Tim Reichel

Produktiv bleiben im Homeoffice Kenne deinen Feind

Tim Reichel
Ein Gastbeitrag von Tim Reichel
Noch immer lernen Studierende überwiegend von zu Hause. Das zehrt an den Nerven – und oft auch an der Produktivität. Doch hat man die größten Fallen einmal identifiziert, kann man sie vermeiden.
Im Homeoffice sind Studierende auf sich allein gestellt – außer vielleicht, sie haben eine Katze

Im Homeoffice sind Studierende auf sich allein gestellt – außer vielleicht, sie haben eine Katze

Foto: Luke + Mallory Leasure / Stocksy United

Das Sommersemester ist in vollem Gang und so langsam wächst die Hoffnung, dass es sich um das letzte unter Corona-Bedingungen handeln könnte. Doch bevor sich die Studis wieder auf dem Campus tummeln, gilt es, die letzten Monate zu überstehen. Und mit »überstehen« meine ich, trotz allem etwas aus dem Semester herauszuholen und produktiv zu studieren.

Bachelor of Smarts – die Uni-Kolumne

Gutes Zeitmanagement, die richtige Lernstrategie vor Prüfungen, Tipps für den Einstieg ins digitale Semester: In dieser Kolumne gibt Dr. Tim Reichel Rat zu Herausforderungen im Studium und zeigt, wie Studierende erfolgreich durch den Bachelor kommen – ohne Dauerstress.

Du stehst auch vor einem vermeintlich unlösbaren Problem im Studium oder hast eine Frage an Tim Reichel? Dann schreib uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Im Homeoffice sind Studierende auf sich allein gestellt. Folglich gibt es auch niemanden, der sie auf ungünstige Verhaltensweisen hinweist, die sich eventuell eingeschlichen haben. Deshalb verrate ich dir hier die vier größten Produktivitätskiller – und natürlich auch, wie du sie besiegst.

1. Du kümmerst dich um zu viele Baustellen

Während des Webinars mit den Kommilitonen chatten, eine Quelle für die Studienarbeit lesen, den Abwasch erledigen und einen Happen essen: Das Studieren zu Hause lädt dazu ein, viele Dinge parallel zu tun. Zunächst fühlt man sich total fleißig und produktiv, wenn man nicht nur eine, sondern gleich mehrere Aufgaben auf einmal angeht. Doch in Wahrheit ist dieses Multitasking Gift für deine Produktivität. Es macht dich ineffizient und ineffektiv. Du bearbeitest zwar viele Aufgaben parallel – aber keine davon richtig, und kommst deshalb letztendlich nicht vom Fleck.

Tipp: Vermeide Multitasking und kümmere dich um eine Aufgabe nach der anderen. Beim Singletasking bündelst du deine Konzentration und schärfst deinen Fokus. Dadurch beendest du deine To-dos unterm Strich schneller – und besser.

2. Du hast deine Gedanken nicht im Griff

Passiert es dir gelegentlich, dass deine Gedanken beim Lernen abschweifen? Keine Sorge, das ist ganz normal. Der Grundzustand unseres Gehirns ist nämlich nicht die Konzentration – sondern die Zerstreuung. Dieses Phänomen wird in der neurowissenschaftlichen Fachliteratur als Mind Wandering  bezeichnet. Unseren Vorfahren mag das dabei geholfen haben, ihre Gegend nach attraktivem Wurzelgemüse oder Säbelzahntigern zu scannen. Doch beim Studieren im 21. Jahrhundert sorgt dieser Zustand dafür, dass wir nicht mehr voll bei der Sache sind – und Produktivität in weite Ferne rückt.

Tipp: Akzeptiere, dass deine Gedanken hin und wieder abschweifen, aber behalte sie unter Kontrolle. Lege regelmäßige Pausen ein und nutze diese Zeit zum Entspannen und für bewusste Zerstreuung. Wenn dich bestimmte Gedanken immer wieder beschäftigen, schreibe sie auf. Häufig reicht das schon aus, um deinen Geist zu beruhigen.

3. Du studierst komplett isoliert

Ich kenne Studis, die während des Online-Semesters tagelang keinen Kontakt zu anderen Menschen haben. Besonders in großen Studiengängen besteht die Gefahr, sozial zu vereinsamen. Das belastet nicht nur emotional – fehlende Sozialkontakte können sich auch negativ auf deine persönliche Produktivität auswirken. Warum? Weil anspornende Gruppendynamiken ausbleiben und externe Kontrollinstanzen fehlen.

Tipp: Organisiere digitale Lerngruppen mit deinen Kommilitonen und Kommilitoninnen. Verabredet euch zum Lernen via Zoom et al. und lasst dabei Mikrofon und Webcam an. Nicht, um miteinander zu quatschen, sondern um das gemeinsame Lernen am Campus oder in der Bib zu simulieren. Die gegenseitige Beobachtung führt fast automatisch dazu, dass ihr produktiver und konzentrierter lernt.

4. Du lebst in den Tag hinein

Und zuletzt noch eine Warnung, die man nicht oft genug wiederholen kann: Studieren im Homeoffice verleitet mitunter dazu, den Tag ohne viel Planung anzugehen. Schließlich muss man nicht aus dem Haus und kann bei der Online-Vorlesung die Webcam auslassen (oder gar im Bett liegen bleiben). Doch genau diese fehlende Struktur verhindert eine produktive Arbeitsweise. Ohne eine rudimentäre Tagesplanung wird es dir schwerfallen, deine Verpflichtungen ernstzunehmen und deine Ziele zu erreichen.

Tipp: Sorge für Verbindlichkeit und bringe Struktur in deinen Alltag zu Hause. Plane dazu jeden Abend deinen nächsten Tag im Voraus und lege ein konkretes Ziel fest, das du auf jeden Fall erreichen möchtest. Keine Sorge: Fünf Minuten reichen für diese Planung völlig aus.

Fazit

Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster: Wir alle haben keine Lust mehr auf die Coronapandemie und die damit verbundenen Einschränkungen. Es gibt mittlerweile Studierende, die sich im dritten Semester befinden und noch nie einen Hörsaal von innen gesehen haben. Das ist traurig – aber darf uns nicht davon abhalten, motiviert und zuversichtlich zu bleiben.

Betrachte das aktuelle Onlinestudium als vorübergehenden Zustand, den du – so gut es geht – überstehen wirst. Freue dich auf die Zeit danach und schmiede schon mal Pläne für ein Studium ohne Maske und Kontaktverbote. Bis dahin schadet es nicht, wenn du deine Zeit produktiv nutzt. Dann hast du später mehr Zeit, um dein Studentenleben nachzuholen.