Berufseinstieg als Trainee »Versicherung, das klingt für viele nach Papierkram und alten Männern«

Eigentlich wollte Semret Haile Ärztin werden, dann landete sie für ein Traineeprogramm bei einer Versicherung. Hier erzählt sie, was ihr an der Branche gefällt – und was ihr Job mit Hackerangriffen zu tun hat.
Aufgezeichnet von Anne Baum
Trainee Semret Haile in Londoner Büro: »Immer neue Leute treffen und umziehen«

Trainee Semret Haile in Londoner Büro: »Immer neue Leute treffen und umziehen«

Foto: privat

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. In der Serie »Mein erstes Jahr im Job« erzählen Berufseinsteiger:innen, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Semret Haile, 28, absolviert ein Traineeship bei einem Versicherungsunternehmen.

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten uns davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

»Wenn ich auf einer Party nach meinem Beruf gefragt werde, sage ich nie, dass ich bei einer Versicherung arbeite. Sonst denkt mein Gegenüber ja, ich hätte den langweiligsten Job der Welt! Versicherung, das klingt für viele nach Papierkram und alten Männern. Auch ich hatte diese Vorurteile. Heute weiß ich: Wenn in der Welt etwas passiert, eine Naturkatastrophe zum Beispiel, hat das Auswirkungen auf die Versicherungsbranche, nichts ist dort hundertprozentig vorhersehbar. Das macht sie zu einem spannenden Arbeitsplatz.

»Für meine Eltern ist bis heute vor allem eines wichtig: dass ich einen Job habe.«

Seit September 2020 bin ich Trainee bei einem globalen Spezialversicherer. Wir versichern alles Mögliche: Oldtimer für Privatpersonen zum Beispiel, IT-Systeme von Unternehmen oder einmal auch den Transport eines Wals. Davon haben zumindest meine Kolleg:innen erzählt.

Früher wollte ich immer Ärztin werden. Mein Vater arbeitet als Krankenpfleger und erzählte oft vom Alltag in der Klinik. In der neunten Klasse machte ich dort ein Praktikum – und es war schrecklich. Ich konnte nicht damit umgehen, Menschen mit offenen Wunden zu sehen. Plötzlich war also mein Traumberuf futsch und ich wusste nicht, was ich machen sollte. In meiner Familie hat sonst niemand studiert, mir fehlten Vorbilder. Für meine Eltern ist bis heute vor allem eines wichtig: dass ich einen Job habe.

Jobangebot dank LinkedIn-Profil

Statt Medizin studierte ich Wirtschaftsingenieurwesen. Das Fach verbindet technische mit wirtschaftlichen Inhalten, das klang nach vielen Berufsmöglichkeiten. Dass ich danach in der Versicherungsbranche landete, verdanke ich meinem LinkedIn-Profil. Ich war gerade mit dem Master fertig, als mich darüber eine Headhunterin anschrieb. Sie warb für ein Traineeprogramm bei meinem jetzigen Arbeitgeber, mit Station in London. Das Ausland lockte mich, die Versicherung weniger. Trotzdem bewarb ich mich. Und war am Ende des Bewerbungsprozesses so begeistert, dass ich eine andere Stelle bei einem Chemiekonzern ablehnte.

Was ist ein Traineeship?

Traineeships sind von Unternehmen angebotene Weiterbildungs- und Spezialisierungsprogramme für Nachwuchskräfte. Anders als eine klassische Berufsausbildung dienen sie dazu, Berufseinsteiger nach einem Studium  für die besonderen Anforderungen eines Jobs, einer Firma oder einer Organisation fit zu machen. Es gibt allgemeine Traineeships, solche für Führungskräfte und solche für spezielle Fachbereiche wie Controlling, Marketing oder IT.

Der Begriff Traineeship ist nicht geschützt oder gesetzlich definiert , weshalb Unternehmen sie ganz unterschiedlich aufbauen können. In manchen Firmen arbeiten Trainees als Assistenz der Geschäftsführung (etwa bei Galeria Kaufhof oder Haweko). In anderen durchlaufen sie mehrere Abteilungen oder Standorte, um einen Überblick zu bekommen (zum Beispiel bei den Traineeships des DIHK , der Bundesagentur für Arbeit  oder bei Ferrero ).

Klassischerweise dauern Traineeships zwischen zwölf und 24 Monaten, der Durchschnitt liegt laut der Staufenbiel-Studie ›Job Trends Deutschland 2016  bei knapp 17 Monaten. Als Trainee ist man fest angestellter Mitarbeiter, wird häufig aber etwas geringer bezahlt als fertig ausgebildete Angestellte (zum Beispiel hier bei der Bundesbank ). Dafür bekommt man in der Regel die Möglichkeit, an Weiterbildungen oder Mentoring-Programmen teilzunehmen ; oft erhält man auch eine Übernahmegarantie oder zumindest gute Chancen auf eine Weiterbeschäftigung.

Als Trainee arbeite ich in verschiedenen Abteilungen des Unternehmens und kann selbst mitbestimmen, in welche Bereiche ich hineinschnuppern möchte. Die ersten neun Monate verbrachte ich im Sales Underwriting, meinem Hauptbereich. Dort kümmern wir uns um die Risikobewertung für Versicherungsverträge. Später war ich drei Monate in der Strategie, lernte, wie das Unternehmen funktioniert und welche Themen strategisch interessant für es sind. Danach machte ich Station im sogenannten Technischen Underwriting, wo der Fokus unter anderem auf den Regeln der Risikobewertung liegt.

Versicherungen gegen Hackerangriffe

Bei einer gewöhnlichen Versicherung, etwa für ein Auto, weiß man als Versicherer, wie teuer es werden kann und wie häufig ein Schaden vorkommt. Bei Spezialversicherungen ist das anders. Da muss man jede Versicherung neu bewerten. Besonders spannend finde ich Cyberversicherungen, also Versicherungen gegen Hackerangriffe. Als Underwriterin muss ich einschätzen, wie hoch der Schaden eines solchen Angriffs auf ein Unternehmen sein könnte – und dann die Kosten für die entsprechende Versicherung kalkulieren. Wenn der Hacker etwa die gesamte Produktion des Unternehmens lahmlegt, wird das teuer.

»Ich trage viel Verantwortung, es geht zum Teil ja um Versicherungsbeträge im Millionenbereich.«

Am Anfang des Traineeprogramms habe ich nicht erwartet, so viel Verantwortung zu tragen. Es geht zum Teil ja um Versicherungsbeträge im Millionenbereich. Bei meinen Kalkulationen orientiere ich mich an ähnlichen Fällen und schaue zum Beispiel, wie gut die Daten des Unternehmens gesichert sind. Manchmal interviewe ich auch die IT-Leiter:innen des Unternehmens und versuche herauszufinden, ob die Mitarbeiter:innen in IT-Sicherheit geschult sind. Ich kann also analytisch arbeiten und gleichzeitig mit Menschen – für mich ist das die perfekte Mischung.

Wie viel verdient man als Trainee?

Die Bezahlung variiert je nach Unternehmen und Branche. So verdienen etwa Teilnehmende am Management-Traineeprogramm der Bundesagentur für Arbeit  4250 Euro brutto im Monat, bei zwölf Monatsgehältern wären das 51.000 Euro brutto im Jahr. Bei Haribo gibt es als Trainee  im Bereich Personal 48.000 Euro brutto jährlich.

Wer als Trainee bei einer Versicherung einsteigt , bekommt laut der Karriereplattform Staufenbiel Institut ein Bruttojahresgehalt zwischen 43.300 und 55.900 Euro.

Dass ich während meines Trainees in so viele Abteilungen hineinschnuppere, ist ein großer Vorteil. Ich lerne das ganze Unternehmen kennen, kann mir ein Netzwerk aufbauen und wachse durch jede neue Aufgabe. Aber die ständigen Wechsel sind auch anstrengend: immer neue Leute treffen und umziehen. In jeder Abteilung fange ich wieder bei null an. Deshalb freue mich darauf, nach meinem Trainee wieder in meine Heimstadt Frankfurt am Main zurückzukehren. Dort wurde mir eine Stelle angeboten.«

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