Mein Weg zur professionellen Signatur Das kann ich so unterschreiben

Eine Unterschrift ist Identifikations- und Erkennungsmerkmal. Ich fand meine schon lange peinlich – deshalb habe ich sie mit einer Coachin überarbeitet. Doch meine alte Kritzelei verfolgt mich.
Ich hatte das Gefühl, nicht als Erwachsener mit Hochschulabschluss zu unterschreiben, sondern als 15-jähriger Jugendlicher. Das musste sich ändern. (Symboldbild)

Ich hatte das Gefühl, nicht als Erwachsener mit Hochschulabschluss zu unterschreiben, sondern als 15-jähriger Jugendlicher. Das musste sich ändern. (Symboldbild)

Foto: Mayur Kakade / Getty Images

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Meine Unterschrift habe ich für meinen ersten Personalausweis entwickelt. Damals war ich 15 Jahre alt, ging noch zur Schule und war mitten in der Pubertät. Seitdem sind fast 15 weitere Jahre vergangen, ich habe die Pubertät überstanden, studiert und Arbeitserfahrung gesammelt. Ich habe mich weiterentwickelt, mein Auftreten ist selbstbewusster und professioneller geworden. Was sich aber in all der Zeit nie verändert hat: meine Unterschrift.

Und so sieht sie auch aus. Das geschwungene H am Anfang meines Nachnamens erinnert an eine Schleife, der Mittelteil ist kaum lesbar und am Ende mache ich einfach: einen Strich.

Der Weg zur professionellen Unterschrift

Das stört mich – schließlich ist eine Signatur mehr als ein dahingeschmierter Name. Sie ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das vor allem dann zum Tragen kommt, wenn es wirklich wichtig wird: Die Unterschrift steht auf Ausweisen, eröffnet Bankkonten und beschließt Verträge. Als ich vor ein paar Monaten meinen ersten Arbeitsvertrag unterschreiben musste, war mir mein pubertäres Gekrakel besonders peinlich. Ich hatte das Gefühl, nicht als Erwachsener mit Hochschulabschluss zu unterschreiben, sondern als 15-jähriger Jugendlicher. Das musste sich ändern.

Also suchte ich im Internet nach Hilfe bei der Entwicklung einer neuen Unterschrift. Dabei stieß ich auf Kalligrafie-Coach:innen – und auf Susanne Dorendorff. »Ich bin Handschriftenkünstlerin, keine Kalligrafin. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied«, erzählt mir Dorendorff, als ich sie schließlich in Hamburg treffe. Seit rund 30 Jahren beschäftigt sie sich professionell mit Handschrift. Sie schreibt Bücher, gibt Workshops und erarbeitet mit Wirtschaftsbossen neue Signaturen. »Die Namen kann ich aber nicht verraten, die Leute kennt man ja.«

Bevor wir mit der Arbeit an meiner neuen Unterschrift beginnen, betont Dorendorff, dass diese aus mir selbst kommen müsse. Sie könne mir ein paar Anregungen geben, aber eine Unterschrift lasse sich nicht von einer anderen Person entwickeln. Um das zu unterstreichen, demonstriert Dorendorff ihre eigene Signatur. Sie setzt zu einem großen Bogen an, schwingt und wirbelt übers Papier, macht hier einen Strich und zeichnet dort eine kleine Möwe. Die stehe für ein Buch, das sie illustriert hat. »Ich lasse mir Zeit für meine Unterschrift, denn ich bin stolz darauf«, sagt Dorendorff. »Damit zeige ich ›Hier bin ich‹. Die meisten Menschen möchten einfach schnell was hinschmieren, weil ihnen ihre Unterschrift peinlich ist. Das ist schade.«

Das bringt uns zurück zu mir. Wie gern würde ich beim Unterschreiben des nächsten Vertrags ein Bild malen, statt nur schnell meinen Namen hinzuschreiben. Doch wie komme ich dorthin?

1. Der Vorname

Als ich Dorendorff meine Unterschrift zeige, erkennt sie mein Problem: »Das sind Sie nicht. Diese Schleife da beim H und dieser lieblose Strich am Ende – da merkt man, Sie wollen einfach nur schnell weg. Und warum das ›P.‹? Ihr Vorname ist so kurz, den schreiben Sie erst mal aus. Vornamen sollte man grundsätzlich ausschreiben oder ganz weglassen.«

Sofort beginnt Dorendorff, mir mögliche Schreibweisen für meinen Vornamen zu zeigen. Das P sei ein ganz heikler Buchstabe, sagt sie. »Viele zeichnen da einen Baum, wie Sie das auch machen.« Sie schlägt einige alternative Ps vor, ich entscheide mich für eines davon und ergänze das »er« in meiner normalen Schrift. »Das ist ein ›Dorendorff-P‹, das habe ich selbst entwickelt. Außer Ihnen hat das fast keiner«, sagt die Coachin.

Ein H wie eine Schleife: Meine alte Unterschrift

Ein H wie eine Schleife: Meine alte Unterschrift

Foto: privat

2. Der Nachname

Danach widmen wir uns meinem Nachnamen. Auch hier hat Dorendorff Anmerkungen. »Sie flachen hinten ab und machen einen langen Strich. Das zeigt, dass Sie nicht wissen, was Sie machen sollen.« Das »-mann« – eine im Deutschen häufige Endung – müsse ich zwar nicht ausschreiben, sagt sie. »Das macht fast niemand.« Ich solle aber entweder Bögen andeuten, die kleiner werden oder am Ende einen Punkt setzen.

Unabhängig davon, wie der Nachname lautet, hat Dorendorff allgemeine Tipps: Den ersten Buchstaben markant ausschreiben. Am Ende noch einmal fest aufdrücken. Und: Den letzten Strich immer nach oben zeigen lassen, nie nach unten – so wie in meiner alten Unterschrift. Denn nach unten schreiben wirke negativ oder als wolle man sich klein machen.

Wie bei meinem Vornamen entwickelt Dorendorff verschiedene Varianten meines Nachnamens, abgeleitet aus meiner ursprünglichen Unterschrift. Ich probiere sie aus, entscheide mich für ein geschwungenes H, behalte den Mittelteil bei und versuche, nicht mit einem Strich, sondern mit Wellen zu enden – was gar nicht so einfach ist. Meine Hand will immer wieder den Strich nach rechts ziehen und das »mann« einfach schlucken.

Dorendorff nennt weitere Punkte, auf die jede:r achten könne: Wenn ein Strich unter die Unterschrift soll, dann müsse der immer aus einem Buchstaben kommen, statt einfach nur den Namen zu unterstreichen: »Eine unterstrichene Signatur sieht nach Sonderangebot aus.« Außerdem solle man beim Unterschreiben nie hetzen: »Alle unterschreiben schnell, schnell, bloß weg. Aber lassen Sie sich Zeit!«

Dutzende Male schrieb ich meinen Namen

Dutzende Male schrieb ich meinen Namen

Foto: privat

3. Üben, üben, üben

Dorendorff und ich verabreden, dass ich meine neue Unterschrift mit nach Hause nehme, um sie ein paar Wochen zu üben. »Machen Sie das vor dem Fernseher oder beim Telefonieren, das soll möglichst unterbewusst passieren«, rät mir die Coachin. Zu Hause schreibe ich meine neue Signatur also Hunderte Male, mal auf dem Sofa bei einer Netflix-Serie, mal in der Küche während einer Bundesligaübertragung – und ja, auch während Videokonferenzen. Mit jedem Mal kommt mehr Schwung hinein, mal schreibe ich ein Blatt Papier nur mit meinem Vornamen voll, mal kümmere ich mich nur um den Nachnamen.

Im Verlauf entscheide ich mich für ein anderes, grafischeres H und übe das ein. Das Gefühl beim Unterschreiben ist jetzt ein ganz anderes, vor allem bewussteres. Das ist nicht mehr die Unterschrift meines 15-jährigen Ichs, das ist eine viel erwachsenere Signatur.

Ein paar Wochen später treffe ich Dorendorff wieder. Sie fragt, wie es mir beim Üben ergangen sei. Nachdem ich meinen Namen zweimal geschrieben habe, sagt sie: »Man sieht, dass es Ihnen gut damit geht. Das fließt richtig aus der Hand.« Auf die Frage, ob ich zum Ende hin nicht immer noch zu sehr abflache, sagt sie: »Der Teil ist gar nicht wichtig. Sie legen da ja richtig was vor bis zum T. Das ist der wichtigste Part.« Ich solle nur weiter darauf achten, am Ende nach oben zu schreiben.

Endlich erwachsen: Meine neue Unterschrift

Endlich erwachsen: Meine neue Unterschrift

Foto: privat

Nach sechs Stunden mit Dorendorff und vier Wochen Üben bin ich zufrieden mit meiner neuen Signatur. Als ich neulich mal wieder einen Vertrag unterschreiben musste, entschied ich mich trotzdem für die alte. Das Problem: Meine neue Unterschrift ist noch nicht offiziell. Denn eine Identifikation erfolgt im Zweifel über den Personalausweis – und auf dem befindet sich noch die alte Schreibweise. Ich muss also noch ein bisschen warten, bis mein Ausweis ausläuft und ich einen neuen beantragen kann. Dann werde ich als Erwachsener unterschreiben – und mir dabei viel Zeit lassen.

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