Semesterbeginn in Präsenz an der Uni Hamburg Wo sind denn bloß alle?

Das Wintersemester startet an vielen Hochschulen in Präsenz. Bedeutet das, dass alles wie früher ist? Ein Besuch an der Uni Hamburg.
Von Simon Schröder
Studentin Linn: »Auf einmal war die Zugehörigkeit weg«

Studentin Linn: »Auf einmal war die Zugehörigkeit weg«

Foto: Vera Drebusch / DER SPIEGEL

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Das Wetter spielt schon einmal mit, sogar in Hamburg. Die Sonne scheint den Menschen ins Gesicht, die vor der Uni auf den Bänken sitzen. Es ist der 11. Oktober 2021, erster Vorlesungstag des Semesters. Linn kommt zu Fuß anspaziert, mit einem Lächeln im Gesicht. »Im Bus waren schon viele Menschen und ich dachte: Die müssen bestimmt auch in die Uni«, sagt die 24-Jährige und wirkt dabei ein wenig aufgeregt. Linn ist heute wieder Ersti, doch auch für viele andere Studierende ist es ein besonderer Tag. Denn erstmals nach der Pandemie gibt es dieses Semester wieder Lehre in Präsenz.

Der erste Tag in Präsenz

Viele Hochschulen haben sich im Wintersemester 2021/22 für einen Unibetrieb mit einer 3G-Regelung  entschieden. Auch die Universität Hamburg. Anfang September 2021 verkündete  die Vizepräsidentin eine Rückkehr zu Veranstaltungen in ihren Räumlichkeiten. Wie fühlt es sich an, wieder auf dem Campus zu stehen? Wie läuft der erste Tag nach drei Semestern vor dem Laptop ab?

Linn beginnt an diesem Tag ihr zweites Bachelor-Studium. Anfang September hat sie erst ihre Bachelorarbeit in Digital Media an der Uni Lüneburg abgegeben und startet dieses Wintersemester mit Amerikanistik und Anglistik. »Ich wollte noch mal was mit englischer Sprache und Literatur machen«, sagt sie.

Hinter ihr ragt ein großes Gebäude aus Glas und Stahl in der City Nord in die Höhe, ihre neue Uni. Die Fakultät für Geisteswissenschaften ist seit dem Wintersemester 2017/2018 nicht mehr auf dem Hauptcampus der Universität Hamburg zu finden, sondern auf dem Gelände am Überseering 35 , auch Ü 35 genannt.

»Ich freue mich am meisten darauf, wieder über den Campus zu gehen und Leute zu treffen«, sagt Linn. Sie hoffe, dass »etwas mehr Leichtigkeit« zurückkommt.

Linn auf dem Campus Ü 35

Linn auf dem Campus Ü 35

Foto: Vera Drebusch / DER SPIEGEL

Die vergangenen drei Semester waren für sie nicht leicht. Als die Onlinelehre im April 2020 losging, war sie gerade im fünften Semester ihres ersten Bachelors. »Irgendwie hat man sich voneinander entfremdet. Ich hatte sogar einen Dozenten, der seine Kamera nicht mal angemacht hat«, sagt Linn und schüttelt den Kopf. Zum Glück wohnte sie damals in einer Dreier-WG und konnte sich mit einer ihrer Mitbewohnerinnen zum Lernen am Küchentisch treffen. »Ich weiß nicht, was ich sonst gemacht hätte«, sagt sie.

So richtig nach Studium fühlten sich diese Semester trotzdem nicht an. »Auf einmal war die Zugehörigkeit weg. Ich war immer gerne auf dem Campus und habe mich als Studentin identifiziert.«

Masken- und Passpflicht

Nun geht Linn auf den Eingang ihrer neuen Uni zu. Vor der Tür des Ü 35 stehen zwei Männer und unterhalten sich. Einer hat seine Maske unters Kinn geschoben, so kann sie gleich wieder auf Mund und Nase. Denn Maske tragen ist in allen Räumlichkeiten der Universität Hamburg Pflicht. Die Hinweise auf den Schildern am Eingang sind nicht zu übersehen.

Wer mit Maske durch die Drehtür geht, landet in einem großen Foyer mit vielen Fahrstühlen und glatten grauen Wänden. Die Studierenden teilen sich das Gebäude mit Unternehmen, auch ein IT-Dienstleister und die Einstellungsstelle der Polizei haben hier ihren Sitz. Vielleicht erinnert die Atmosphäre auch deshalb eher an einen Bürokomplex als an einen Unicampus.

Im Foyer sitzen Menschen in Ledersesseln, schauen auf ihre Smartphones und sagen kein Wort. Die einzigen Sätze spricht ein Mann hinter einer Glaswand am Empfang. Er lotst die Hereinkommenden von der Drehtür nach links um die Ecke. Dort gibt es den Campus-Pass.

Der Campus-Pass . Er ist die Lösung der Uni Hamburg, um den Campusbetrieb pandemiesicher zu machen. Wer an Präsenzveranstaltungen teilnehmen will, kann ihn sich per Termin über einen QR-Code in der Universität holen und so nachweisen, dass er oder sie geimpft, genesen oder getestet ist. Letzteres muss die Person alle 24 Stunden auffrischen, wer geimpft oder genesen ist, braucht sich nur einmal anzumelden.

Wie die Hochschulen das 3G-Prinzip umsetzen, bleibt ihnen überlassen . Die Universität Hamburg ist aber nicht die einzige, die dafür einen eigenen Nachweis nutzt. An der Uni Mannheim  gibt es etwa einen Hörsaal-Pass. Die Hochschule Fulda kontrolliert die Nachweise wiederum direkt in der Corona-App. Die Uni Hannover  verwendet Bändchen in unterschiedlichen Farben für jeden Status und bekam dafür sogar einen kleinen Shitstorm  auf Twitter.

Geimpft, getestet oder genesen – dann gibt es den Campus-Pass

Geimpft, getestet oder genesen – dann gibt es den Campus-Pass

Foto: Vera Drebusch / DER SPIEGEL

Linn ist geimpft und hat um 11.30 Uhr einen Termin für ihren Pass. Ein Mann hinter einer Wand aus Plexiglas winkt sie zu sich. Als sie ihm ihr Smartphone mit dem QR-Code durch den Schlitz schiebt, hebt er es vor eine Kameralinse an seinem Laptop. Es dauert einen Moment, dann ist sie eingecheckt und hält auf dem Gerät ihren Campus-Pass in der Hand. »Ich verstehe aber nicht, warum es diesen Pass gibt«, sagt sie. Während der Orientierungswoche hatte noch ein Impfnachweis per App gereicht.

Kontrolliert werden die Pässe von Männern in Westen mit Signalfarben. Sie patrouillieren dieses Wintersemester auf dem Campus. Die Universität hat sich für diesen Zweck externes Personal angemietet.

Neues Semester, alte Probleme

Linn könnte sich mit ihrem Pass nun in einen Vorlesungssaal setzen. Nur gibt es da ein anderes Problem: In ihre Wunschvorlesung, Introduction to British Literature and Culture, ist sie nicht hereingekommen. Denn auch wenn vieles in diesem Wintersemester neu ist, an den alten Strukturen hat sich wenig geändert. Kurse und Vorlesungen werden online gewählt, das Los entscheidet dann, wer welche Kurse bekommt – oder die Technik. »Die Seite ist immer wieder abgestürzt«, erzählt Linn. »Ich habe viel weniger Kurse bekommen, als ich wollte.« Obwohl die Uni sich möglichst viel Präsenz vorgenommen hat, werden etliche Veranstaltungen noch immer digital angeboten. »Ich würde sagen, in meinem Studiengang liegt die Verteilung bei 50:50«, sagt Linn.

Aber auch ohne Vorlesung: Den Campus will sie sich noch angucken, um den Raum für ihre erste Veranstaltung zu finden. »Dann weiß ich schon mal, wo ich hinmuss«, sagt sie.

Ihr Weg führt sie durch leere Flure und schließlich vor eine verschlossene Tür. Linn wirkt ein wenig enttäuscht. »So richtig nach Präsenz fühlt es sich noch nicht an«, sagt sie. Das stimmt. Das Erdgeschoss des Gebäudes macht einen verlassenen Eindruck. Geht hier überhaupt jemand zu einer Veranstaltung?

Die Mensa bietet Normalität

Ein Stockwerk tiefer sieht es schon anders aus. Im Untergeschoss befinden sich die Hörsäle der Fakultät, hier laufen mehr Leute über die Gänge. An einem Brett hängen zerfetzte Zettel mit Informationen für das kommende Semester. Hier und da hängt ein Flyer für eine Veranstaltung, die »Kultur eröffnet« steht auf einem, er wirbt für Konzerte auf dem Hauptcampus. Alles selbstverständlich neben dem Hinweis, auf 1,5 Meter Abstand zu achten.

Vor dem Eingang zur Mensa sitzt eine Gruppe von Frauen an einem Tisch. Eine von ihnen hält ein iPad in der Hand. Während sie sich mit ihren Freundinnen durch die Maske unterhält, läuft nebenbei der Videocall zu einer Vorlesung. Vielleicht ist das ein Blick in die Zukunft? Treffen sich Studierende nach der Pandemie bald auf dem Campus, um nebenbei eine digitale Vorlesung laufen zu lassen?

In der Mensa und im Café des Überseerings 35 ist die Zeit allerdings stehen geblieben. »Die haben sich jedenfalls nicht verändert«, sagt Linn und deutet auf ein Ciabatta-Brötchen, das mit Tomate-Mozzarella belegt ist. Solche Brötchen gab es auch an ihrer alten Uni. »Da fühle ich mich direkt heimelig.«

Auch der Kaffee sieht so aus, als ob er drei Semester in der Maschine verbracht hätte. Schwarz und heiß blubbert er aus dem Automaten und schmeckt viel zu bitter. »Wenigstens auf den schlechten Kaffee ist Verlass«, sagt Linn und lacht. Für 1,20 Euro die Tasse darf sich aber auch niemand beschweren.

Und vielleicht liegt es an solchen vertrauten Details, dass es zwischenzeitlich doch wie vor der Pandemie wirkt. Mit ihren Tassen in der Hand stehen Studis draußen im Hinterhof des Cafés, ziehen an ihren Zigaretten und trinken schlechten Kaffee. Niemand hat eine Maske auf. Die Leute recken die Gesichter in die letzten Sonnenstrahlen im Oktober.

Als Linn sich wieder auf den Heimweg macht, hat sie ein gutes Gefühl. Sie freut sich auf das Semester. Und schmiedet Pläne: »Vielleicht engagiere ich mich in der Fachgruppe. Einfach um ein paar Leute direkter kennenzulernen.« Denn das klappt an einem Tag wie heute auf dem Campus nicht so gut.

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