Studienkredit oder Bildungsfonds Wie man ohne Bafög das Studium finanzieren kann

Immer weniger Studierende erhalten Bafög. Manchmal bleibt nur ein Kredit, um die akademische Karriere zu finanzieren. Doch wie funktionieren Studienkredite – und welche Fallstricke gilt es zu meiden?
Geld fällt nicht vom Himmel, heißt es – wenn doch, muss man meist Zinsen dafür zahlen

Geld fällt nicht vom Himmel, heißt es – wenn doch, muss man meist Zinsen dafür zahlen

Foto: Robert Pola / plainpicture

Auch, wenn ein Studium in Deutschland in der Regel nicht so teuer ist wie in den USA oder Großbritannien : Der Zugang zu Hochschulbildung ist hierzulande ebenfalls eine Frage der Finanzen. Nur noch elf Prozent der Studierenden in Deutschland  erhalten Bafög. Ein Großteil muss also einen anderen Weg finden, um Miete und Mensa zu bezahlen. Wer keine wohlhabenden Eltern hat, dem bleiben Nebenjobs, Stipendien – oder Studienkredite. Gerade vor denen schrecken viele Studierende aber zurück. Denn zahlt sich das Investment in die eigene Bildung später wirklich so sehr aus, dass man die Schulden samt Zinsen zurückzahlen kann? Und wie findet man den richtigen Kredit für die eigenen Bedürfnisse?

Darüber haben wir unter anderem mit Ulrich Müller gesprochen, dem Leiter der Abteilung für politische Analysen beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Einmal im Jahr gibt er den »CHE Studienkredit-Test«  heraus, der verspricht, alle seriösen Studienkreditangebote in Deutschland auf ihre Konditionen zu vergleichen. Müller hilft, die wichtigsten Fragen zu Studienkrediten zu beantworten.

1. Wie funktioniert ein Studienkredit?

Grundsätzlich wie jeder andere Kredit auch: Man leiht sich Geld und zahlt es später zurück – meist mit einem gewissen Zinssatz. Studienkredite richten sich dabei speziell an Studierende, die ihre Ausbildung nicht aus eigenen Ressourcen finanzieren können. Das Besondere ist, dass Studienkredite in der Regel das Geld nicht auf einen Schlag, sondern über einen festgelegten Zeitraum in monatlichen Raten auszahlen. Es gibt aber auch Einmalzahlungen, um akute Notlagen zu beheben, etwa für Studierende kurz vor dem Examen.

2. Welche Arten von Studienkrediten gibt es?

Grundsätzlich unterscheidet man vier Arten:

  1. Angebote zur allgemeinen Studienfinanzierung, mit denen Lebenshaltungskosten oder Studiengebühren bezahlt werden. Zurückgezahlt werden diese meist nach dem Studienabschluss in monatlichen Raten.

  2. Bildungsfonds fördern Studierende, die später besonders hohe Chancen auf gute Jobs und hohe Gehälter haben. Nach ihrem Abschluss zahlen sie für einen vorher festgelegten Zeitraum einen Prozentsatz ihres Einkommens zurück in den Fonds.

  3. Überbrückungs-, Zwischen- und Abschlusskredite sind zeitlich begrenzt und zielen meist auf Studierende kurz vor dem Examen. Teilweise sind sie zinsfrei oder sehr niedrig verzinst.

  4. Hochschulspezifische Angebote übernehmen die Zahlung der Studiengebühren, insbesondere an privaten Hochschulen. Oft wird auch hier nach dem Abschluss ein Prozentsatz des Einkommens zurückgezahlt.

Diese Begriffe sollte man kennen, wenn man sich mit Studienkrediten auseinandersetzt:

Die Zeit, in der der Kredit aktiv an die Kreditnehmer:innen ausgezahlt wird. Manche Anbieter:innen schlagen schon in dieser Phase Zinsen auf die ausgezahlte Summe, andere beginnen erst in der Rückzahlungsphase damit. Das kann einiges ausmachen, weil sich die Zinsen über die Jahre schnell summieren.

3. Wann und wie zahlt man einen Studienkredit zurück?

Zurückzahlen müssen die Kreditnehmer:innen das Geld meist durch monatliche Tilgungen. Wie hoch die ausfallen, wird individuell oder je nach Vertrag und Anbieter:in festgelegt. Bei den sogenannten Bildungsfonds zahlt man einen festen Prozentsatz des Bruttoeinkommens, bei regulären Krediten legt man die Summe manchmal auch selbst fest. Je niedriger die monatliche Tilgung ausfällt, desto mehr wächst aber auch der Gesamtschuldenberg, weil die Zinsen des Kredits weiterlaufen. Die KfW bietet einen Rückzahlungsrechner an , mit dem man durchrechnen kann, wie lang und teuer ein Kredit wird.

Immerhin: Bietet der Studienkredit eine Karenzphase, müssen Absolvent:innen nicht direkt nach dem Studienende mit der Rückzahlung beginnen. Wer zunächst sehr wenig verdient oder arbeitslos ist, kann die Zahlungen in manchen Fällen auch aussetzen oder pausieren – das muss aber im Vertrag festgehalten sein und sollte vor der Unterzeichnung geprüft werden. Außerdem steigt der zurückzuzahlende Betrag durch die Zinsen meist auch in Zahlungspausen weiter an.

4. Wie viele Zinsen muss ich auf einen Studienkredit zahlen?

Das kommt sehr auf das Angebot und teilweise den individuellen Vertrag an. Beim Branchenprimus von der KfW  (siehe Frage 7) fallen je nach Angebot bis zu 3,91 Prozent p.a., also pro Jahr, an, beim Bildungskredit des Bundesverwaltungsamtes  nur 0,47 Prozent. Am höchsten ist laut CHE-Vergleich derzeit der Satz des StudienKredits der Deutschen Apotheker- und Ärztebank  mit einem Effektivzins von 4,06 Prozent.

Vereinzelt gibt es auch Kredite ohne Zinsen:

  • Mit dem Mikrokredit der E.W. Kuhlmann-Stiftung  beispielsweise bekommt man zwar nur maximal 2000 Euro, muss allerdings für fünf Jahre keine Zinsen zahlen. Gefördert werden damit Studierende, die kurz vor dem Abschluss stehen.

  • Dieselbe Stiftung bietet auch das »Rollende Stipendium « mit einer Förderung von bis zu 12.000 Euro, welches an Studierende gezahlt wird, die in 24 Monaten ihren Abschluss machen. Die ersten sieben Jahre nach Erhalt des Stipendiums müssen sie keine Zinsen zahlen.

Ein Tipp für alle, die einen Kredit abbezahlen: Die Zinsen (nicht aber die regulären monatlichen Raten) des Studienkredits kann man in der Steuererklärung als Werbungskosten oder Bildungsausgaben  deklarieren und so immerhin etwas Geld sparen.

5. Wann ist ein Studienkredit sinnvoll?

Ulrich Müller vom CHE warnt zunächst immer vor den Risiken: Als junger Mensch solle man vor dem Jobeinstieg nicht leichtfertig einen Kredit aufnehmen, weil es finanziell gerade mal eng sei. Die finanzielle Belastung sei nicht zu unterschätzen; mit Schulden ins Berufsleben zu starten, setze viele Absolvent:innen unter Druck. Stattdessen rät er, zuerst andere Optionen auszuschöpfen, denn: »Alle Alternativen sind erst einmal besser als ein Studienkredit.« Man solle keinen aufnehmen, bevor man die Möglichkeiten von Bafög, Unterhalt, Nebenjobs oder Stipendien ausgelotet habe.

Gerade von Werkstudent:innen- oder Nebenjobs könnten Studierende doppelt profitieren, weil sie dort neben dem Einkommen Arbeitserfahrung sammeln und Kontakte knüpfen können, sagt Müller. In vielen Fällen sei es auch einfacher, zeitweise den Lebensstandard zu senken und so Geld zu sparen, als einen Kredit abzubezahlen. Grundsätzlich verteufeln wolle er Kredite jedoch nicht. Im Einzelfall könnten sie ganze Biografien retten, sagt Müller, vor allem wenn Studierende schwierige Phasen überbrücken oder ihr Studium abschließen wollen und dafür finanzielle Hilfe brauchen.

Wie ein Kredit im Einzelfall helfen kann

Ausgezahlt hat sich der Studienkredit für Robert Semkow. Er beantragte einen KfW-Kredit, um seinen Master und ein mit nur 450 Euro vergütetes Vollzeitpraktikum in Berlin finanzieren zu können. »Für einen Nebenjob wäre da keine Zeit mehr gewesen«, sagt Semkow. Knapp über 11.000 Euro Schulden nahm er von 2013 bis 2014 auf, seit April 2017 zahlt er die Summe in monatlichen Raten zurück. Inzwischen arbeitet der Politikwissenschaftler als Referent in der Kieler IHK-Hauptgeschäftsführung, im kommenden Frühjahr wird er seine Schulden abbezahlt haben.

»Ich hätte den schnellen Einstieg in die Arbeitswelt ohne das Praktikum und den dafür nötigen Kredit nicht geschafft – und diesen Job nicht bekommen«, sagt Semkow. Die Schulden seien also eine gute Investition in die Zukunft gewesen. Er glaubt: Wer zu viel Angst vor den Kosten habe, sei vielleicht generell auf dem falschen Weg. »Wenn man schon heute davon ausgeht, nach dem Abschluss keinen Job zu finden oder kaum Geld zu verdienen, sollte man dafür eher keinen Kredit aufnehmen.«

6. Wie findet man den richtigen Kredit für die eigene Situation?

Ulrich Müller rät, zunächst auszurechnen, wie viel Geld man gerade benötigt. Im Vordergrund sollten dabei die Fragen stehen: Habe ich nur ein vorübergehendes finanzielles Tief, aus dem ich mit Ach und Krach wieder herauskomme? Oder besteht wirklich systematisch jeden Monat eine Lücke, die es mir unmöglich macht, weiterzustudieren? Ist Letzteres der Fall, sollte man die fehlende Jahressumme möglichst realistisch beziffern, indem man laufende Kosten exakt aufführt.

Hat man entschieden, einen Kredit aufzunehmen, ist vor allem der geplante Studienablauf entscheidend für die Wahl des konkreten Angebots. Für jeden Plan und jede Studienphase böten sich unterschiedliche Angebote an, sagt Müller. So gibt es Kredite für Studiengebühren an privaten Hochschulen , für Lebenshaltungskosten , für das medizinische Instrumentarium , den MBA , kurze Phasen vor dem Abschluss  oder das Auslandssemester . »Ein ›One fits all‹ existiert nicht«, sagt der Experte. Deshalb solle man sich klarmachen, wie die nächsten Semester aussehen und wofür genau man den Kredit benötigt.

7. Zahlen zeigen: Der KfW-Kredit ist mit drei Vierteln aller abgeschlossenen Verträge mit Abstand der beliebteste Studienkredit. Ist er auch der beste?

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau ist eine staatliche Bank. Müller vermutet, dass ihr Studienkredit  vor allem deshalb so attraktiv ist: »Der brave Deutsche vertraut da dem Staat.« Auch er hält den Kredit für ein »grundsolides Angebot«, bei einer staatlichen Stelle werde man nicht über den Tisch gezogen. Das heiße allerdings nicht, dass der KfW-Kredit für alle Studierenden der günstigste und beste ist. »An einigen Stellschrauben ist das KfW-Angebot sogar recht suboptimal«, sagt Müller.

So können Empfänger:innen nur dann im Ausland studieren, wenn sie parallel weiterhin in Deutschland eingeschrieben bleiben. Zudem sei die Höchstsumme des Kredits mit monatlich 650 Euro relativ niedrig. Gerade in Großstädten reiche der KfW-Kredit allein oft nicht aus, um das Studium zu finanzieren. Auch die Gebühren für Weiterbildungsangebote oder MBA-Studiengänge ließen sich mit diesem Betrag kaum decken.

Ein weiteres Problem beim KfW-Kredit: »Die Zinsen werden nicht gestundet – das heißt, dass sie schon in der Auszahlungsphase vom ausgezahlten Betrag abgezogen werden.« So wird die ausgezahlte Summe jeden Monat immer kleiner. Bei fast allen anderen Krediten werden die Zinsen erst in der Rückzahlungsphase fällig.

Wie häufig werden Studienkredite aufgenommen?

Rund 90.000 Studierende erhalten in Deutschland zurzeit Geld aus einem Studienkredit oder Bildungsfonds. Während sich zwischen 2014 und 2019 die Zahl der neu abgeschlossenen Studienkredite nahezu halbiert hatte, stieg sie 2020 deutlich an, von 33.000 (2019) auf 53.000 (2020). Damit nutzen aktuell etwa drei Prozent aller Studierenden in Deutschland einen Studienkredit. Der Anstieg der Studienkredite geht aber überwiegend auf ausländische Studierende zurück. Diese konnten erstmalig wegen der Coronapandemie befristet einen KfW-Studienkredit in Anspruch nehmen.

Zur Einordnung: Im Jahr 2020 wurden 28.100 Studierende mit dem Deutschlandstipendium gefördert, knapp über 30.000 durch ein Stipendium von einem der Begabtenförderungswerke.

8. Welche Fehler sollte man bei Studienkrediten vermeiden?

»Gerade wer längere Auslandsaufenthalte plant oder die Hochschule wechseln möchte, muss darauf achten, dass der Kreditgeber nicht genau das ausschließt«, sagt CHE-Experte Ulrich Müller. In so einem Fall können die Anbieter den Kredit nämlich kündigen – und die Empfänger:innen stehen plötzlich ohne Geld da. Für kürzere Auslandsaufenthalte seien Erasmus  oder das DAAD-Stipendium  oft die bessere Wahl.

Außerdem rät Müller dazu, nicht zu schnell zu unterschreiben: »Akzeptieren Sie nicht einfach, was im vorgelegten Vertrag steht.« In vielen Fällen sei es möglich, die Konditionen anzupassen. Am besten sei es, sich ein Angebot einzuholen und dieses zunächst mit der Finanzierungsberatung des örtlichen Studierendenwerks durchzusprechen. Auf teure Extras wie zusätzliche Versicherungen könne man beispielsweise oft verzichten.

Hüten soll man sich laut Müller vor Peer-to-Peer-Kredit-Vermittlern, die im Internet sogenannte Studienkredite auf die Schnelle anbieten. Diese Modelle seien häufig stark überteuert und schlecht auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Studierenden abgestimmt. »Das macht auch das Versprechen von schneller und unbürokratischer Bearbeitung nicht wett«, sagt der Experte.

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