Tim Reichel

Unzufrieden an der Uni Vier gute Gründe, das Studium abzubrechen

Tim Reichel
Eine Kolumne von Tim Reichel
Studieren ist oft anstrengend. Nicht immer muss man deswegen gleich hinschmeißen. Doch in manchen Fällen sollte man ernsthaft eine Kurskorrektur erwägen – hier sind sie.
Unzufrieden im Studium – und jetzt? Manchmal kann ein Abbruch die richtige Lösung sein (Symbolbild)

Unzufrieden im Studium – und jetzt? Manchmal kann ein Abbruch die richtige Lösung sein (Symbolbild)

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Achim Scheidemann/ dpa

Als Studienberater habe ich Tausende Studierende begleitet und weiß: Jede und jeder erlebt Momente, in denen man am liebsten alles hinschmeißen und das Studium abbrechen möchte. Manche Studienabschnitte können so anstrengend und bitter sein, dass es sinnlos erscheint, weiterzumachen. Das heißt nicht, dass man sofort den Exmatrikulationshammer auspacken muss.

Ernst wird es aber, wenn dich dein Studium dauerhaft unglücklich macht. Wenn du dich gar nicht mehr aufraffen kannst und auch das letzte bisschen Motivation verflogen ist, wird es Zeit, sich nach etwas Neuem umzuschauen.

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Du stehst auch vor einem vermeintlich unlösbaren Problem im Studium oder hast eine Frage an Tim Reichel? Dann schreib uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Studienabbruch? Ja, bitte!

Wie gesagt: Es ist normal, dass dich dein Studium hin und wieder an deine Grenzen führt. Etwas Gegenwind und kurzfristig ausbleibende Erfolgserlebnisse sind kein Grund, aufzugeben. Doch irgendwann ist ein kritischer Punkt überschritten. Wenn du merkst, dass dein Studium nicht mehr zu dir und deinem Lebensweg passt, solltest du reagieren. Ein Studienabbruch kann dann eine kluge Entscheidung sein. Vier Gründe, ernsthaft über einen Abbruch nachzudenken:

1. Falsche Vorstellungen

Die meisten Studienanfänger:innen starten mit falschen Erwartungen in ihr Studium. Sie hoffen auf eine bunte, fröhliche Uniwelt mit hinreißenden Vorlesungen und freien Nachmittagen, die man zusammen mit den Kommiliton:innen auf der grünen Wiese am Campus verbringen kann – doch sie bekommen Statistik, Karteikarten und Klausuren. Ein Studium ist harte Arbeit. Am Ende geht es darum, viel Stoff zu lernen und die Prüfungen zu bestehen.

Dieser Realitätsschock, der häufig in den ersten drei Semestern einsetzt, ist hart. Und er zwingt dich dazu, deine Entscheidung für ein Studium kritisch zu hinterfragen: Warum hast du dein Studium begonnen? Wer oder was hat dich damals beeinflusst? Und welche Ziele verfolgst du überhaupt mit deinem Studium? Solche Sinnfragen können hart sein, aber sie helfen dir dabei, einen Weg zu finden, der zu dir passt. Eine habe ich noch: Wenn du mit dem Wissen von heute noch einmal vor deiner Studienentscheidung stündest, würdest du sie genauso treffen?

2. Unscharfe Aussichten

Erst mal studieren … und dann? Viele Studis haben keine Ahnung, was sie nach dem Studium machen sollen. Sie studieren einfach darauf los, ohne sich über ihren beruflichen Werdegang Gedanken zu machen. Versteh mich nicht falsch: Du musst nicht direkt nach dem Abi den perfekten Plan bis zur Rente in der Tasche haben. Aber du solltest grob wissen, wozu du deinen Studienabschluss brauchst: In welcher Branche möchtest du arbeiten? Für welche Art von Unternehmen oder Organisation? In welcher Region? Welche Aufgaben möchtest du übernehmen? Wie sähe ein perfekter Arbeitstag aus?

Wenn du allerdings keine Ahnung hast, was du später mit deinem Studium anfangen sollst, wird es dir schwerfallen. Auch in schwierigen Zeiten hältst du besser durch, wenn du stets vor Augen hast, wofür du dich abrackerst. Ohne eine Zukunftsvision verkommt dein Studium zum reinen Selbstzweck. Du studierst dann nur noch, um zu studieren. Dann kannst du es auch sein lassen.

3. Kein Talent

Wir haben alle unsere Stärken und Schwächen. Und manchmal müssen wir uns eingestehen, dass unsere Leistungen in einem Gebiet einfach nicht gut genug sind und wir an dieser Stelle nicht weiterkommen. Egal, wie sehr wir uns auch anstrengen.

Im Studium ist es genauso: Einige Fächer werden dir liegen; andere bringen dich zur Verzweiflung. Schwierig wird es, wenn letztere grundlegend für dein Studienfach sind. Sei es Mathematik, Rechtswissenschaften oder anorganische Chemie – wenn du merkst, dass dir der Zugang zu zentralen Inhalten aus deinem Studium fehlt, bringt es nichts, sich durchzubeißen. Erstens ist der Aufwand nicht gerechtfertigt und zweitens solltest du dir klarmachen, dass die Probleme dauerhaft bestehen werden. Als Ingenieurin wirst du auch nach deinem Studium Differenzialgleichungen lösen müssen und als Jurist umfangreiche Gutachten verfassen. Wenn du dich am Anfang deiner Unilaufbahn unglücklicherweise für einen Studiengang entschieden hast, der so gar nicht zu deinen Talenten passt, ist es sinnvoll, so früh wie möglich einen anderen Weg einzuschlagen.

4. Dauerhafte Überforderung

Wie eingangs schon erwähnt: Sich im Studium kurzfristig überfordert zu fühlen, ist normal. Bedenklich wird es dann, wenn dieser Zustand anhält und zur Normalität wird. Wenn du jede freie Minute in dein Studium stecken musst, um nicht komplett unterzugehen, hat das Auswirkungen auf dein restliches Leben. Wenn du mit viel Aufwand und wenig Ertrag studierst, werden deine Hobbys und Freundschaften zu kurz kommen. Deine Study-Life-Balance kippt dann in einen kritischen Bereich und du läufst mit offenen Armen in Richtung Burn-out. Bevor das passiert, solltest du dich selbst schützen – und dein Studium abbrechen. Was ist eine akademische Ausbildung wert, wenn sie dich krank macht?

Fazit

Zweifel gehören zum Studium dazu. Du wirst sie niemals ganz loswerden – besonders in stressigen Phasen oder nach schlechten Ergebnissen. Doch wenn sich dein Studium zu einer dauerhaften Belastung entwickelt, die dir Energie raubt und die Zuversicht für die Zukunft nimmt, solltest du überlegen, einen anderen Weg einzuschlagen.

Ein Studienabbruch ist keine persönliche Bankrotterklärung. Es ist eine Kurskorrektur, die dir ein glückliches und erfolgreiches Leben ermöglichen kann. Egal, ob in einem anderen Studiengang, an einer anderen Uni, in einer Berufsausbildung oder direkt in der Berufswelt.