtigkeit einsetzt – das gefiel mir.

Noch im ›Gap Year‹ informierte ich mich online über die Bewerbung. Deren Umfang schüchterte mich aber erst ein. Im dritten Semester beschloss ich, mich doch noch zu bewerben. Ich hatte öffentliche Veranstaltungen der Heinrich-Böll-Stiftung besucht und ein gutes Bauchgefühl.

Die Werte, für die die Stiftung steht – also Nachhaltigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung – begleiten mich bis heute. Und ich finde toll, dass sie insbesondere Menschen mit Fluchterfahrung, von Fachhochschulen und Frauen in MINT-Fächern ermutigt, sich zu bewerben.«

Die Begabtenförderungswerke

Die 13 Begabtenförderungswerke  unterstützen Studierende und Promovierende sowohl finanziell als auch ideell. Sie stehen in Verbindung mit Parteien, Religionsgemeinschaften oder anderen Organisationen. Laut myStipendium  bieten sie deutschlandweit ein Viertel der Stipendien an; den größten Teil davon finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung .

Der Bewerbungsprozess

»Für die erste Bewerbungsstufe musste ich einen Fragebogen ausfüllen, gefragt wurde nach meinem ehrenamtlichen Engagement – im Studium war ich bei der BUNDjugend aktiv –, meinen Werten, meiner Motivation und meinem Lebenslauf. Ich kann nur allen ans Herz legen, sich dafür viel Zeit zu nehmen und vielleicht auch andere zu bitten, mal drüberzulesen.

Außerdem brauchte ich ein Gutachten von einem Hochschuldozierenden – gar nicht so leicht, an der großen Uni kannte mich ja fast niemand. Ich ging dann einfach in die Sprechstunde eines Professors, in dessen Vorlesung ich schon ein paar Fragen gestellt hatte, und legte ihm meinen Notenspiegel und einige Stichpunkte vor. Darauf basierend schrieb er das Gutachten.

Voraussetzungen und Auswahlkriterien

Um in einer der parteinahen Stiftungen aufgenommen zu werden, ist Parteizugehörigkeit kein Muss. Die Bewerber:innen sollten sich aber mit den jeweiligen Werten der Stiftung identifizieren. Für die Bewerbung zählen:

  • Überdurchschnittliche Leistungen (auch ein Zweierschnitt kann reichen)

  • Gesellschaftliches oder soziales Engagement (von Klassensprecher:in bis NGO ist alles möglich)

  • Motivation und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein; außerdem die Frage, wie gut die Bewerber:innen zur Stiftung passen

Der Bewerbungsprozess ist oft mehrstufig. In der Regel brauchen Bewerber:innen Gutachten und müssen einen Fragebogen ausfüllen, bevor sie zu persönlichen Bewerbungsgesprächen und/oder Auswahltagen eingeladen werden.

Hinweis: Wegen der Coronapandemie haben einige der Begabtenförderungswerke den Bewerbungsprozess leicht verändert. Die Auswahlgespräche finden zum Beispiel vermehrt online statt.

In der zweiten Bewerbungsstufe sollte ich mit einer Professorin sprechen, die die Stiftung im Auswahlverfahren unterstützt. Das war wider Erwarten nicht wie eine mündliche Uniprüfung, sondern eher ein herzliches Gespräch. Wir unterhielten uns über mein Studium und darüber, wie die Werte der Stiftung mit meinem Leben und Ehrenamt verknüpft sind.

Dann kam Stufe drei, und ich wurde zu einem eintägigen Workshop ins Stiftungsgebäude nach Berlin eingeladen. Dort wurde ich in einem Einzelgespräch geprüft und musste mit sieben anderen Kandidat:innen über ein aktuelles politisches Thema diskutieren. Bei mir ging es damals um die Fußball-WM in Brasilien, die dortigen Proteste gegen Korruption und die Frage: Boykott – ja, oder nein? Da lohnt es sich, in den Wochen zuvor viel Zeitung zu lesen.

Mehr als auf den Inhalt kommt es aber meiner Erfahrung nach darauf an, wie du dich im Diskurs verhältst, ob du achtsam bist oder anderen ins Wort fällst und wo du politisch stehst.«

Das Stipendium

»Alle Stipendiat:innen der Begabtenförderungswerke bekommen eine Pauschale von 300 Euro im Monat. Da ich Bafög-berechtigt bin, habe ich zusätzlich den Bafög-Satz bekommen. So musste ich nicht arbeiten, konnte mich auf mein Studium konzentrieren und hatte Zeit für mein Ehrenamt.

Bei Auslandssemestern übernimmt die Stiftung außerdem einen großen Teil der Reisekosten und Studiengebühren. Ohne diese Unterstützung wäre ich im Master wahrscheinlich nicht noch mal für ein Semester nach Kanada gegangen. Übrigens: Wenn du in der Regelstudienzeit nicht alle Credits schaffst, weil du dich zum Beispiel ehrenamtlich besonders engagierst oder im Ausland warst, kannst du auch eine Verlängerung der Förderung beantragen.

Neben der finanziellen gibt es auch eine ideelle Förderung: Pro Jahr sollen wir mindestens zwei Seminare und zwei Treffen der Hochschulgruppen am jeweiligen Studienort besuchen. Ich war zum Beispiel in Arbeitsgruppen zum Thema Gender, Polizei und innere Sicherheit, und ich habe ein Seminar zu Improtheater besucht. Dazu gibt es eine Art Sommercamp und viele öffentliche Veranstaltungen der Stiftung, die ich auch potenziellen Bewerber:innen zur Orientierung empfehlen kann.

Natürlich tauschen wir Stipendiat:innen uns auch über aktuelle politische Fragen aus, aber dieser Austausch entsteht ganz freiwillig. Ich schätze, dass die Minderheit von uns wirklich parteipolitisch aktiv ist. Das ist kein Aushängeschild, mit dem man sich profiliert.«

Die Förderung

Finanziell: Die Rahmenbedingungen sind bei allen Begabtenförderungswerken gleich . Pro Monat erhalten Stipendiat:innen pauschal 300 Euro sogenanntes Büchergeld. Je nach Einkommen und Vermögen der Studierenden und ihrer Eltern können in Anlehnung ans Bafög bis zu 752 Euro pro Monat dazukommen, außerdem Zuschläge für die Kranken- und Pflegeversicherung. Promovierende erhalten ein Stipendium in Höhe von 1350 Euro pro Monat.

Ideell: Die Teilnahme an Seminaren und Hochschulgruppentreffen der Begabtenförderungswerke wird meist erwartet. Stipendiat:innen können sich auch selbst einbringen, Seminare organisieren oder Hochschulgruppen leiten. Darüber hinaus bieten die Stiftungen oft freiwillige Zusatzangebote wie Mentoring-Programme, Networking Events und Workshops.

Fazit

»Das Netzwerk, das ich über die Stiftung knüpfen konnte, ist eine irre tolle Grundlage. Ich kenne jetzt ähnlich gesinnte Menschen in allen möglichen Bereichen. Über das Mentoring-Programm konnte ich mich zum Beispiel mit einer Ingenieurin vernetzen, die mich beim Berufsstart beraten hat.«

Transparenzhinweis: Die Autorin ist selbst Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung, der parteinahen Stiftung der CDU.

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