Sophia Schirmer

Junge Erwachsene in der Pandemie Alle leiden. Punkt.

Sophia Schirmer
Ein Kommentar von Sophia Schirmer
Studierenden wird in der Pandemie zuweilen gesagt, sie hätten es ja noch vergleichsweise gut. Nicht so schwer wie andere jedenfalls. Dabei sollten wir Erfahrungen nicht vergleichen – sondern anerkennen.
Frau in Selbstquarantäne liegt auf dem Teppich (Symbolbild)

Frau in Selbstquarantäne liegt auf dem Teppich (Symbolbild)

Foto: Katharina Bauer / plainpicture

Ende vergangener Woche traf sich Winfried Kretschmann, grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg und gerade mitten im Wahlkampf, mit Studierenden aus Heidelberg, virtuell natürlich. Eine kleine Runde, eine nette Geste und eigentlich auch keine große Sache. Wäre da nicht dieser Screenshot aus der »Rhein-Neckar-Zeitung «, der sich danach bei Twitter verbreitete . In dem Bericht der Zeitung wird Kretschmann so zitiert:

»Später werden Sie mit Interesse auf diese Zeit zurückblicken. Sie haben nämlich was erlebt.« Und weiter: »Vergleichen Sie Ihre Situation mit der anderer Menschen. Dann werden Sie sehen, dass es keinen Grund dafür gibt, depressiv zu werden.«

Als »Trost« und »Rat« bezeichnet das die Zeitung – Studierende dagegen twittern, sie fühlten sich »verhöhnt«.

Kretschmanns Aussage spricht Studierenden das Recht ab, unter der aktuellen Situation zu leiden. Dabei müssten wir endlich anerkennen, dass in der Pandemie alle leiden.

Ein Sprecher des Staatsministeriums in Stuttgart sagte auf Anfrage, mit »depressiv« sei nicht »die anerkannte Krankheit Depression« gemeint gewesen, sondern »ein kurzzeitiger Gemütszustand«. Doch selbst wenn man diese nachträgliche Rechtfertigung mitgeht (was nicht nur vielen depressiven Menschen schwerfallen dürfte) – ein grundsätzliches Problem bleibt: Kretschmanns Aussage spricht Studierenden das Recht ab, unter der aktuellen Situation zu leiden. Es ist ein verklausuliertes »Stellt euch nicht so an«. Dabei müssten wir endlich anerkennen, dass in der Pandemie alle leiden.

Kinder leiden. Eltern leiden. Risikopatientinnen, psychisch Kranke, über 80-Jährige, unter 30-Jährige, Azubis, Studierende – alle leiden. Die Gruppen machen unterschiedliche Erfahrungen, aber das tun auch Menschen, die zu ein- und derselben Gruppe gehören.

Die Bibliothek ist zu, die Wirtschaft in der Krise

Natürlich belastet es Studierende, wenn sie ihre Uni ein Jahr lang nicht betreten dürfen – oder nur in Ausnahmefällen und unter strengen Hygieneauflagen. Wenn sie ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen nur auf Bildschirmen kennenlernen. Wenn sie nicht in die Bibliothek können, um an ihrer Hausarbeit zu schreiben oder für die Klausur zu lernen, sondern in einem engen WG-Zimmer sitzen müssen oder allein zu Hause. Nicht alle Studierenden können (oder wollen) zu den Eltern, ins Haus mit Garten.

Dazu kommen die Sorgen um Freunde, Eltern, Großeltern. Und um die eigene Zukunft. Immerhin haben wir es nicht nur mit einer Gesundheits-, sondern auch mit einer Wirtschaftskrise zu tun. Und unter der leiden die Jungen besonders: Viele verlieren jetzt befristete Jobs oder finden erst gar keine, sie verdienen langfristig weniger Geld. Economic Scarring, ökonomische Vernarbung – dieser Effekt ist seit der Finanzkrise gut erforscht, einer Krise, die auch junge Erwachsene sehr wohl noch im Gedächtnis haben.

Alle müssen durch diese Zeit kommen

Natürlich kann die Bundesregierung, können die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder nicht immer an jede und jeden Einzelnen denken, alle Gruppen gleichermaßen auf dem Schirm haben. Natürlich ist es sinnvoll und notwendig, erst die zu schützen, die besonders verletzlich sind oder die besondere Hilfe brauchen.

Und bestimmt gibt es Menschen, die sich freuen, dass sie gerade nicht in die Uni müssen, nicht ins Büro, nicht zur Familienfeier.

Studierende wünschen sich eine Perspektive. Wie alle anderen auch.

Aber es sollte in dieser Pandemie nicht darum gehen, die Erfahrung der einen über die der anderen zu stellen, das eine Leid mit dem anderen zu vergleichen. Es sollte darum gehen, dass alle durch diese Zeit kommen – so gut wie nur irgendwie möglich.

Das würde auch dabei helfen, nicht immer wieder ganze Gruppen zu vergessen. Studierende wurden vergessen, erst bei den finanziellen Hilfen, jetzt im Stufenplan der Ministerpräsidentenkonferenz.

Fragt man sie, wie es ihnen gerade geht, hört man selten bis nie Beschwerden darüber, dass Kitas und Schulen zuerst öffnen dürfen. Auch nicht darüber, dass gesunde junge Menschen keine Priorität in der Impfreihenfolge haben. Aber man hört Geschichten von Müdigkeit, von Erschöpfung, ja, auch von psychischen Problemen. Und manchmal von Enttäuschung und Wut – darüber, offenbar keine Rolle zu spielen.

Studierende wünschen sich eine Perspektive. Wie alle anderen auch.

Winfried Kretschmann zumindest scheint nach seinem Gespräch mit den Heidelberger Studierenden erkannt zu haben, dass sich etwas ändern muss: Mit der Neuregelung der Coronaverordnung dürfen seit Montag Unibibliotheken in Baden-Württemberg wieder öffnen . Das sei eine unmittelbare Konsequenz aus dem Gespräch gewesen, sagte Kretschmann bei einer Onlineveranstaltung  – man brauche schließlich Orte der Ruhe zum Lernen. Das habe er »nicht mehr so auf dem Film« gehabt.

Hoffen wir, dass er und seine Kolleginnen und Kollegen die Studierenden nicht bald wieder vergessen.

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