Berufseinstieg als Produktdesigner »Ich muss mich immer fragen: Braucht das wirklich jemand?«

Eierschneider, Schalaufhänger, Fallschirm zum Joggen: Bei Tchibo gibt es Nützliches – und Überflüssiges. René Kuntzag denkt sich die Produkte aus. Hier erzählt er, warum er dafür oft wieder zum Kind wird.
Aufgezeichnet von Tanya Falenczyk
Produktdesigner René Kuntzag: »Mein Ziel ist nie, nur eine neue Farbe auf etwas zu klatschen«

Produktdesigner René Kuntzag: »Mein Ziel ist nie, nur eine neue Farbe auf etwas zu klatschen«

Foto: Maïscha Souaga

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: René Kuntzag, 31, Produktdesigner bei Tchibo.

Mein erstes Jahr im Job

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»Eines meiner ersten Produkte für Tchibo hat meine Mutter gekauft, ohne zu wissen, dass es von mir war: ein Schalaufhänger, eine Art s-förmiger Kleiderbügel. Sie strickt oft dicke Schals, dafür sei er perfekt, sagte sie. Bei meinem Entwurf hatte ich tatsächlich an ihre Wollschals gedacht.

Ich bin jetzt seit neun Monaten Produktdesigner bei Tchibo. In der Zeit habe ich bestimmt 30 oder 40 Produkte entworfen. Vor allem Spielzeug, aber auch Kuscheltiere, Malkästen, Leuchten, Trinkflaschen, Brotdosen, Taschen und Sportgeräte.

»Aus meinem Entwurf wird schließlich ein neues Produkt, das jedes Mal Ressourcen und Energie verbraucht.«

Ausgangspunkt für meine Ideen sind die ›Themenwelten‹, die eine Geschichte erzählen sollen. Das könnten gerade etwa Produkte für Regenwetter sein. Dann überlege ich, was Kinder tragen, wenn sie im Frühling draußen spielen, oder welche Tiere oder Monster gut als Spielzeug dazu passen könnten.

Gleichzeitig muss ich mich immer fragen: Braucht das wirklich jemand? Dabei denke ich an die Bedürfnisse der Kund:innen, aber auch an Nachhaltigkeit. Aus meinem Entwurf wird schließlich ein neues Produkt, das jedes Mal Ressourcen und Energie verbraucht.

Studium, Praktika, Netzwerken

Obwohl ich schon im Kindergarten viel gezeichnet und später ständig Dinge aus Legosteinen und Holz gebaut habe – am liebsten Bagger –, kam ich nach der Schule zuerst nicht auf Produktdesign. Stattdessen studierte ich Physik, weil ich dachte, das sei vernünftig. Nach vier Monaten brach ich ab – und suchte mir einen Studiengang, der meine technischen und künstlerischen Hobbys vereinte: Industriedesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Ich lernte, Produkte herzustellen, die nicht nur gut aussehen, sondern auch bezahlbar und damit für die breite Masse zugänglich sind.

Als Produktdesigner kann es schwierig sein, einen Job zu finden. Ich habe viele Praktika gemacht und mich bemüht, mit den richtigen Leuten in Kontakt zu kommen, auf Feiern über die Arbeit zu sprechen, das Netzwerk zu pflegen. Auch mein erster Kontakt mit Tchibo war ein Praktikum, sechs Monate nach dem Studium. Ich wäre damals gern geblieben, aber zu dem Zeitpunkt gab es einen Einstellungsstopp. Deswegen arbeitete ich zuerst drei Jahre bei einem Metallwarenhersteller als Produktdesigner.

Als dann doch der Anruf von Tchibo kam, dass sie eine Stelle für mich hätten, freute ich mich sehr. Heute bin ich wieder im gleichen Team wie damals, im Hartwarendesign.

Das Einstiegsgehalt liegt für Bewerber:innen von außen leicht unter dem, was Trainees erhalten, das sind rund 48.000 Euro im Jahr. Da ich bereits Arbeitserfahrung hatte, lag mein Gehalt aber darüber. Alle Mitarbeitenden bekommen außerdem ein Kilo Kaffee im Monat.

Um auf Ideen zu kommen, mache ich noch heute oft, was ich als Kind schon gut konnte: Ich zeichne, forme mit Knete oder baue mit Legosteinen. Mittlerweile gehe ich auch zu meinen Kolleg:innen, wenn ich mal nicht weiterkomme. Das musste ich erst lernen. Am Anfang hat mich das große Unternehmen etwas eingeschüchtert. Außerdem besuche ich regelmäßig Messen oder andere Läden. Es hilft mir, von außen Inspiration zu holen, wenn es innen gerade nicht weitergeht.

»Für den Test der Prototypen hilft es, dass ich meinen Spieltrieb behalten habe.«

Manchmal kommt es vor, dass ein Produkt dem einer anderen Marke zu sehr ähnelt. Das passiert unbewusst, weil man als Designer:in vieles aufsaugt, was man sieht. Dann bemerkt es aber spätestens die Rechtsabteilung. Ich finde es trotzdem ärgerlich. Mein Ziel ist nie, nur eine neue Farbe auf etwas zu klatschen.

Vom ersten Entwurf bis zum fertigen Produkt im Regal vergeht ungefähr ein Jahr. Die Prototypen kommen meist nach drei oder vier Monaten. Ich bin jedes Mal baff, wenn ich etwas zum ersten Mal in der Hand halte, was ich mir ausgedacht habe. Für den Test der Prototypen hilft es, dass ich meinen Spieltrieb behalten habe. Wenn ich etwa ein Kuscheltier entworfen habe, nehme ich es mit nach Hause oder probiere es mit meinem Neffen aus. Mit dem Produktmanagement überlege ich anschließend: Funktioniert das so? Was können wir ändern? Ist es umsetzbar und bezahlbar?

Von Regenponcho bis Jogging-Fallschirm

Oft erzählen mir Freund:innen begeistert von Tchibo-Produkten. ›Den Eierschneider benutzt meine Mutter schon seit Jahren‹, sagte mir einer. Neulich sah ich eine Frau, die einem Kind gerade einen Regenponcho überzog – ein Entwurf meiner Kolleg:innen. Unsere Produkte auf der Straße wiederzuerkennen, ist ein schönes Gefühl. Dann sehe ich, dass die Arbeit ankommt.

Es gibt aber auch Produkte, die mir – zumindest für meinen Alltag – überflüssig vorkommen. Etwa ein Eierkarton aus Plastik. Manche sind sogar verrückt, wie ein Fallschirm, den man beim Joggen für mehr Luftwiderstand tragen soll. Nicht alle Ideen kommen von Tchibo-Designer:innen, sondern manche auch von außen. Die finden wir wahrscheinlich genauso witzig wie die Kund:innen. Ich versuche dann erst recht, die Produkte möglichst langlebig zu gestalten, indem ich zum Beispiel besonders stabiles Material wähle. Auch recycelte Stoffe werden immer beliebter, dadurch können wir sie auch häufiger einsetzen. Ich fühle mich als Gestalter dafür verantwortlich, dass diese Entwicklung weitergeht.«

Wie werde ich Produktdesigner:in?

Wer Produktdesign studieren möchte, braucht künstlerische Fähigkeiten, aber auch viel technisches Wissen. Es hilft, wenn man zum Beispiel in der Schule gute Noten in Physik und Mathematik hatte. Wo der Schwerpunkt liegt, kommt auf die Ausbildungseinrichtung an. Während es an Kunsthochschulen wie der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle  eher um die freie Gestaltung geht, sind Fachhochschulen wie die FH Aachen  nah an Unternehmen und Universitäten wie die Bergischen Universität Wuppertal  eher technisch ausgerichtet.

Die Studiengänge können neben Produktdesign etwa Industriedesign  oder Produkt und Kommunikation  heißen. Für die Bewerbung braucht man meist eine Mappe mit Arbeitsproben. An einigen Hochschulen wie der Bauhaus-Universität Weimar  gibt es eine Aufnahmeprüfung. Teil des Studiums sind in der Regel mehrere Praktika oder ein Praktikumssemester.

Es gibt auch den dreieinhalbjährigen dualen Ausbildungsberuf »technische:r Produktdesigner:in« . Wie sehr man sich damit später von studierten Produktdesigner:innen unterscheidet , kommt auf das jeweilige Unternehmen an. Grundsätzlich gilt: Mit einer Berufsausbildung ist man eher für die technische Umsetzung eines Produkts zuständig, mit einem Studium gestaltet man auch dessen Aussehen.

Laut der Jobplattform StepStone  verdienen Produktdesigner:innen im Schnitt etwa 40.000 Euro brutto im Jahr.

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