Junge Menschen in der Pandemie »Sind wir wirklich unwichtiger als Baumärkte oder Spielcasinos?«

Öffnungspläne, Impfstrategie, neue Normalität: Der SPIEGEL hat junge Menschen gefragt, wie sie die Coronapandemie erlebt haben. Hier kommen Studierende, Azubis, Schüler und Berufsanfängerinnen zu Wort.
Eine Stimmensammlung von Sebastian Maas
Maske im Gesicht, Freund:innen nur auf dem Bildschirm: Wie haben junge Menschen die Coronapandemie erlebt?

Maske im Gesicht, Freund:innen nur auf dem Bildschirm: Wie haben junge Menschen die Coronapandemie erlebt?

Foto: Maskot / DEEPOL / plainpicture

Außengastronomie und Einzelhandel haben vielerorts wieder geöffnet, immer mehr Menschen können sich über vollen Impfschutz freuen. Und trotzdem: Für viele Schüler:innen, Studierende, Azubis und Berufsanfänger:innen ist die Normalität nach wie vor weit weg. Die praktischen Teile der handwerklichen Ausbildung, der Austausch im Seminarraum, die Planung der Zukunft – all das ist oft noch immer unmöglich.

Im Rahmen der Aktion #UseTheNews haben der SPIEGEL und andere Medienhäuser junge Menschen nach ihrer Meinung gefragt: Wie blicken sie auf die Debatten des vergangenen Jahres? Wie gehen sie mit der Situation um? Und was erwarten sie für die Zukunft? Die knapp 50 Einsendungen transportieren subjektive Einschätzungen, die sich nicht immer nachprüfen lassen – die aber trotzdem ein deutliches Bild zeichnen. Hier sind einige Auszüge.

Patrick, 20, Azubi: »Ich will mich nicht vor der Zukunft fürchten müssen«

»Ich bin 20 und politisch sehr interessiert. Auch wenn ich andere Ideen hatte als die, die von der GroKo umgesetzt wurden, so war ich doch immer recht zufrieden mit der Lage in Deutschland und Europa – besonders im Verhältnis zu anderen Regionen der Welt. Das hat sich grundlegend geändert. Zwar war mir schon vorher bewusst, dass eher die Letzt- als die Erstwähler, und eher Großkonzerne als Menschenrechtsorganisationen die Politik in Deutschland gestalten, aber so offensichtlich allein gelassen wie dieses Jahr habe ich mich nie gefühlt.

»So offensichtlich allein gelassen wie dieses Jahr habe ich mich nie gefühlt.«

Azubi Patrick

In diesem Jahr habe ich Zukunftsängste entwickelt. [...] Ich habe die Sorge, dass nach Dekaden der Verbesserung der Lebensumstände – meine Eltern wuchsen besser auf als ihre und ich besser als meine – meinen Kindern und Enkeln eine Verschlechterung bevorsteht. Ich bin dieses Jahr politikverdrossen geworden, habe aufgehört, täglich Nachrichten zu schauen und zu lesen. Aber ich bin kein Pessimist. Ich bin dieses Jahr auch einer Partei beigetreten und möchte dazu beitragen, dass es anders kommt, als von mir befürchtet. Ich will mich nicht vor der Zukunft fürchten müssen.«

Betty, Mitte 20, Studentin: »Das Gefühl, ein unwichtiger Part dieser Gesellschaft zu sein«

»Für Studierende gibt es keine Impfkonzepte oder überhaupt Testkonzepte für Vorlesungen. Sollte man sich eine Wohnung suchen, oder wäre das nur Geldverschwendung, falls wieder alles online ist? Wo sucht man sich einen Nebenjob? Kann man sich Hoffnungen auf ein Auslandssemester machen? Was ist, wenn es finanziell wieder knapp wird? Was, wenn die Eltern krank werden oder die Arbeit verlieren?

Persönlich hat mir geholfen, dass ich [...] mich jetzt politisch engagiere. Das Gefühl, ein unwichtiger Part dieser Gesellschaft zu sein, hat mich darin bestärkt, mich mehr für meine Generation einzusetzen und uns insbesondere bei den Älteren sichtbarer zu machen. Nur so habe ich die Hoffnung, nicht übersehen zu werden oder mit der Annahme ›Das läuft bei denen schon irgendwie‹ ganz nach hinten in der Prioritätenliste geschoben zu werden. Was mich wohl leider noch lange begleiten wird, ist der Frust über die alten Entscheidungsträger in Deutschland

Barbara, 18, Schülerin: »Ich möchte, dass man uns sieht«

»Ich war von Anfang an überzeugt, dass es das Richtige ist, zuerst die alten Menschen zu schützen und zu impfen. Ich wollte mich solidarisch verhalten, indem ich diesen Personen das Vorrecht auf eine Impfung gebe. Und das habe ich auch. Aber diese Solidarität, die ich – ebenso wie alle anderen jungen Leute – anderen entgegengebracht habe, wird uns in keinerlei Weise zurückgegeben.

Ich kann kaum in Worte fassen, wie ich es finde, dass Menschen über 60 sich weigern, einen anderen Impfstoff als Biontech zu bekommen, obwohl für sie auch Vakzinen von AstraZeneca und Johnson & Johnson zugelassen und empfohlen sind. Mit der Konsequenz, dass alle anderen aus Not, überhaupt an eine Impfung zu kommen, sich wiederum mit diesen umstrittenen zufriedengeben müssen. Obwohl es zu starken Nebenwirkungen kommen kann. Solidarität? Scheint für manche eine Einbahnstraße zu sein.

Ich sage auch nicht, dass wir Jungen bevorzugt werden sollen. Aber ich möchte jetzt, da der Großteil der Alten geschützt ist, gleiche Chancen für alle. Denn jede Partei hat gute Gründe für eine schnelle Impfung. Und ich möchte, dass man uns sieht. Dass man uns ernst nimmt. Uns nicht nur hinten anstellt. Denn wir sind eure Kinder! Wir sind die Zukunft! Auch eure Zukunft! Und wir haben das gleiche Recht!«

Jann, 24, Student: »Das lässt einen an manchen Tagen echt verzweifeln«

»Ich finde es echt schlimm, dass Hochschulen bei den ganzen Öffnungsdebatten völlig unbeachtet bleiben. Sind wir wirklich unwichtiger als Baumärkte oder Spielcasinos? Die Politiker jeglicher Couleur geben gerade wirklich kein gutes Bild im Umgang mit jungen Menschen ab. Und sie scheinen es nicht mal zu merken. Das lässt einen an manchen Tagen echt verzweifeln.«

Kirsten, 24, arbeitet im Einzelhandel: »Ich finde es dreist, dass ich immer noch nicht geimpft worden bin«

»Da ich sehr viele Kunden um mich habe, finde ich es dreist, dass ich immer noch nicht geimpft worden bin. Ich fand die Regelung sowieso blöd, dass zu Gruppe drei nur Mitarbeitende in Lebensmittelgeschäften gehörten, da die nicht so viel Kundenkontakt haben wie ich nun. Ich warte immer noch auf eine Antwort vom Impfzentrum und bei meinem Hausarzt stehe ich auch noch auf der Warteliste. Das stört mich, weil andere Bereiche oder Menschen schon geimpft worden sind, die keine Vorerkrankungen haben und im Büro arbeiten. Das verstehe ich alles nicht.«

Yannick, 23, Student: »Das Gefühl, vergessen zu werden«

»Mich stört an dem ganzen Thema nicht so sehr die Tatsache, dass sich Studierende noch nicht impfen lassen können oder die Klubs noch zu haben. Mich stört viel mehr, dass man das Gefühl hat, vergessen zu werden und in der Gesellschaft keine wichtige Rolle zu spielen. Ein bisschen fühlt man sich wie ein Mensch zweiter Klasse. Ein Paradebeispiel dafür ist die Aussage ›meines‹ Ministerpräsidenten Kretschmann, der im März sagte, für Studierende gebe es keinen Grund depressiv zu werden. Das zeigt für mich einfach die Ignoranz der überwiegend älteren Politik gegenüber den Jungen. Wir sind die, die nur Party machen wollen, sich solidarisch verhalten sollen und auch mal ein Jahr auf einen Urlaub verzichten können. [...]

Ich halte es nicht für richtig, die ganze Zeit nur zu meckern und zu nörgeln, kein Mensch, auch nicht die Politiker*innen, sind unfehlbar. Mich stört einfach, dass uns nicht zugehört wird und unsere Interessen ständig unter den Tisch fallen. Ohne Lobby wird das wahrscheinlich auch so bleiben.«

Isabella, Studentin: »Es scheint vor allem am Willen zu scheitern«

»Es ist einfach schwieriger, eine Pandemie auszusitzen, wenn man gerade erst dabei ist, sich ein Leben aufzubauen. Was mich dabei besonders stört, ist, dass Präsenzklausuren auch mit Hunderten Teilnehmer:innen meist auch bei extrem hohen Fallzahlen möglich sind, während Präsenzseminare auch mit sehr wenigen Teilnehmer:innen kategorisch ausgeschlossen werden.

Es scheint vor allem am Willen zu scheitern, die Bedürfnisse von Studierenden in die Semesterplanung mit einzubeziehen. Ich habe dieses Semester zum Beispiel ein Seminar, in dem wir mit dem Dozenten zu siebt sind, davon drei Personen mit vollständigem Impfschutz. Privat könnten wir uns in dieser Konstellation problemlos treffen, das Seminar muss aber digital stattfinden.«

Miro, 16, Schüler: »Es sind nicht wir Jugendlichen, die erste Priorität haben«

»Büros mit Hunderten Menschen sind erlaubt, meine Großeltern treffen sich wieder zum Stammtisch, und sogar der Europapark ist unter dem Vorwand ›Modellprojekt‹ wieder geöffnet. Als Schüler, der seit Weihnachten ununterbrochen zu Hause ist und im Homeschooling den exakt selben Stoff erlernen soll, den man sonst schon in der Schule nicht versteht, geht mir das mittlerweile wirklich auf die Nerven.

Ich gönne es meinen Großeltern, und ich fände es genauso schade, wenn der Europapark Insolvenz anmelden müsste. Trotzdem: In den vergangenen Monaten hat die Politik gezeigt, dass es nicht wir Jugendlichen sind, die erste Priorität haben. Und auch nicht zweite oder dritte.

[...] Die verpassten Klassenfahrten, Partys und gemeinsamen Pausen können nicht aufgeholt oder nachgeholt werden. Das ist unfassbar schade. Und es ist umso mehr schade, wenn man bedenkt, wie solidarisch und rücksichtsvoll wir seit über einem Jahr agieren und damit die vermeintlich coolste Zeit unseres Lebens verplempern.«

Über die Aktion #UseTheNews:

DER SPIEGEL, das Hamburger Abendblatt, die Ostfriesen-Zeitung  und der NDR wollen mit der Aktion #UseTheNews die Sicht junger Menschen auf Corona sichtbar machen, zum Beispiel, indem wir ihre Statements online, in der Zeitung und in Radio und TV veröffentlichen.

Der Aufruf ist Teil des langfristig angelegten Forschungsprojekts #UseTheNews  unter Leitung der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Gemeinsam mit Partner:innen aus der Wissenschaft, öffentlichen Institutionen und der Gesellschaft wollen wir die Nachrichtennutzung und -kompetenz im digitalen Zeitalter erforschen und fördern. Und dabei herausfinden, welche Ansprüche gerade junge Menschen an Medien haben.

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