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Die Entscheidung meines Lebens – mit Tupoka Ogette »Für mich war es ein Lernprozess, bei mir zu bleiben«

Die wichtigste Entscheidung im Leben von Autorin Tupoka Ogette war eine, die ihre Mutter getroffen hat. Im Interview erzählt sie davon – und sagt, warum man manchmal auch zwei Nächte drüber schlafen sollte.
Zur Person

Tupoka Ogette, Jahrgang 1980, ist Expertin für Rassismus, Aktivistin und Autorin der Bücher »Exit Racism: Rassismuskritisch denken lernen«, »Und jetzt du.: Rassismuskritisch leben« sowie »Ein rassismuskritisches Alphabet«. Außerdem arbeitet sie als Trainerin und Beraterin für Rassismuskritik und Antirassismus und bietet entsprechende Workshops für Unternehmen und Organisationen an.

SPIEGEL: Frau Ogette, haben Sie heute schon eine Entscheidung getroffen?

Ogette: Ich habe heute Morgen Sport getrieben. Das war eine gute Entscheidung, weil ich voller Energie in den Tag starten konnte.

SPIEGEL: Welchen Sport denn genau?

Ogette: Ich habe Spinning gemacht. Ich liebe es, mich beim Sport mit lauter Musik auszupowern. Aber es ist immer wieder eine Entscheidung, sich aufzuraffen.

SPIEGEL: Über welche Entscheidung haben Sie sich zuletzt geärgert?

Ogette: Häufig ärgere ich mich, wenn ich mein Bauchgefühl ignoriert habe. Meistens sind das Momente, in denen ich es Menschen recht machen oder einen Konflikt vermeiden wollte.

»Als Schwarze Frau wird man schnell mit der Zuschreibung konfrontiert ›schwierig‹ oder ›zu aggressiv‹ zu sein.«

SPIEGEL: Welcher Typ sind Sie: eher »Aus der Hüfte schießen« oder »Abwarten und Tee trinken«?

Ogette: Beides trifft auf mich zu, obwohl das vielleicht widersprüchlich klingt. Bei meiner Aufklärungsarbeit über Rassismus kann ich sehr ausdauernd und geduldig sein. Veränderungen brauchen ihre Zeit. Gleichzeitig bin ich auch ungeduldig, denn BIPoC – die Abkürzung steht für »Black, Indigenous and People of Colour« – erleben Rassismus seit etwa 500 Jahren. Um James Baldwin, Schriftsteller und Ikone der Gleichberechtigung, zu zitieren: »Wie viel Zeit braucht es wohl noch?« Darüber hinaus kann ich auch sehr impulsiv Entscheidungen treffen. Manchmal hat mich das in Schwierigkeiten gebracht. Mittlerweile lasse ich mir vor großen Entscheidungen mehr Zeit.

Die Entscheidung meines Lebens

In der Reihe »Die Entscheidung meines Lebens« erzählen prominente Persönlichkeiten von den Wendepunkten ihres Lebens – und geben Tipps, wann man auf den Rat anderer hören sollte und wann lieber nicht.

Zur Serie

SPIEGEL: Was war bisher die wichtigste Entscheidung in Ihrem Leben?

Ogette: Meine Mutter hat im Jahr 1988, also kurz vor der Wende, Leipzig verlassen und ist mit mir, damals acht Jahre alt, nach West-Berlin gezogen. Den Ausreiseantrag zu stellen, war zwar die Entscheidung meiner Mutter und nicht meine, aber es hat mein Leben sehr stark geprägt. Von einem Tag auf den anderen bedeutete der Umzug für mich: Abschied – und Neubeginn.

SPIEGEL: Vor einer wichtigen Entscheidung …

Ogette: … atme ich tief ein und aus und höre in mich hinein. Ich versuche inzwischen mindestens eine, besser zwei Nächte darüber zu schlafen. Weibliche Sozialisierung bedeutet auch, dass man in dem Glauben aufwächst, es allen recht machen zu müssen. Als Schwarze Frau wird man zudem schnell mit der Zuschreibung konfrontiert »schwierig« oder »zu aggressiv« zu sein. Für mich war es ein Lernprozess, in Entscheidungsmomenten herauszufinden, was sich für mich richtig anfühlt, und bei mir zu bleiben.

SPIEGEL: Wen fragen Sie um Rat?

Ogette: Auf jeden Fall immer meinen Mann. Wir arbeiten auch zusammen. Seine Perspektive ist essenziell für mich. Dann meine Mutter, meine besten Freund:innen. Also meinen engsten Kreis, eine Art Mini-Parlament.

SPIEGEL: Und wer fragt Sie?

Ogette: Meine Kinder. Nur mein ältester Sohn fragt mittlerweile weniger und trifft immer mehr eigene Entscheidungen, was mit 24 Jahren natürlich gut ist. Außerdem die Menschen, die ich eben erwähnte: mein Mann, meine Freund:innen. Darüber hinaus ist es mein Beruf, gegen Rassismus zu sensibilisieren. Ich habe Bücher geschrieben, in denen ich Ratschläge zum Umgang mit rassistischem Verhalten im Alltag gebe. Daher wenden sich sehr viele Menschen mit Fragen an mich – in Workshops, Lesungen, aber auch per Mail oder Social Media. Sie wollen zum Beispiel wissen, wie sie Rassismus auf der Arbeit oder in der Schule des Kindes ansprechen können.

»Nehmt euch Zeit, lasst euch nicht drängen. Schlaft mindestens eine Nacht darüber.«

SPIEGEL: Was war der schlechteste Rat, den Sie je bekommen haben?

Ogette: Mir wurde nach der vierten Klasse trotz sehr guter Noten die Gymnasialempfehlung verweigert – mit der rassistischen Begründung, dass Menschen wie ich besser als Reinigungskräfte geeignet wären. Meine Mutter hat dann erkämpft, dass ich doch aufs Gymnasium konnte.

SPIEGEL: Welchen Tipp haben Sie für jungen Menschen, die vor einer wichtigen Entscheidung stehen?

Ogette: Nehmt euch Zeit, lasst euch nicht drängen. Schlaft mindestens eine Nacht darüber. Und dann holt euch einige unterschiedliche Perspektiven ein von Menschen, denen ihr vertraut und von denen ihr wisst, dass sie das Beste für euch wollen.

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