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forschen STUDIEN AUF DEM STRICH

FRANKFURTER SOZIALPÄDAGOGEN SUCHTEN FÜR IHR DIPLOM KONTAKT ZU DROGENPROSTITUIERTEN.
Von Almut Hielscher
aus UNI SPIEGEL 6/2002

Vor zehn Jahren kam Antje Langer, 28, aus Halle nach Frankfurt, um eine Banklehre zu machen. Als sie zum ersten Mal ganz aus Versehen in die Seitenstraßen des Frankfurter Bahnhofviertels geriet, fühlte sie nichts als Ekel und Widerwillen. »Alle diese Bilder von Drogenkranken und Prostituierten aus Filmen, Büchern und Zeitschriften tauchten sofort in meinem Kopf auf. Nichts wie weg, hab ich gedacht.«

Heute kennt sie jede Ecke zwischen Mosel- und Weserstraße, zwischen Ponto-Platz und Mainzer Landstraße, dem Drogenstrich am Frankfurter Hauptbahnhof. Denn Antje Langer erforscht inzwischen die Situation jener Frauen, die in der Szene oft abschätzig »Nadel-Nutten« genannt werden.

Langer ist mittlerweile wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Erziehungswissenschaften und Sozialpädagogik und gehört zu einer Gruppe von 22 Studenten, die vier Semester lang die Lebenswelt der Frankfurter Drogenprostituierten untersucht hat.

Das Forschungsprojekt war die Idee von zwei Experten der Drogenproblematik, Professor Henner Hess vom Fachbereich Erziehungswissenschaften und Sozialpädagogik und Dozent Rafael Behr. Der Soziologe arbeitete 15 Jahre lang als Polizeibeamter - unter anderem in der Frankfurter Innenstadt. Auch einige der Studenten hatten schon Erfahrungen aus der Arbeit in Drogenberatungsstellen. »Wir hatten keinen Auftrag irgendwelcher Behörden oder Institutionen«, sagt Behr, »und haben weder Statistiken erhoben noch Typologien erstellt. Es war die blanke akademische Freiheit bester Frankfurter Tradition.«

Die studentischen Forscher hatten allen Grund, jeden Anschein von Zusammenarbeit mit den Behörden zu vermeiden - ihre Studienobjekte kommen gleich zweimal mit dem Gesetz in Konflikt: Sie besitzen und konsumieren illegale Drogen, und sie gehen im Sperrgebiet der Prostitution nach. Deshalb sind sie auch ständig bedroht von Bußgeldbescheiden der Beamten des Ordnungsamts, die durch die Straßen streifen, und fühlen sich gegängelt von den allgegenwärtigen polizeilichen Ordnungshütern.

In der Hierarchie des Gewerbes, vom Escort-Service über die selbstbewusste Profi-Hure im Bordell bis zum Straßenstrich stehen die Drogenprostituierten ganz unten. Sie gelten als Preisbrecherinnen, die in ihrer Not zu allem bereit sind.

»Du bist sozusagen schon das Billigste vom Billigen - also Schlussverkauf und zum zehnten Mal runtergesetzt«, so hat Carmen den Studenten ihre Erniedrigung geschildert. Und auf die Frage, nach welchen Kriterien sie ihre Kunden aussucht, sagt Britta klipp und klar: »Nach Turkey, nach Dringlichkeit, und wenn ich merk, Turkey kommt bald, und ich bin noch fit, dann stell ich mich hin und grins und wart halt, dass irgendetwas passiert.« Turkey heißen im Junkie-Slang die Entzugserscheinungen.

Die Forschung im Milieu, die sich über vier Semester hinzog und in der Abschlussarbeit von Antje Langer im Kapitel Methoden als »teilnehmende Beobachtung, ein Kernstück der ethnografischen Feldforschung« beschrieben wird, gestaltete sich zunächst äußerst schwierig. Die 15 Frauen und 7 Männer wurden nicht nur von den Drogen-Frauen misstrauisch beäugt. Auch Streetworker und Ordnungshüter sahen die emsigen Beobachter zunächst mit Skepsis, sagt Behr: »Die hielten uns für Voyeure.«

Zudem hatten die jungen Forscherinnen und Forscher anfangs erhebliche Rollenprobleme: Einige Studenten schämten sich, für potenzielle Freier gehalten zu werden. Und neue junge Frauen erregen höchstes Interesse in der Szene. »Es ist unglaublich schwer, im Rotlichtmilieu bei Nacht eine neutrale Rolle einnehmen zu wollen«, erzählt Antje Langer, »am Anfang waren wir die meiste Zeit damit beschäftigt, die Anmache der Männer abzuwehren.«

Manche Kunden reagierten ungehalten, wenn die vermeintliche Anbieterin ihre Avancen negierte oder anders als erwartet reagierte. Typischer Dialog: »Machst du was mit mir?« Antwort: »Ich mach gar nix. Was meinst du denn?« Darauf der Freier empört: »Was machst du denn hier, wenn du nix machst?«

Die Studenten - sie hatten sich in Beobachter-, Interviewer- und Reflexionsgruppen aufgeteilt - fanden mit Hilfe von Streetworkern 26 Beschaffungsprostituierte im Alter zwischen 18 und 48 Jahren, die bereit waren zum teilweise stundenlangen Gespräch. Die Notizen der Beobachter und die wörtlich transkribierten Tonbandprotokolle wurden im Seminar vorgestellt und ausgiebig diskutiert, die Schlüsse, welche die Teams daraus zogen, in weiterer »Feldarbeit« überprüft.

»Trotz vieler Parallelen in ihren Biografien hat jede der Frauen ihre eigene Geschichte«, erinnert sich Stephanie Wiese, 28, »was wir herausfanden, widerspricht zum großen Teil der gängigen Vorstellung in den Medien, aber auch in der Fachliteratur, die Drogenprostituierten seien allein Opfer und nicht auch Handelnde.« Da gibt es die 20-jährige sportlichsexy auftretende »Sex-Arbeiterin« auf Rollerblades, die eine eigene Wohnung ("meine Burg«, »mein Schneckenhaus«, »meine Basis") hat und ihren Heroinbedarf hauptsächlich mittels einer Gruppe von »Stammfreiern« finanziert. Da wird aber auch die Mittvierzigerin beschrieben, die mit blutverschmierter Jacke, strähnigem Haar und kaum noch einem Zahn im Mund stundenlang am Bordstein wartet, um Freier fürs Finanzieren ihrer Crack-Steine zu finden.

Die Drogenprostituierten kennen die Gefahren, die von den gewaltbereiten Kunden auf dem Drogenstrich ausgehen, und haben ein eigenes Sicherheitsmanagement entwickelt. Manchmal ist es nur »so ein ganz komisches Gefühl im Magen«, das die Frauen beschreiben und das sie aus dem Deal wieder aussteigen lässt. »Ich sage einfach, ich muss noch mal pinkeln, und dann verschwinde ich«, erzählt Mona. Geschätzt wird die Hotline, ein zusammen mit Streetworkern erstelltes Warnsystem zum Schutz vor gewalttätigen Freiern: Dazu gehört ein winziges Heftchen, das alle drei Wochen aktualisiert wird. Darin wird vor bestimmten Freiern gewarnt. Sie werden beschrieben, ihre Autonummern genannt.

Im Rahmen des Projekts »Straßenprostitution« entstanden vier Diplomarbeiten: Antje Langer hat die Theorie des kanadischen Soziologen Erving Goffman angewandt, um die Interaktionen auf dem Straßenstrich zu beschreiben. Zwei weitere Arbeiten vergleichen das Bild, das die Drogenprostituierten von sich selbst haben, mit den Klischees in den Medien; eine vierte analysiert die Sprache auf dem Drogenstrich.

Ein erstaunliches Ergebnis der Untersuchungen: Fast die Hälfte der Frauen hat sich bewusst für den Straßenstrich entschieden. »Dort müssen sie keine Zimmermiete wie im Bordell bezahlen, keine teuren Getränke konsumieren, und im Unterschied zur professionellen Prostituierten arbeitet die Drogenabhängige in der Regel nur so lange, bis sie das Geld für den nächsten Druck oder Stein beisammen hat«, erklärt Antje Langer die Motive.

Der Preis für diese vermeintliche Freiheit ist jedoch hoch. Die Frauen auf dem Drogenstrich sind häufiger Opfer von Gewalttaten, die sie dann nicht einmal der Polizei melden, weil sie Angst haben, Ärger zu bekommen. Fast alle Interviewten waren mit Hepatitis C infiziert, einige HIV-positiv. Fast alle haben Erfahrungen mit Bedrohungen, Perversitäten, Vergewaltigungen. Alle bestätigen, dass die Kunden bewusst den Drogenstrich aufsuchen, um die Abhängigkeit der Frauen auszunutzen.

»Da gibt es ganz schöne Schweine, die fahren an dir vorbei und warten, bis deine Pupillen immer größer und größer werden und dein Turkey so groß ist, dass du im Preis runtergehst und alles machst im Prinzip«, erzählt Gabi. Ohne Gummi beispielsweise zu arbeiten, und das widerspricht auch den Prinzipien der Drogenprostituierten.

Aber wer sind denn die typischen Drogenstrich-Kunden, die so häufig den Preis drücken und dann auch noch sexuellen Kontakt ohne Kondom fordern? Es gibt sie nicht. Sie kommen aus allen Schichten der Bevölkerung, es sind auch Familienväter, sie fahren Mittelklassewagen. Die Junkie-Frauen unterscheiden zwischen Gelegenheitskunden (den »Eintagsfliegen"), den Stammkunden, die für viele der Frauen eine Art Sicherheit darstellen, und Sozialfreiern - die mit dem Samariter-Touch, die sich besonders junge Frauen aus der Szene suchen, um sie zu »retten«, sich aber meistens selbst bedienen, oft auch noch ohne zu bezahlen.

Das studentische Forscherteam hat detailliert den Freier-Autocorso, die Formen der Kontaktaufnahme, die Wünsche der Freier, die Tabus der Anbieterinnen, ihre Preise, den Ablauf und Ort des »Geschäftes«, aber auch die Gewalttätigkeiten dokumentiert. Die Gespräche mit den Frauen waren Grundlage dafür.

Die geplanten Interviews mit den Freiern selbst kamen allerdings nicht zu Stande: »Wir hatten sogar schon ein paar Termine festgesetzt, die uns die Frauen mit einigen Stammfreiern vermittelt hatten«, berichtet Stephanie Wiese, die mittlerweile als Streetworkerin im Viertel arbeitet, »am Ende haben die jedoch immer gekniffen.«

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