Studieren mit Behinderung während Corona »Die Stammtische in der Kneipe waren für mich immer die besten Abende«

Weil Lea auf den Rollstuhl angewiesen ist, hat sie nie besonders viel unternommen. Doch nun kann sie nicht mal mehr auf den Campus. Als Risikopatientin erlebt sie die soziale Isolation in voller Härte.
Aufgezeichnet von Helene Flachsenberg
Studium im Homeoffice: Ständig nur auf den Laptop gucken macht einsam (Symboldbild)

Studium im Homeoffice: Ständig nur auf den Laptop gucken macht einsam (Symboldbild)

Foto: Mihajlo Ckovric / Stocksy United

»In meinem Semester sind wir zu siebzehnt. Das ist kleiner als viele Schulklassen, entsprechend eng ist der Kontakt. Normalerweise. Denn in der Coronapandemie gibt es keine gemeinsamen Vorlesungen, keine Nachmittage in der Bibliothek und keine Mensabesuche. Mich belastet das sehr. Vor allem, weil der Campus einer der wenigen Orte war, an denen ich regelmäßig andere Leute getroffen habe.

Ich habe infantile Zerebralparese, eine frühkindliche Hirnschädigung, die zu Bewegungsstörungen führt. Ich kann ein bisschen laufen, aber nicht frei, nur mit Hilfe. Im Alltag bin ich auf den Rollstuhl angewiesen. Deshalb habe ich auch vor der Pandemie nie besonders viel unternommen, mich nur selten verabredet. Doch nun fallen auch diese Begegnungen weg.

Mit Behinderung im Corona-Semester

Mit meiner Ausprägung der Zerebralparese gehöre ich zwar nicht zur Hochrisiko-Gruppe, dennoch möchte ich auf keinen Fall riskieren, das Coronavirus zu bekommen. Für mich ist schon eine normale Erkältung ein Problem. Ohne Hilfe kann ich beispielsweise nicht abhusten. Corona ist dazu noch so unberechenbar: Man hört ja selbst von Menschen ohne Vorerkrankungen, die auf einmal auf der Intensivstation liegen. Wie würde es mir dann erst ergehen?

Ich gehe eigentlich nur noch vor die Tür, wenn ich Arzttermine habe. Die einzigen Menschen, die ich persönlich treffe, sind meine Familie und meine Assistenzen. Jeden Morgen ist für drei Stunden jemand bei mir, um mir Einkäufe zu bringen und mir bei Alltagsdingen zu helfen, Putzen oder Kochen zum Beispiel. Diese Menschen werden auch regelmäßig getestet. Davon abgesehen sehe ich niemanden, auch nicht meine beste Freundin.

Vor- und Nachteile des Corona-Semesters

Es ist paradox: In vielerlei Hinsicht erleichtert die Pandemie mein Studium sehr. Mit der Onlinelehre fallen die organisatorischen Schwierigkeiten weg, vor allem die Anfahrtswege. In meiner Wohngegend sind die Straßenbahnhaltestellen nicht barrierefrei. Wenn ich irgendwo hin möchte, bringt mich ein Fahrdienst, den die Stadt bezahlt. Spontan geht bei mir nichts, ich muss immer vorausplanen: Wann möchte ich wo sein? Kann ich mich dort mit meinem Rollstuhl bewegen? In der Coronapandemie bin ich flexibler, ich habe mehr Möglichkeiten, kann mich zum Beispiel spontan mit Kommilitonen verabreden, weil ich dazu ja nur den Laptop aufklappen muss.

Gleichzeitig belastet es mich sehr, dass alles nur im Internet stattfindet. Ich war noch nie eine Person, die direkt alle umarmt, trotzdem sehne ich mich nach persönlichem Kontakt. Einfach nur von Angesicht zu Angesicht zu sitzen, das würde mir schon reichen.

Das Campus-Leben fehlt

An der Hochschule gestaltete sich das Zusammensein mit anderen ganz selbstverständlich. Ich kann mich auf dem Campus einigermaßen bewegen, es gibt Rampen, einen Fahrstuhl und barrierefreie Toiletten in zwei von drei Gebäuden, wenn auch nicht auf jedem Stockwerk. Zwischen den Vorlesungen aßen meine Kommilitonen und ich gemeinsam zu Mittag oder tranken Kaffee. Ich ging zu den Treffen der Fachbereichsvertretung und fühlte mich als Teil der Studierendenschaft.

Inzwischen sehe ich meine Kommilitoninnen nur noch in Videocalls. Einmal im Monat gibt es einen digitalen Stammtisch, zu dem kommen kann, wer Lust hat. Im ersten Semester saßen wir dafür noch in der Kneipe. Das waren für mich immer die besten Abende, weil ich Abwechslung und einen Tapetenwechsel hatte. Nun ist es ein weiteres Zoom-Meeting.

Bei meiner Behinderung ist es besonders ungünstig, ständig am Laptop zu sitzen. Wenn ich zu lange in der gleichen Haltung bin, verspanne ich, was zu Schmerzen und Spastiken führt. Ich brauche unbedingt Pausen. Doch in den Onlineveranstaltungen nehmen viele Dozierende die Vorlesungszeiten nicht so genau, oft überziehen wir, die eine Veranstaltung geht nahtlos in die andere über.

Immer nur am Laptop

Ich möchte Autorin werden. In meiner Freizeit habe ich immer gern geschrieben, Geschichten oder Gedichte. Im Moment arbeite ich an meinem ersten Roman. Aber das bedeutet ja wieder, am Laptop zu hocken. Genau davon muss ich mich jetzt eigentlich erholen. Da bleibt zurzeit oft nur eines: In meinem Wohnzimmer habe ich einen elektrischen Sessel, da lege ich die Beine hoch und schaue Serien. Langsam habe ich auch das satt.

Im vergangenen Sommer ist meine Assistenzhündin gestorben. Sie war von einem Verein speziell für mich ausgebildet und hatte mich begleitet, seit ich 14 war. Sie hat mir im wörtlichen wie im übertragenen Sinn Türen geöffnet, Dinge gebracht oder aufgehoben. Als sie noch da war, musste ich wenigstens ein paar Mal am Tag vor die Tür. Allein gehe ich nicht mehr spazieren. Ich kann dem nichts abgewinnen. Außerdem macht es mich traurig, all die Orte zu sehen, an denen ich mit meiner Hündin immer war. Ich habe jetzt zwei Katzen, die unterstützen mich emotional schon. Praktische Hilfe können sie aber nicht leisten – sie schmeißen eher noch zusätzlich Dinge um.

Eigentlich wollte ich im kommenden Sommersemester meine Masterarbeit schreiben. Von diesem Plan habe ich mich inzwischen verabschiedet. Die letzten Monate waren einfach zu anstrengend. Ich möchte mich zwar erst einmal gründlich über mögliche Nebenwirkungen informieren – aber grundsätzlich hoffe ich, dass ich wegen meiner Behinderung bald eine Impfung bekomme. Vielleicht kann ich dann irgendwann wieder auf den Campus, in die Bibliothek, in die Mensa. Und meine Kommilitonen wiedersehen.«