Selbstoptimierung per App Was man auf TikTok wirklich lernen kann

TikTok gilt als Zeitverschwendung, mitunter auch als gefährlich. Gleichzeitig kann die Plattform den Alltag erleichtern. Wenn man weiß, wonach man suchen muss – und welche Hashtags was taugen.
Ein Glossar von Helene Flachsenberg
Auf TikTok kann man sich leicht verlieren – und was noch? (Symbolbild)

Auf TikTok kann man sich leicht verlieren – und was noch? (Symbolbild)

Foto: Westend61 / Getty Images

TikTok – Sie wissen schon, diese chinesische Plattform, auf der man sich durch Millionen von kurzen Videoclips wischen kann – hat den Ruf eines Zeitfressers. Eltern verfluchen die App, in der ihre Kinder verschwinden. Dabei sind Erwachsene selbst anfällig für ihren Sog.

Wie auch nicht: TikTok lebt von einem Algorithmus, der darauf ausgerichtet ist, Nutzer:innen wie mich möglichst lang in der App zu halten . Er ermittelt, welche Videos mich besonders interessieren, und bietet mir immer mehr ähnlichen Content an.

Das kann gefährlich sein, wenn ich mich beispielsweise in einen Negativstrudel von Kummer und Einsamkeit begebe . Es kann harmlos-belanglos sein, wenn ich nur Tanzvideos anschaue oder Golden Retriever, die ihren eigenen Schwanz jagen. Doch kann es auch lehrreich sein?

Vier Wochen lang habe ich auf TikTok ausschließlich nach informativem und hilfreichem Content gesucht – und einen Eindruck gewonnen, in welchen Bereichen man von der App wirklich etwas lernen kann. Spoiler: Für manche Dinge braucht man vielleicht doch länger als 60 Sekunden.

Hacks fürs Leben

#lifehack

Das Konzept und auch das Wort »Hack« (unbedingt Englisch aussprechen!) sind keine Erfindung von TikTok. Der Begriff geistert schon seit dessen Anfangstagen im Internet herum, und in der Offline-Welt kennt man Tricks, oder gar: Kniffe, die das Leben leichter machen, mindestens seit der Erfindung des Rades.

Neu ist, dass ich dank der TikTok-App Zugriff auf das gesammelte Wissen ihrer globalen Nutzer:innenschaft habe – vom Eisfischer in Sibirien bis zur Ukulelen-Bauerin auf Hawaii. Und dass ich nicht nur Hacks für Alltagsprobleme bekomme, sondern auch für mein Liebesleben und die Reparatur eines Kernreaktors.

Allerdings findet sich unter den »Lifehacks« auch ziemlich viel Mist. Auf ein nützliches Video kommen zehn überflüssige, und auf elf ernst gemeinte elf Satire-Videos. Wer wirklich etwas lernen will, das merke ich schnell, braucht spezifischere Suchworte.

In nomine DIY

#diyhacks, #homediy

In der Pandemie habe ich das Heimwerken für mich entdeckt. Während alle anderen Freudenpaläste geschlossen waren, pilgerte ich manchmal mehrmals pro Woche in den Baumarkt. Zwischen Dübeln, Blumenkästen und 300 Sorten Klebeband fand ich dort die beruhigende Erkenntnis, dass es zumindest im Haushalt für alles eine Lösung gibt.

Inzwischen fluten findige Heimwerker:innen aus der ganzen Welt auch meinen TikTok-Feed. Sie bohren, sägen, pinseln und erklären ihre Kniffe kompakter als jedes klugscheißerische YouTube-Tutorial – schließlich haben sie dafür nur eine Minute Zeit.

Und so lerne ich: Legt man ein Gummiband in ihren Kopf, lässt sich eine störrische Schraube leichter herausdrehen. Föhnt man ein Klebeetikett an, lässt es sich besser ablösen. Möchte man ein Bild an zwei Nägeln gerade aufhängen, richtet man einfach einen Streifen Malerkrepp an der Wand aus und schlägt die Nägel daran ein.

Inspiriert vom Ideenreichtum der anderen Nutzer:innen gehe ich etliche Projekte in meiner Wohnung an. Auch wenn am Ende vielleicht nicht jedes davon notwendig gewesen wäre (ja, ich meine dich, Sonnenaufgangsgemälde über meinem Bett!).

Italienisch, Hackstufe B2

#learnitalian, #italianhacks

Weil ich es peinlich finde, nach 30 Jahren Italien-Urlaub meine Pizza immer noch auf Deutsch zu bestellen, lerne ich seit einigen Monaten Italienisch. Zugegeben mit stark schwankender Motivation. Ein bisschen Input von Muttersprachler:innen kann also nicht schaden.

Bei TikTok finde ich etliche von ihnen. Sie teilen Vokabeltipps, die in meinem Sprachkurs eher fehlen. Ich lerne fluchen (»Che palle!«) ebenso wie flirten (»Complimenti alla Mamma!«), eine gut gelaunte Italienerin führt mich zudem in die Verwendung des mächtigen Allzweckwortes »Boh« ein. Nach ein paar Tagen bin ich vielleicht streng genommen nicht sonderlich schlauer – aber auf jeden Fall deutlich cooler. Für die Grammatik habe ich ja immer noch mein Lehrbuch. Boh.

An die Arbeit

#workhacks

Mit 30 gehöre ich bei TikTok schon zum alten Eisen. Das wird mir schmerzlich bewusst, als ich mich den Tricks für besseres Arbeiten zuwende. Die Pomodoro-Technik kenne ich schon, in vielen beschwerlichen Stunden habe ich zudem die wichtigsten Funktionen von Microsoft Word kennengelernt. Und auch die meisten Techniken für mehr Produktivität habe ich schon irgendwo gelesen – beim Prokrastinieren, versteht sich.

Für Berufseinsteiger:innen mögen manche dieser Hacks vielleicht neu sein. Aber vermutlich sollten die im neuen Job eher die Finger von TikTok lassen, als ausgerechnet dort nach Tipps für konzentrierteres Arbeiten zu suchen.

Das einzige, was mich wirklich beeindruckt, sind die mannigfaltigen Tricks, um NICHT zu arbeiten. In der Pandemie haben TikToker:innen sich offenbar vor allem Tricks angeeignet, um im Homeoffice produktiv zu wirken – während sie in Wahrheit Netflix schauen und Erdnussschalen in den Mülleimer werfen. Aber davon habe ich mich natürlich nicht inspirieren lassen, meine Chefin liest schließlich mit.

Kind, organize dein home!

#homeorganization, #organizationhacks

Vermutlich würden viele Menschen von sich behaupten, dass sie unordentliche Kinderzimmer hatten. Doch als ich jünger war, herrschten in meinem Reich wirklich ständig postapokalyptische Verwüstungszustände. Damals fand ich eigene Methoden im Umgang mit dem Chaos: Wenn ich etwas suchte, stieg ich mit einer Digitalkamera auf mein Bett, fotografierte das Zimmer und scrollte mich dann durch das Foto, um das Gesuchte zu finden.

Nun, da es TikTok gibt, ist das nicht mehr nötig. Stattdessen lasse ich die Magie in mein Leben, die sich »Home Organization Hacks« nennt.

Dafür braucht man vor allem eins: »Storage Baskets«. Verlässlichen Erfolg auf der Plattform haben nämlich diejenigen, die ihr Leben in Tausende Körbchen, Kästchen und Schüsselchen sortieren. Profis haben im Badezimmer jeweils eigene Fächer für Zahnbürstenköpfe, Haargummis, Wattestäbchen, Tampons, Kosmetikpinsel und Einwegrasierer.

Ich beschließe, das Prinzip auf meinen Badschrank anzuwenden und zumindest von der Alles-in-eins-Müllkippenlösung wegzukommen. Mit drei Plastik-Containern schaffe ich drei grobe Kategorien: »brauche ich dauernd« – »brauche ich selten« – »brauche ich nie«. Gar nicht so übel, finde ich, als ich den Badschrank wieder schließe. Und mache, weil es so gut läuft, gleich mit meiner Sockenschublade weiter: lange Socken, kurze Socken, dicke Socken, normale Socken.

Fast bin ich versucht, meinen Erfolg auf TikTok zu teilen. Aber damit, das habe ich mit mir selbst vereinbart, fangen wir gar nicht erst an.

Öko-Hack: Statt neugekauften »Storage Baskets« tun es auch alte Pappkartons

Öko-Hack: Statt neugekauften »Storage Baskets« tun es auch alte Pappkartons

Foto: Helene Flachsenberg

Köpfe hacken leicht gemacht?

#psychologyhacks, #psychologytricks

Zum Schluss wage ich mich in kompliziertere Gebiete vor: die menschliche Psyche. Denn Menschen, so gewinne ich bei TikTok den Eindruck, sind im Grunde auch nicht komplizierter aufgebaut als eine gewöhnliche Haushaltsschraube. Statt einem Schraubenzieher braucht man eben den richtigen »Psychology Hack«.

Wenn man jemandem ein Kaugummi abluchsen will, soll man etwa zunächst fragen, ob man das ganze Paket haben darf. Lehnt das Gegenüber ab, bittet man um ein einzelnes Kaugummi. Und hat laut TikTok damit immer Erfolg. Präsentiert wird mir diese als »Door in the face« bekannte Technik in einem kurzen Schauspiel bei dem – TikTok-typisch – eine Person beide Rollen übernimmt.

Diese Person ist Josh Otusanya, der auf seinem Account zahlreiche psychologische Tricks präsentiert und dafür Millionen Likes und Views bekommt. Über Google finde ich heraus, dass Otusanya früher Profisportler war und dann Stand-up-Comedian. Welche Qualifikation in seiner Biografie leider fehlt: Psychologe.

Ich versuche dennoch mein Glück. »Schenkt ihr mir euer gesamtes Erspartes?«, frage ich meine Freundinnen in unserer Chatgruppe. Keine möchte. »Okay, wie wäre es mit zehn Euro?«, schiebe ich hinterher. »Nein«, antwortet eine Freundin kühl, »Leni, hast du Probleme?«, fragt eine andere.

Ich gebe zu – ich hatte ohnehin nicht erwartet, dass das klappt. Nach ein paar Tagen mit »Psychology Hacks« bin ich von dieser Kategorie jedoch endgültig enttäuscht. Denn außer Küchenpsychologie und den üblichen Binsenweisheiten von Like-and-Share-Accounts (»Nenne andere Leute bei ihrem Namen!«, »Achte auf deine Atmung, um einzuschlafen!«) gibt es hier wirklich nichts zu lernen. Vielleicht fänden es meine Mitmenschen aber ohnehin nicht so toll, wenn ich mir ihre Zuneigung erhacken würde.

Ausgehackt

Nach meiner vierwöchigen Testphase sind die Hacks längst nicht am Ende. »Food Hacks«, »Women Hacks«, »Excel Hacks« – es gibt so vieles, was ich noch nicht weiß. Weil ich in der Zeit ausschließlich nach Lifehacks gesucht habe, hat sich mein Algorithmus angewöhnt, mir vor allem solche Videos anzuzeigen.

Meine Motivation lässt allerdings nach. Ständig etwas Neues sehen, das ich ausprobieren und lernen könnte? Keine Lust. Und so ist TikTok letztendlich an seiner eigenen Effektivität gescheitert.

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