Tim Reichel

Entspannter studieren Wie man aufhören kann, sich zu sehr unter Druck zu setzen

Tim Reichel
Ein Gastbeitrag von Tim Reichel
Abschluss mit Auszeichnung, am besten in Regelstudienzeit? Viele Studierende stellen hohe Erwartungen an sich. Damit blockieren sie sich im Zweifel selbst. Unser Kolumnist gibt Tipps, die beim Durchatmen helfen.
Ganz entspannt durchs Studium gleiten: So nimmt man sich den Druck raus (Symbolbild)

Ganz entspannt durchs Studium gleiten: So nimmt man sich den Druck raus (Symbolbild)

Foto: Malte Mueller / Getty Images / fStop

Ein Studium kann belasten. Eine der häufigsten Ursachen dafür: die eigenen Erwartungen. Viele Studis setzen sich selbst derart unter Druck, dass sie die Freude am Studieren verlieren. Kleine Kostprobe:

  • »Ich muss jede Prüfung in diesem Semester bestehen.«

  • »Ich muss in Regelstudienzeit studieren.«

  • »Ich muss mein Studium mit Auszeichnung abschließen.«

Bachelor of Smarts – die Uni-Kolumne

Gutes Zeitmanagement, die richtige Lernstrategie vor Prüfungen, Tipps für den Einstieg ins digitale Semester: In dieser Kolumne gibt Dr. Tim Reichel Rat zu Herausforderungen im Studium und zeigt, wie Studierende erfolgreich durch den Bachelor kommen – ohne Dauerstress.

Du stehst auch vor einem vermeintlich unlösbaren Problem im Studium oder hast eine Frage an Tim Reichel? Dann schreib uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Grundsätzlich habe ich nichts gegen anspruchsvolle Studienziele – ganz im Gegenteil. Wenn diese Erwartungen jedoch mehr lähmen, als dass sie motivieren, sollte schleunigst nachjustiert werden. Und das machen wir jetzt.

Große Ziele, kleine Ziele

Ziele sind nur dann sinnvoll, wenn du sie umsetzen kannst; andernfalls schüren sie unrealistische Erwartungen und können dich niederdrücken. Deshalb solltest du große Ziele in kleine Teilschritte aufteilen. Angenommen, du möchtest deine nächste Prüfung mit einer sehr guten Note bestehen. Dein übergeordnetes Ziel könnte in diesem Fall lauten:

  • »Einführung in die Statistik« mit der Note 1.3 bestehen.

Bei dieser Zielsetzung solltest du jedoch nicht verbleiben. Viel geschickter ist es, dieses Ziel in kleine Zwischenziele aufzuteilen und diesen konkrete Handlungen zuzuordnen, die du leicht umsetzen kannst. In etwa so:

  • Zwischenziel 1: Vorlesungsunterlagen sichten

  • Zwischenziel 2: Vorlesungsskript lesen

  • Zwischenziel 3: Vorlesungsskript zusammenfassen

  • Zwischenziel 4: Übungsaufgaben zu Kapitel 1 bearbeiten

  • Und so weiter

Du bestimmst also kleine Meilensteine auf dem Weg zu deinem großen Ziel. Gedanklich musst du dich jetzt nur noch mit dem nächsten, kleinen Zwischenziel beschäftigen und kannst dich so Schritt für Schritt nach vorne arbeiten.

Struktur, die entlastet

Mentaler Druck entsteht häufig nur deswegen , weil Aufgaben schlecht geplant werden. Die Ungewissheit ist hierbei das größte Problem: Dadurch, dass du nicht weißt, wann du dich um was kümmern musst, hast du ständig das Gefühl, an alles denken zu müssen. Ein Zeitplan kann hier für Abhilfe sorgen.

Sammle zunächst alle wichtigen Aufgaben auf einer Liste, auch deine Zwischenziele aus dem vorherigen Punkt. Weise jedem Punkt ein konkretes Datum zu. Schätze zudem die Dauer jeder Aufgabe ein. Hierbei ist es wichtig, dass du realistisch bleibst: Wenn du dir für den restlichen Tag vornimmst, drei Kapitel der Vorlesung zu wiederholen, ein Buch zu lesen, sieben Fallbeispiele zu studieren und 25 Seiten deiner Studienarbeit zu schreiben, ist dein Zeitplan alles – nur nicht umsetzbar.

Das bringt uns zu einem weiteren Vorteil dieser Planungsstrategie: Unrealistische Ziele werden sichtbar. Denn deine verfügbare Zeit ist nicht verhandelbar. Wenn du feststellst, dass du ein zuvor gesetztes Ziel faktisch gar nicht erreichen kannst, ist es deine Pflicht als kluger Mensch dieses Ziel aufzugeben. Oder zu korrigieren.

Zurück in die Realität

Zwischenziele und Zeitplanung sorgen dafür, dass du dich langfristig weniger unter Druck setzt – doch du brauchst auch eine Strategie für deine täglichen Herausforderungen. Was ich gestressten Studis besonders gerne empfehle, ist ein sogenanntes »Tagesziel«. Bei diesem Konzept definierst du täglich eine Aufgabe, die du auf jeden Fall erledigen kannst. Nicht zehn Aufgaben, nicht zwei – sondern wirklich nur eine einzige. Und die muss nicht einmal sehr umfangreich sein.

Bei deinem Tagesziel geht es nicht darum, dass du dich »nur« um dieses eine Ziel kümmerst. Es ist vielmehr ein Fixpunkt, ein Minimum dessen, was du erreichen kannst. Zum Beispiel:

  • Zehn Seiten lesen

  • Fünf Vokabeln lernen

  • Und so weiter

Wenn du auch nur eine Aufgabe jeden Tag erledigst, erzeugst du eine produktive Dynamik. Mit jedem kleinen Erfolg wird deine Motivation wachsen. Und sehr wahrscheinlich wirst du nach dem Erreichen deines Tagesziels nicht aufhören, sondern das nächste Zwischenziel in Angriff nehmen. So kommst du in einen ganz natürlichen Flow, ohne dich zu sehr unter Druck setzen zu müssen.

Fazit

Wenn du dich beim Studieren zu sehr unter Druck setzt, riskierst du eine Blockade. Und die steht deinem Erfolg erst recht im Weg. Stattdessen solltest du einen kritischen Blick auf deine Studienziele werfen: Sind sie realistisch? Sind sie umsetzbar? Mithilfe von Teilaufgaben, Zeitplänen und Tageszielen kannst du ein Arbeitspensum definieren, dass zu dir passt und dich möglichst wenig unter Druck setzt.

Davon abgesehen: Beim Studieren geht es nicht darum, möglichst viele Prüfungen mit der besten Note in Rekordzeit zu bestehen. Das Studium ist eine Phase der persönlichen Weiterentwicklung – und die setzt nicht ein, wenn du wie eine effiziente Studiermaschine durchgetaktet bist. Studieren bedeutet, Neues zu entdecken, sich auszuprobieren und Fehler zu machen.

Selbst wenn du mal eine Prüfung nicht bestehst oder ein paar Semester länger studierst: Selbsterkenntnis ist mehr wert als ein makelloses Zeugnis.