Berufseinstieg als Trauerbegleiterin »Kinder haben ein Recht darauf, die Wahrheit über den Tod zu erfahren«

Mara, 26, unterstützt Kinder und Jugendliche, die Angehörige durch Suizid verloren haben. Hier erzählt sie, warum Kinder anders trauern – und warum es wichtig ist, ehrlich mit ihnen zu sein.
Aufgezeichnet von Susan Barth
Trauerbegleiterin Mara: »Kinder haben ein anderes Verständnis vom Tod«

Trauerbegleiterin Mara: »Kinder haben ein anderes Verständnis vom Tod«

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Privat

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Mara, 26, arbeitet seit einem Jahr als Trauerbegleiterin.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

»Wenn ich anderen Menschen erzähle, dass ich Trauerbegleiterin bin, sagen viele: ›Toll, was du machst – aber ich könnte das nicht.‹ Manche wissen gar nicht, was sie sagen sollen. Tod und Trauer sind in unserer Gesellschaft noch immer Tabuthemen. Auch deshalb habe ich mich für diesen Beruf entschieden. Ich möchte helfen, diese Themen zu enttabuisieren.

Von der Erzieherin zur Trauerbegleiterin

Nach der Schule habe ich zunächst eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Danach ging ich an die Uni, nach einem Semester Psychologie wechselte ich zu Heilpädagogik. Neben dem Studium arbeitete ich ehrenamtlich in einer Onlineberatung für Kinder und Jugendliche, die jemanden durch Suizid verloren hatten. Dabei merkte ich: Das ist es, diesen Job will ich machen. Hier kann ich meine Fähigkeiten einbringen, mein Einfühlungsvermögen und meine Kreativität nutzen, um Menschen in ihrer Trauer beizustehen.

Der Träger der Onlineberatung, ein paritätischer Verband, finanzierte mir die Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Fünf Monate lang lernte ich Methoden im Umgang mit Trauer sowie psychologische und kulturelle Hintergründe von Trauer kennen – zum Beispiel, wie sich Trauer äußern kann, oder wie sich unterschiedliche Religionen das Jenseits vorstellen.

Seit Februar 2020 arbeite ich hauptamtlich in einem Beratungszentrum für trauernde Kinder, Jugendliche und Familien. Ich betreue dort Menschen im Alter von vier bis 25 Jahren. Manche werden von Psychotherapeutinnen oder vom Jugendamt zu uns geschickt, andere erfahren durch Flyer in Bestattungshäusern oder über unsere Website von unserem Angebot. Im Monat verdiene ich rund 3500 Euro brutto.

Trauerbegleitung: Zuhören und sprechen

Wie lange eine Trauerbegleitung dauert, ist sehr unterschiedlich. Meist starten wir mit einer wöchentlichen Sitzung von 45 bis 60 Minuten und wechseln später in einen zweiwöchentlichen Rhythmus. Es gibt auch eine Gruppenbegleitung, bei der mehrere Familien, jüngere oder ältere Jugendlichen zusammenkommen. Diese Termine mag ich sehr, weil die Trauernden sich gegenseitig bestärken und verstehen können.

Meine Aufgabe ist es, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen über ihre Trauer und ihren Verlust sprechen können. Zum Einstieg frage ich etwa, was den verstorbenen Menschen besonders gemacht hat. Danach arbeite ich oft mit kunstpädagogischen und gestalterischen Methoden wie Töpfern oder Malen. Zum Beispiel bastele ich mit Kindern oft ein ›Mutlicht‹, ein Windlichtglas, das wir bunt bekleben und bemalen. Das können die Kinder anzünden, wann immer die Trauer besonders groß ist.

Kinder haben ein anderes Verständnis vom Tod. Sie betrachten ihn noch nicht als universell und irreversibel, manchmal legen sie sich mit viel Fantasie Erklärungen zurecht, wo ein Verstorbener nun sein könnte. Erwachsene versuchen oft, Kinder vor Trauer zu schützen. Dabei haben Kinder ein Recht darauf, die Wahrheit über den Tod oder die Todesumstände zu erfahren. Auch, wenn jemand den Tod selbst gewählt hat. Zum Trauerprozess gehört, die verstorbene Person oder den Ort, an dem sie gestorben ist, noch einmal sehen zu dürfen – wenn der oder die Trauernde es wünscht –, eine eigene Vorstellung über den Tod zu entwickeln und zu entscheiden, wie man sich verabschieden will.

Zurück ins Leben finden

Neben der Erinnerungsarbeit ergründe ich auch, was die Trauernden brauchen, um sich besser zu fühlen, und welche Unterstützung sie dafür vielleicht bereits haben. Wir überlegen gemeinsam, wie die Zukunft aussehen kann, und integrieren den Verlust ins Leben. Dabei ist mir wichtig, alle so in ihrer Trauer anzunehmen, wie sie sind. Ich will sie auch wissen lassen, dass es okay ist, wieder Spaß zu haben und zu lachen.

Als ich Freunden und Familie damals von meiner Ausbildung erzählte, befürchteten viele, ich könne mich nach der Arbeitszeit nicht abgrenzen. Bisher schaffe ich das aber gut. Nach jedem Kontakt sprechen wir im Team und dokumentieren das Beratungsgespräch. Da kann ich meine Gedanken aussprechen und alles Belastende zurücklassen. Um aktiv Abstand zu schaffen, nutze ich zudem einen Trick: Ich trage manche Kleidung nur auf der Arbeit – und wechsle sie nach Feierabend.

Trauer in der Coronapandemie

Durch Corona lief mein Jobstart anders als geplant, alle persönlichen Beratungen mussten ausfallen. Stattdessen organisierten meine Kolleginnen und ich Online-Gruppenbegleitungen und Einzelgespräche per Videochat. Bastelideen und Bastelmaterial für Kinder verschickten wir per Post. Mittlerweile sind Einzelgespräche unter Hygieneauflagen wieder möglich.

Diese Pandemie hat große Auswirkung auf die Trauer. Kinder zum Beispiel, die gerade ein Elternteil verloren haben, entwickeln mitunter sehr große Verlustängste. Sie haben Angst, sich in der Schule mit dem Coronavirus zu infizieren und ihr anderes Elternteil anzustecken. Zudem können Beerdigungen nicht wie gewohnt stattfinden. Man kann Freunde und Familie nicht treffen, die soziale Unterstützung fällt weg.

Auch unabhängig von Corona würde ich mir wünschen, dass Trauerarbeit mehr wertgeschätzt wird. Das betrifft auch die Finanzierung. Die Trauernden müssen die Kosten für die Beratung oft selbst tragen, wenn sie nicht durch das Jugendamt oder Spenden finanziert ist. Ich wünsche mir, dass jeder Mensch die Möglichkeit bekommt, seine Trauer angemessen zu verarbeiten.«

Wie wird man Trauerbegleiterin?

Trauerbegleitung ist kein klassischer Ausbildungsberuf. Es gibt verschiedene Fortbildungen und Ausbildungen, die man absolvieren kann. Eine Grundqualifizierung in einem psychologischen oder sozialen Beruf ist von Vorteil, aber nicht zwingend erforderlich.

Die Ausbildung gliedert sich meist in Module und ist berufsbegleitend möglich. Vermittelt werden die Inhalte beispielsweise über Vorträge, Selbstreflexion oder praktische Übungen wie Rollenspiele und Partnerübungen. Anerkannte Ausbildungen, Informationen und Ansprechpartner findet man über den Bundesverband für Trauerbegleitung . Informationen zu den Standards der Qualifikation von Trauerbegleitenden gibt es beim Deutschen Hospiz- und PalliativVerband e.V. 

Trauerbegleiterinnen und -begleiter können in Beratungsstellen, im Rahmen von Hospizarbeit oder freiberuflich arbeiten. Manche üben den Beruf auch rein ehrenamtlich aus. In paritätischen Verbänden, wie dem, für den Mara arbeitet, wird nach Entgeltgruppen bezahlt , die mit den Gehältern von Erzieherinnen und Erziehern vergleichbar sind.

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