Lea Schönborn

Karrierepläne der Generation Z Teilzeit ist nicht gleich Aperol-Zeit

Lea Schönborn
Ein Kommentar von Lea Schönborn
Viele junge Menschen verweigern sich der 40-Stunden-Woche. Manch einer hält uns deshalb für vergnügungssüchtig. Dabei wehren wir uns lediglich gegen eine Arbeitsmoral, die krank macht.
Auf das »Jetzt«: Das eigene Wohlbefinden priorisieren (Symbolbild)

Auf das »Jetzt«: Das eigene Wohlbefinden priorisieren (Symbolbild)

Foto: Getty Images / iStockphoto

Nur bis mittags arbeiten, um danach den ersten Aperol Spritz zu sippen – ganz nach dem Motto »Keine Termine und leicht einen sitzen«: So stellt sich, wenn man Personalchefs und Kommentatorinnen glauben will, meine Generation ihre Zukunft vor.

Der Generation Z, also mir und allen anderen seit 1995 geborenen, eilt auf dem Arbeitsmarkt der Ruf voraus, sich vor allem um ihre Work-Life-Balance zu sorgen. »Erst das Vergnügen, dann die Arbeit«, titelte das Wirtschaftsmagazin »Brand eins« . In der »Welt«  darf der Geschäftsführer einer Digitalagentur verkünden, er nehme keine Praktikant:innen der Generation Z mehr auf, denn, Zitat, »Wer nach sechs Stunden zum Yoga muss, ist für uns keine Hilfe.« Auch im SPIEGEL wunderte sich eine Kolumnistin vor Kurzem, wie die junge Generation denn die Schulden der Gegenwart abzubezahlen gedenke, wenn sie schon beim Berufseinstieg nur Teilzeit arbeiten will.

Wo diese Menschen recht haben: Mittags Aperol trinken ist tatsächlich großartig. Ganz abgesehen davon sind die Jüngeren tatsächlich immer weniger an der klassischen Karriere interessiert.

Studien belegen: Der jungen Generation ist freie Zeit  mindestens genauso wichtig wie Erfolg im Job, die Work-Life-Balance  hat bei der Wahl eines Arbeitgebers einen hohen Stellenwert. Auf Chef:innenposten  wollen insbesondere Frauen verzichten. Jugendliche  wollen ungern Überstunden für die Karriere ableisten und genauso wenig am Wochenende arbeiten – sogar, wenn sie dafür einen entsprechenden Ausgleich bekommen würden. Und ja, auch Teilzeit finden viele von uns attraktiv.

Doch wo die Älteren irren: dass das bedeutet, dass wir ratlos oder faul sind. Stattdessen heißt es einfach nur, dass wir unser Wohlbefinden priorisieren – bevor es zu spät ist.

Dass es hier ein Missverständnis zwischen den Generationen gibt, zeigt sich auch im Privaten. Die Mutter einer Freundin war entsetzt, als meine Freundin ihr erzählte, dass sie keine 40-Stunden-Woche will. Die Mutter sagte: »Dein Vater und ich haben doch auch so viel gearbeitet.« Meine Freundin fragte: »Aber warum?«

Viele Menschen jenseits der 40 haben hart geschuftet, um sich ihre Position zu verdienen. Daraus folgern sie: Die Neuen auf dem Arbeitsmarkt müssen mindestens genauso hart arbeiten wie wir, damit sie es verdient haben, irgendwann – wenn sie älter sind –, ein gutes Leben zu führen.

Doch weder meine Freundin noch ich wollen ein Leben in der Zukunft führen. Zumal diese Zukunft sich in letzter Zeit ohnehin maximal ungewiss anfühlt. Erst veränderte Corona unsere Leben massiv, dann kam der Angriffskrieg Russlands, der die noch übrigen sicher geglaubten Gewissheiten infrage stellte. Dazu die Frage, ob die Erde überhaupt noch existiert, wenn wir alt sind.

Unsere Werte haben sich verschoben im Vergleich zu denen der vorherigen Generationen.

Schon länger ist klar: Den Lebensstandard unserer Eltern werden wir so oder so nicht erreichen . Damit haben wir uns abgefunden, mehr noch: Unsere Werte haben sich verschoben im Vergleich zu denen der vorherigen Generationen. Wir brauchen keine Statussymbole, keine fetten Autos und ausladenden Vorstadtvillen. Stattdessen wollen wir weniger arbeiten und so mehr Zeit für unsere Zukunftskinder – oder für unseren Aperol am Nachmittag. Oder anders: Wir wollen in der Gegenwart leben. Ich will mich nicht aus Liebe zum Job oder um der Weltrettung willen in den Burn-out arbeiten.

Vielleicht ist es ein Privileg, überhaupt darüber nachzudenken, wie viel Arbeit einem guttut. Diese Frage stellte sich in unserer Großelterngeneration nicht. Die Ehefrau hielt dem Mann zu Hause den Rücken frei, während er sich in der Fabrik oder im Büro kaputt schuftete. Für unsere Eltern war es zwar schon komplizierter. Manche versuchten, traditionelle Arbeitsteilungen aufzubrechen. Doch wenn ein Kind geboren war, rutschten die meisten wieder hinein: Die Mutter blieb zu Hause, arbeitete höchstens in Teilzeit, der Vater saß seine 40 Stunden ab.

Wenn die Älteren die Schablonen der 40-Stunden-Woche mit Überzeugung oder aus Fantasielosigkeit bereitwillig ausfüllen, ist es für die Jüngeren schwierig, über die Ränder zu malen. Teilzeit wird von den Älteren als Faulheit deklariert, Grenzen aufzeigen als schlechte Arbeitsmoral oder gar als Schwäche. Unsere Chefs werden häufig noch diejenigen sein, für die es ein Zeichen von Stärke ist, der Letzte im Büro zu sein. Dabei ist es genau das Gegenteil: Es zeugt von Stärke, »Nein« sagen zu können. Man könnte es als Prophylaxe für die psychische Gesundheit bezeichnen: kühlen (meinetwegen auch mit Aperol), damit es gar nicht erst zu brennen anfängt.

Die Weltgesundheitsorganisation hat Burn-out zu einer der größten Gefahren  des 21. Jahrhunderts ausgerufen. Viele in meinem Alter haben an Eltern, Freund:innen oder Bekannten gesehen, wie zerstörerisch diese Krankheit sein kann. Und trotzdem soll jungen Auszubildenden und Studierenden im Jahr 2022 genau die Arbeitsmoral eingebläut werden, die nicht selten im Burn-out endet: Schuften bis zur Selbstaufgabe.

Auch in meiner Branche, dem Journalismus, ist diese Haltung weitverbreitet. Dabei sollte es in diesem Beruf eigentlich darum gehen, Worte wie Finger auf wunde Punkte der Gesellschaft zu legen. Indem etwa über psychische Gesundheit geschrieben wird und auch über Missstände in der Arbeitswelt.

Wir Jungen haben einen Vorsprung, weil wir wissen, wie wir nicht leben wollen.

Doch die eigene Arbeitsmoral hinkt hinterher. Sie verlangt noch immer, Arbeit über alles zu stellen. Ob Kinder, Aperol oder Psychotherapie – wer das nicht nebenher schafft, muss halt raus aus dem Journalismus. Das trifft übrigens diejenigen besonders hart, die für die vielfach beschworene Diversität sorgen sollen: Ob für die alleinerziehende Mutter oder den jungen Mann, der mit Depressionen kämpft – für sie ist Teilzeit mehr als nur Freizeitmaximierung.

Wir Jungen haben einen Vorsprung, weil wir wissen, wie wir nicht leben wollen. Wir haben gesehen, wohin es führt, wenn sich unsere Eltern kaputt arbeiten: Burn-out und sehnsüchtiges Warten auf die Rente. Deshalb wollen wir lieber jetzt glücklich sein.

Was genau das für unsere Leben und unsere Arbeit bedeutet, müssen wir herausfinden – am besten gemeinsam mit unseren Chef:innen. Falls das nicht funktioniert, würde ich sogar selbst Chefin werden. Aber in Teilzeit.