Talente und Berufswahl Hätte ich doch Malerin werden sollen?

Ich kann gut malen – doch als Künstlerin verdient man kein Geld, deshalb war der Job schnell vom Tisch. Habe ich mein Talent verschwendet? Ein Psychologe und eine Berufsberaterin helfen mir, eine Antwort zu finden.
Ich kann gut malen – aber sollte das meine Berufswahl beeinflussen? (Symbolbild)

Ich kann gut malen – aber sollte das meine Berufswahl beeinflussen? (Symbolbild)

Foto: South_agency / E+ / Getty Images

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Das will ich mal werden – wenn ich mich als Kind in ein Freundebuch eintrug, gab es darauf nur eine Antwort: Malerin. Im Kindergarten beugten sich die anderen Kinder staunend über meine Bilder; in der Schule belegte ich selbstverständlich den Kunst-Leistungskurs. Mit der Zeit wechselte ich zu etwas bodenständigeren Traumberufen wie Illustratorin oder Grafikdesignerin. Aber Malen, da war ich mir lange Zeit sehr sicher, würde in meinem Berufsleben eine Rolle spielen. Weil es nichts anderes gab, das ich – ohne mich anzustrengen – so gut beherrschte.

Inzwischen bin ich, wie man so sagt, im Berufsleben angekommen. Statt zu malen, schreibe ich. Selbst manche Freunde wissen nicht, dass ich gut malen kann. Als ich vor Kurzem einer Freundin eine selbst gemachte Geburtstagskarte schickte, fragte sie überrascht: »Warum hast du aus diesem Talent nie etwas gemacht?«

Auf diese Frage habe ich durchaus eine Antwort. Je älter ich wurde und je mehr ich über die Berufswelt erfuhr, desto härter erschien mir das Leben als Künstlerin. Um mit Malen einen Lebensunterhalt zu verdienen, dachte ich, muss man außergewöhnlich talentiert und extrem ehrgeizig sein. Beides schien mir bei näherer Betrachtung nicht auf mich zuzutreffen.

Also entschied ich mich für einen anderen Karriereweg, mit dem ich nun sehr zufrieden bin. Trotzdem frage ich mich manchmal: Habe ich meine einzige echte Begabung verschwendet? Mithilfe eines Psychologen und einer Berufsberaterin möchte ich herausfinden, ob ich doch Malerin hätte werden sollen – und wie wichtig Talente bei der Berufswahl eigentlich sind.

Begabung oder Talent?

Aljoscha Neubauer, Professor für Psychologie, erklärt mir zunächst einmal, dass die Begriffe »Begabung« und »Talent« gar nicht synonym seien, obwohl sie oft so verwendet würden. »Die Begabung ist ein – möglicherweise noch verborgenes – Potenzial für eine hohe Leistung.« »Talent« wiederum meine eine realisierte Begabung, also die »tatsächlich beobachtbare hohe Leistung«, sagt Neubauer. Erst durch jahrelanges Lernen und Üben werde aus einer Begabung ein Talent. Wenn man also eine Veranlagung hat, gut Fußball zu spielen, aber niemals trainiert, nutzt alle Begabung nichts.

Zunächst müsse eine Begabung entdeckt werden. Das könne zufällig geschehen, wenn ein Kind zum Beispiel beim Grillfest einen Ball zwischen die Beine bekomme. Oder gezielt, indem man aktiv verschiedene Dinge ausprobiere – den Fußballverein, aber auch den Flötenunterricht.

Weiterhin komme es auf die Person selbst an; wie motiviert sie beispielsweise sei, ob sie ein Interesse am jeweiligen Bereich habe. Wer Fußball prollig findet, wird wenig Lust haben, diese Begabung auszubauen.

Zuletzt spielten Umfeldkatalysatoren eine Rolle, also äußere Bedingungen wie Geburtsort, Elternhaus oder Schule. Wer in einem Haushalt aufwächst, in dem viel Sport getrieben wird, wird seine sportliche Begabung vermutlich eher entdecken. »Auch Bezugspersonen können wichtig sein, zum Beispiel eine Mentorin, die mich fördert, oder Vorbilder, die mich inspirieren«, sagt Neubauer.

Welche Begabungsbereiche gibt es?

Obwohl die Begabungsforschung inzwischen eine lange Tradition hat, gibt es keinen einheitlichen Katalog für Begabungen. Über einige Bereiche besteht in der Wissenschaft jedoch weitestgehend Konsens, auch Aljoscha Neubacher verwendet sie in seiner Arbeit:

sprachlich, logisch, mathematisch, räumlich, intrapersonal, interpersonal, kinästhetisch, musikalisch, naturalistisch, kreativ, ästhetisch.

In meinem Fall waren die Umstände wohl günstig: Kinder bekommen schon früh Buntstifte in die Hand gedrückt, mir machte malen sofort Spaß, meine Eltern schleppten mich außerdem häufig in Museen. So konnte aus meiner ästhetischen Begabung ein Talent zum Malen werden.

Begabung erleichtert Beruf

Nur aber zur größeren Frage, der, die mich eigentlich umtreibt: Sollte man seinen Beruf danach auswählen, worin man begabt ist?

Psychologe Neubauer hat dazu eine klare Haltung, nach der er auch einen Ratgeber benannt hat: »Mach, was du kannst.« Oder, wie er gern sagt: »Warum soll man sich plagen?« In einem bestimmten Bereich begabt zu sein, bedeute letztlich nichts anderes als eine erhöhte Lernfähigkeit. »Ich kann dort mit weniger Aufwand mehr erreichen.«

Viele Menschen, so Neubauer, gingen bei der Berufswahl allerdings eher danach, was sie interessiere. Studien zeigten jedoch : Persönliche Interessen weisen erstaunlich geringe Zusammenhänge mit dem Berufserfolg auf. »Das liegt daran, dass Interessen sich im Laufe des Lebens verschieben«, sagt Neubauer. Begabungen täten das hingegen nicht – und seien deshalb der bessere Wegweiser bei der Berufswahl.

Stimmt das immer?

Rein logisch leuchtet mir die Argumentation des Psychologen ein. Natürlich kann ich in einem Beruf leichter vorankommen, wenn mir die Aufgaben liegen. Aber lässt sich das auf alle Begabungen gleichermaßen anwenden?

Dass jemand, der gut in Mathematik ist, eher Steuerberater als Modedesigner werden sollte, liegt auf der Hand – zumal es deutlich mehr Bedarf an Steuerberatern als an Modedesignern gibt. Doch malen zu können, qualifiziert nur für eine begrenzte Anzahl von Berufen – und die sind auf dem Arbeitsmarkt nicht übermäßig gefragt. Auch als Illustratorin oder Grafikdesignerin hätte ich es schwer genug gehabt auf einem Markt, auf dem sich viele Talente tummeln, die Budgets jedoch oft klein sind. Und: Auf Knopfdruck eine Gleichung lösen, geht. Aber auf Knopfdruck kreativ sein?

Nicht zu sehr auf Begabung fixieren

Mit diesen Gedanken wende ich mich an Lena Hertel. Als Berufsberaterin beschäftigt sie sich ebenfalls mit der Begabung ihrer Klientinnen und Klienten – aber manchmal, so beobachtet sie, stünden sich Menschen damit selbst im Weg.

Das liege vor allem daran, dass unsere gesellschaftliche Sicht auf Begabung sehr eingeschränkt sei. »Die meisten denken wahrscheinlich zuerst an die Klassiker wie Musik, Singen oder Tanzen.« Und übersehen dabei vielleicht, dass sie im Zuhören oder Streitschlichten begabt sind – also im interpersonalen Bereich.

Was sie sagt, kann ich gut nachvollziehen. Das Malen ist so ein »Klassiker«, und dass ich es gut konnte, fand ich früh heraus. In der Schule hatte ich zwar auch in anderen Fächern gute Noten. Doch immer gab es jemanden, der besser war, sodass bei mir das Gefühl blieb, alles ein bisschen, aber nichts so richtig zu können. Außer malen.

Die Perspektive wechseln

Als ich Hertel das erzähle, weiß sie sofort, wovon ich rede. »Ganz oft höre ich von Klient:innen: ›Ich kann nichts!‹«, sagt sie. Dabei stellten die Menschen bloß viel zu hohe Ansprüche. »Wenn ich nur jemanden für sportlich begabt halte, der bei Olympia mitmacht, dann trifft das natürlich nur auf die wenigsten zu.«

In ihren Beratungsgesprächen lenkt Hertel ihre Klientinnen und Klienten deshalb zunächst von der Frage nach Begabungen weg – und lässt sie als Erstes überlegen: Wobei habe ich Spaß? »Natürlich überschneidet sich das häufig mit den eigenen Begabungen – aber eben nicht zwangsläufig«, sagt sie. Erst wenn das geklärt sei, gehe es um die Frage: »Was kann ich gut?« »Zwischen diesen beiden Antworten lässt sich meistens irgendwo der Traumjob verorten«, sagt Hertel.

Nicht zuletzt rät Hertel aber, unbedingt zu bedenken: »Eine Leidenschaft ist oft viel mehr als ein Beruf.« So wie bei mir: Malen ist inzwischen mein Hobby, ich kann dabei super abschalten. »Die Leidenschaft kann schnell verloren gehen, wenn man plötzlich Geld damit verdienen muss«, sagt Hertel. Deshalb solle man auch alle anderen Faktoren bedenken, die einen Job ausmachten.

Ausprobieren hilft

Was Hertel sagt, bestärkt mich in meinem ursprünglichen Gefühl. Es war richtig, in eine andere Richtung zu gehen als die offensichtliche. Auch wenn ich noch eine Weile gebraucht habe, bis ich wusste, welche das sein würde: Erst nach einem abgebrochenen und einem vollendeten Studium dämmerte mir, dass Journalismus gut zu mir passen könnte. Geholfen haben mir Praktika.

In diesem Punkt sind sich auch Hertel und Neubauer einig: Ausprobieren hilft, den richtigen Beruf zu finden.

Neubauer rät jungen Menschen, sich auch mit Themen zu befassen, die sie auf den ersten Blick nicht so sehr interessieren, und sich für unentdeckte Begabungen zu öffnen: »Geben Sie der Informatik-AG eine Chance!«

Hertel sagt, Unentschlossene sollten in so viele Berufe hineinschnuppern wie möglich. Neben Praktika könnten auch Jobmessen aufschlussreich sein. Außerdem rät sie dazu, bei Xing, LinkedIn oder Instagram nach Personen zu suchen, die in interessanten Jobs arbeiten, und sie um Einblicke zu bitten. »Die meisten Menschen freuen sich, wenn man sich für ihre Arbeit interessiert.«

In diesem Sinne: Jemand Fragen?

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