Berufseinstieg als Tierärztin »Das Gehalt ist nach fünfeinhalb Jahren Studium ein Schlag ins Gesicht«

Einmal Tierärztin sein, davon träumen viele Kinder. Doch der Weg dorthin ist hart, der Verdienst überschaubar und der Umgang mit den Haltern nicht immer einfach. Jana erzählt, warum der Beruf sie dennoch erfüllt.
Aufgezeichnet von Florian Gontek
Jana Meyer-Wilmes mit Schäferhund Anuk: »Tiere fand ich schon immer toll«

Jana Meyer-Wilmes mit Schäferhund Anuk: »Tiere fand ich schon immer toll« 

Foto: Christoph Motzkau

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Jana Meyer-Wilmes, 25, arbeitet seit dem Frühjahr als angestellte Tierärztin in der tierärztlichen Praxis ihrer Mutter. Kann das funktionieren – und wie stressig ist ihr Beruf?

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

»Tiere fand ich schon immer toll, vor allem Pferde, Kleintiere und eigentlich alles, was ein Fell hat. Als Jugendliche hatte ich trotzdem kurz andere Zukunftspläne, da wollte ich Schönheitschirurgin werden. Aber das war schnell vorbei.

Meine Eltern sind beide selbstständige Tierärzte, meine Mutter hat eine Praxis für Kleintiere, mein Vater ist Fachtierarzt für Pferde. Das bedeutet auch: keine Wochenenden, maximal ein Urlaub pro Jahr, arbeiten an Weihnachten. Das kenne ich von beiden. Dieser Beruf schränkt die persönliche Freiheit enorm ein. Gibt es einen Notfall, muss man sofort los. Natürlich habe ich überlegt, ob ich das für mein eigenes Leben möchte. Aber Tieren zu helfen, das war für mich immer das Allerwichtigste.

Nach dem Abitur studierte ich Tiermedizin in Hannover. Das war eine sehr lernintensive Zeit. Während der Vorlesungszeit hatte ich viele sogenannte An- und Ab-Testate und mündliche Lernkontrollen, dazu kamen die Prüfungen am Ende jedes Semesters, das Vorphysikum und das Physikum. Ich halte diese Belastung an der Hochschule aber für wichtig, weil sie auf das vorbereitet, was im Berufsleben wartet. Wäre der Druck im Studium geringer, träfe er einen später im Job umso härter.

Das Praktische Jahr zeigt, wie vielfältig der Beruf ist

Mein Praktisches Jahr absolvierte ich unter anderem in einer auf Kleintiere spezialisierten Praxis in der Nähe von Osnabrück. Klar hatte ich durch die Arbeit meiner Eltern und den theoretischen Teil im Studium schon einen Einblick in den Beruf, aber die Zeit dort machte mir große Lust auf mehr. In der Praxis gab es noch einmal andere Möglichkeiten als in der meiner Mutter, einen Herzultraschall zum Beispiel. Ich lernte die Möglichkeiten weiterführender Behandlungen noch einmal ganz anders kennen.

Während des PJ war ich erst 23, dazu bin ich klein und blond. Ich hatte schon das Gefühl, dass mir die Besitzerinnen und Besitzer der Tiere noch einmal kritischer auf die Finger schauten als den Ärztinnen und Ärzten. Fehler konnte ich aber kaum machen, weil ich in jeder Sekunde jemanden hinter mir hatte. Das ist jetzt, im richtigen Berufsleben, anders. 

Auch Tiere einzuschläfern gehört dazu

Seit dem Frühjahr arbeite ich in der Praxis meiner Mutter und schreibe nebenher an meiner Doktorarbeit. Meine Mutter führt die Praxis seit 15 Jahren, sie hat sie mit viel Liebe, Ehrgeiz, Mut und Tränen aufgebaut. Und sie hat mir vorgelebt, wie es ist, Tierärztin zu sein. Für mich war von Anfang an klar, dass ich Kleintiere behandeln wollte wie sie. Deshalb war es für mich auch ein logischer Schritt, bei ihr einzusteigen und die Praxis – ihr Lebenswerk – weiterzuführen.

Daran gezweifelt habe ich nie – auch wenn die Bezahlung für angestellte Tierärzte im Kleintierbereich am Anfang oft wirklich schlecht ist. Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte empfiehlt  für das erste Berufshalbjahr eine Vergütung von mindestens 2420 Euro brutto pro Monat, im zweiten Halbjahr von mindestens 2860 Euro. Das ist nach fünfeinhalb Jahren Studium schon ein Schlag ins Gesicht. In der Praxis meiner Mutter verdiene ich zwar mehr. Die Gehälter von Tierärztinnen und Tierärzten, die sich um Nutztiere kümmern oder im öffentlichen Dienst arbeiten, sind meist dennoch höher. Und trotzdem weiß ich: Einen anderen Job möchte ich nicht machen.

Mit meiner Mutter zusammenzuarbeiten, ist toll. Sie lässt mir viel Freiraum, achtet aber auch darauf, dass ich keine Situationen erlebe, denen ich noch nicht gewachsen bin. Oft übernimmt sie zum Beispiel noch die akuten Notfälle oder Euthanasien. Gerade das Einschläfern fällt mir noch immer schwer, besonders bei Hunden. Sie sind häufig fest in Familienstrukturen integriert. Ich musste und muss lernen, dass Menschen weinen und wütend sind, wenn sie ein Tier loslassen müssen. Dass sie fragen: ›Warum?‹ Wenn jemand wirklich aufgebracht ist, weiß ich oft noch nicht, wie ich am geschicktesten reagieren kann, um am besten zu helfen. Vor diesen Momenten habe ich großen Respekt.

»Nein, zu Ihnen möchte ich nicht«

Ich habe noch keine 20 Jahre Berufserfahrung, da muss ich über manche Dinge auch 30-mal nachdenken. Einmal fertigte ich bei einem Hund ein Blutbild an. Als Tier und Besitzerin weg waren, fiel mir ein, dass ich zur Diagnostik noch einen weiteren Blutwert hätte abrechnen müssen. Der ging dann logischerweise auf Kosten der Praxis, und dafür musste ich geradestehen. Das sind zwar kleine Dinge, trotzdem machen sie mich unzufrieden.

Jana Meyer-Wilmes mit den Hunden Anuk und Barney

Jana Meyer-Wilmes mit den Hunden Anuk und Barney

Foto: Christoph Motzkau

Medizin ist eine unglaubliche Vertrauenssache. Bei der Behandlung des eigenen Tieres suchen viele Menschen nach dem absoluten Vertrauen. Das muss ich mir erst erarbeiten. ›Nein, zu Ihnen möchte ich nicht‹, das kommt mir aus dem Wartezimmer noch fast jede Woche entgegen. Die Menschen möchten dann lieber zu meiner Mutter. Natürlich ist das hart und ich habe auch noch keinen Weg gefunden, gut damit umzugehen. In solchen Momenten bin ich immer ein bisschen schockiert und auch persönlich verletzt, weil ich den Grund nicht verstehe. Meine Mutter sagt immer, ich solle das nicht persönlich nehmen. Das fällt mir gerade noch sehr schwer.

Bei all der Belastung hat mein Job aber natürlich auch ungemein schöne Seiten. Wenn eine Therapie gut anschlägt, wenn jemand wiederkommt und sagt, dass die vorherige Behandlung dem Tier gutgetan hat, dann macht mich das glücklich. Stolz bin ich, wenn ich etwas diagnostiziere, das vorher noch nicht gefunden wurde. Neulich zum Beispiel habe ich bei einem Hund eine seltene Stoffwechselerkrankung erkannt. Den Menschen genau zu erklären, was ihrem Tier fehlt, das Gefühl zu haben, helfen zu können – das ist schon irre schön.« 

Wie wird man Tierärztin oder Tierarzt?

Wer in Deutschland Tierärztin oder Tierarzt werden möchte, muss an die Uni. Tiermedizin kann man an fünf staatlichen Hochschulen studieren , alle Studienplätze werden über das Portal hochschulstart.de  vergeben. In Regelstudienzeit dauert das Studium  fünfeinhalb Jahre oder elf Semester und beinhaltet auch ein Praktisches Jahr. Nach dem Staatsexamen beantragt man die Approbation, die staatliche Zulassung also, um selbstständig oder angestellt zum Beispiel in einer Praxis arbeiten zu können.

Außerdem besteht die Möglichkeit, zu promovieren oder eine Weiterbildung zur Fachtierärztin oder zum Fachtierarzt zu machen. Während man in der Humanmedizin in aller Regel einen Facharzt braucht, um Patientinnen und Patienten behandeln zu dürfen, weist der Fachtierarzt eine Spezialisierung aus: Man kann Zusatzqualifikationen für medizinische Gebiete erwerben, etwa in der Chirurgie oder Augenheilkunde, oder sich auf bestimmte Tiergruppen spezialisieren, zum Beispiel auf Pferde, Kleintiere oder Reptilien. Die Weiterbildung dauert noch einmal bis zu fünf Jahre.

Laut der Bundestierärztekammer gibt es in Deutschland insgesamt knapp 32.000 Tierärztinnen und Tierärzte , etwa ein Drittel davon ist niedergelassen. Gut 5000 Tierärztinnen und -ärzte arbeiten im öffentlichen Dienst: Um Amtstierärztin oder Amtstierarzt  zu werden, legt man ein mehrjähriges Veterinärreferendariat mit Abschlussprüfung ab und arbeitet anschließend etwa in den Bereichen Fleischhygiene oder Lebensmittelüberwachung.

Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

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