Jüdisches Begabtenförderungswerk Wie man ein ELES-Stipendium bekommt – und was es bringt

Als Schülerin engagierte sich Liza Falk in einer jüdischen Jugendbewegung. Ein Safe Space für junge Juden sei wichtig, sagt sie. Im Studium hat sie den über ihr Stipendium gefunden.
Stipendiatin Liza Falk: »Ein Safe Space, in dem wir uns mit jüdischen und gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen können«

Stipendiatin Liza Falk: »Ein Safe Space, in dem wir uns mit jüdischen und gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen können«

Foto: privat

Laut myStipendium  gibt es in Deutschland mehr als 3000 Stipendienprogramme. Doch wie bekommt man ein Stipendium, und was kann man von der Förderung erwarten? In der Reihe »Stipendien erklärt« stellen wir verschiedene Stipendiengeber vor – von den großen Begabtenförderungswerken bis zu privaten Stiftungen.

Das jüdische Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk  (ELES) ist mit circa 400 Stipendiat:innen das kleinste der 13 Begabtenförderungswerke. Bewerber:innen sollten der jüdischen Gemeinschaft angehören, überdurchschnittliche Schul- und Studienleistungen sowie soziales und/oder gesellschaftliches Engagement vorweisen können.

Liza Falk, 22, studiert Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist Regionalsprecherin der ELES-Stipendiat:innen aus Bayern. An ihrem Studienwerk schätzt sie besonders, dass es einen sicheren Raum für Diskussionen und Austausch bietet.

Die Entscheidung für das ELES

»In der sechsten Klasse wechselte ich vom Gymnasium auf die Realschule. Ich wäre am Gymnasium vermutlich schon irgendwie durchgekommen, aber meine Mutter hatte gesehen, dass es meine Schwester auf der Realschule viel leichter hatte. Ich machte einen sehr guten Realschulabschluss, anschließend meine Fachoberschulreife und schließlich 2018 mein Abitur, Notendurchschnitt 2,1. Einige in meinem Umfeld sagten, dass ich mit so einem Schnitt keine Chance auf ein Stipendium hätte und mich gar nicht erst bewerben solle. Doch meine Mutter ermutigte mich, schließlich kommt es bei Stipendien auf das Gesamtpaket an.

Als Kind hatte ich an Ferienfreizeiten der progressiven reformjüdischen Jugendbewegung ›Netzer‹ teilgenommen. Später organisierte ich diese Freizeiten selbst als Jugendleiterin. Es ist wichtig, dass jüdische Kinder wissen, dass sie nicht allein sind und andere Jüdinnen und Juden ähnliche Erfahrungen gemacht haben, zum Beispiel was Antisemitismus betrifft. Und dass sie einen jüdischen Safe Space haben. Deshalb – und weil ich die finanzielle Unterstützung gut gebrauchen konnte –, bewarb ich mich schon während meines Abiturs für ein ELES-Stipendium.«

Der Bewerbungsprozess

»Für die Bewerbung musste ich zunächst zwei Gutachten von Lehrer:innen einreichen sowie eins von einer Person aus dem jüdischen Kontext, in meinem Fall war das ein Rabbiner. Dazu ein Motivationsschreiben, Zeugnisse, einen tabellarischen und damals auch noch einen ausformulierten Lebenslauf.

Im zweiten Schritt wurde ich zu einem zweitägigen Auswahlseminar in Brandenburg eingeladen. Dort hielten wir in Kleingruppen einen Vortrag zu einem Thema unserer Wahl, im Anschluss gab es eine Gruppendiskussion. Im Judentum wird grundsätzlich viel diskutiert. Ein beliebter Spruch ist ›Zwei Juden, drei Meinungen‹ – ich denke, der passt wirklich. Außerdem hatte ich Einzelgespräche mit einem Alumnus und einer jüdischen Schuldirektorin. Darin ging es vor allem darum, welchen Stellenwert das Judentum für mich hat.

Es waren schon sehr stressige Tage, aber ich habe gelernt, dass man sich nicht alles vorher zurechtlegen kann, sondern einfach man selbst sein muss.«

Die Begabtenförderungswerke

Die 13 Begabtenförderungswerke  unterstützen Studierende und Promovierende sowohl finanziell als auch ideell. Sie stehen in Verbindung mit Parteien, Religionsgemeinschaften oder anderen Organisationen. Laut myStipendium  bieten sie deutschlandweit ein Viertel der Stipendien an; den größten Teil davon finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung .

Das Stipendium

»Das Studienwerk steht für ein traditionsbewusstes, pluralistisches und weltoffenes Judentum. Manche Stipendiat:innen sind aber auch nicht jüdisch, sondern promovieren etwa zu jüdischen Themen. Für mich und viele andere ist das ELES ein Safe Space, in dem wir uns mit jüdischen und gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen können.

Verglichen mit anderen Studienwerken sind wir sehr klein, wodurch wir eine enge Bindung zur Geschäftsstelle haben. Bei Problemen kann man sich jederzeit melden. In den Halbjahres- und Jahresberichten erzählt man von der eigenen Entwicklung, seinem Engagement inner- und außerhalb der Stiftung und vom Studium. Anhand der Berichte wird entschieden, ob die Förderung verlängert wird.

Man fliegt aber nicht raus, weil man keinen 1,0-Durchschnitt hat. Es ist vor allem wichtig, dass man sich als Stipendiat:in engagiert. Ich bin unter anderem Regionalsprecherin der ELES-Stipendiat:innen in Bayern. Pro Semester müssen wir an einem Treffen und einem Studientag unserer Regionalgruppe teilnehmen, außerdem sollten wir pro Jahr mindestens ein Seminar besuchen. Highlights sind die Studienreisen, etwa nach New York, oder die Fahrt nach Israel, die in Kooperation mit Stipendiat:innen der KAS stattfindet.

Voraussetzungen und Auswahlkriterien

Beim jüdischen Studienwerk  ist die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft in der Regel Voraussetzung, in Ausnahmefällen können jedoch auch Forschungsprojekte zu jüdischen Themen gefördert werden. Auch beim Cusanuswerk  ist die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche ein Muss. Das Begabtenförderungswerk Avicenna  fördert Muslim:innen und in Ausnahmen Personen mit einem besonderen Bezug zum Islam (z.B. durchs Studium). Beim Evangelischen Studienwerk Villigst  ist die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche nicht zwingend nötig.

Für die Bewerbung zählen:

  • Überdurchschnittliche Leistungen (auch ein Zweierschnitt kann reichen)

  • Gesellschaftliches und/oder soziales Engagement (von Klassensprecher:in bis NGO ist alles möglich)

  • Motivation und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein; außerdem die Frage, wie gut die Bewerber:innen zur Stiftung passen

Der Bewerbungsprozess ist oft mehrstufig. In der Regel brauchen Bewerber:innen Gutachten und/oder müssen einen Fragebogen ausfüllen, bevor sie zu persönlichen Bewerbungsgesprächen und/oder Auswahltagen eingeladen werden.

Hinweis: Wegen der Coronapandemie haben einige der Begabtenförderungswerke den Bewerbungsprozess leicht verändert. Die Auswahlgespräche finden zum Beispiel vermehrt online statt.

Wie alle Stipendiat:innen erhalte ich 300 Euro sogenanntes Büchergeld pro Monat, dazu noch mal ungefähr so viel, wie ich BAföG bekommen würde. Damit kann ich in München zwar kein luxuriöses Leben führen, aber das Geld ermöglicht mir, mich weiterhin ehrenamtlich zu engagieren. Seit Beginn meines Studiums bin ich beim Stipendiennetzwerk aktiv, einem Verein von Stipendiat:innen aller Begabtenförderungswerke. Als ELES haben wir bereits eine sehr gute Beziehung zum muslimischen Studienwerk Avicenna. Dass wir Minderheiten in Deutschland angehören, verbindet.«

Transparenzhinweis: Die Autorin ist selbst Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung, der parteinahen Stiftung der CDU.

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