Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über VWL gewusst hätte

Wer Volkswirtschaftslehre studiert, muss fit in Mathematik sein – so viel steht fest, sagt Student Anil Özerdogan. Dafür winken danach lukrative Jobs. Er hat schon einen im Blick.
Aufgezeichnet von Helen Hahne
Lerngruppen helfen beim VWL-Studium (Symbolbild)

Lerngruppen helfen beim VWL-Studium (Symbolbild)

Foto: Hinterhaus Productions / Digital Vision / Getty Images
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die 30 beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020, die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Volkswirtschaftler:innen analysieren wirtschaftliche Zusammenhänge und entwickeln Modelle, um diese zu erklären. Sie beraten Politiker:innen, Parteien oder Verbände, sie arbeiten in Banken und Finanzabteilungen kleiner und großer Unternehmen. Dort untersuchen sie zum Beispiel die Erfolgsaussichten wirtschaftlicher Maßnahmen oder überwachen die Buchhaltung. Auch in der Marktforschung oder im Personalmanagement sind sie gefragt.

Anil Özerdogan ist 22 Jahre alt und studiert Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg im ersten Mastersemester. Seinen Bachelor hat er an der Ludwig-Maximilians-Universität München abgeschlossen. Er erklärt, warum VWL sich stetig verändert und warum die letzten Wochen des Semesters besonders stressig sind.

Die Entscheidung für VWL

»Nach dem Abi war ich unschlüssig. Sollte ich wirklich an die Uni? Meine Eltern haben beide nicht studiert und konnten mir nicht viele Tipps geben. Weil mir die Jobaussichten so gut erschienen, entschied ich mich zunächst für ein Studium der Wirtschaftsinformatik. Nach einem halben Jahr hörte ich aber auf, weil mir der gesellschaftspolitische Aspekt zu kurz kam.

Mich haben immer schon Fragen bewegt wie: Welche ökonomischen Gründe gibt es für Ungleichheit und Armut? Und wie bekämpft man sie? In der Hoffnung, mich mehr mit diesen Themen auseinandersetzen zu können, entschied ich mich, zu VWL zu wechseln. Zwar wurden die Fragen im Studium auch nur angeschnitten, aber ich habe mich dann nach den Vorlesungen noch selbstständig damit beschäftigt. Das richtige Handwerkszeug dafür bekommt man auf jeden Fall vermittelt.

Das Studium an der LMU ist eher anonym. Zu Beginn waren wir rund 300 Studierende, einige haben später abgebrochen. Jedenfalls sollte man sich vor der Entscheidung für eine Uni überlegen, ob man damit klarkommt oder lieber an einer kleineren Hochschule beginnt. Dort ist es sicherlich leichter, ein gutes Verhältnis zu Dozierenden oder Professor:innen aufzubauen.«

Formale Voraussetzungen für das VWL-Studium:

  • VWL kann man an Universitäten und Fachhochschulen studieren. An Universitäten ist in der Regel das Abitur  oder die Fachgebundene Hochschulreife Voraussetzung, an Fachhochschulen mindestens das Fachabitur.

  • Einige Unis bieten das Fach als Kombinationsbachelor an. Außerdem kann man VWL dual studieren  und gleichzeitig Praxiserfahrung in einem Unternehmen sammeln.

  • Oft gibt es eine Zulassungsbeschränkung oder ein internes Auswahlverfahren .

Was man noch mitbringen sollte: Keine Angst vor Zahlen! Im VWL-Studium sind sehr gute Mathekenntnisse gefragt.

Inhalt und Aufbau des Studiums

»Ich empfinde das VWL-Studium als relativ altmodisch. Der Gedanke ›Der Markt regelt das schon‹ ist hier leider noch tief verankert. Es geht viel um Modelle und den mathematischen Beweis dieser Modelle. Über die grundsätzlichen Annahmen dahinter – zum Beispiel, dass der Mensch immer rational entscheide – wird wenig diskutiert. Das finde ich schade. Zum Glück verändert sich das aber gerade. Vor allem jüngere Dozierende bringen auch andere Perspektiven ein. Eine davon: Die Antwort auf ökonomische Ungleichheit kann nicht eine noch liberalere Wirtschaftspolitik sein.«

»Von Beginn an wird viel gerechnet. Schon vor dem Studium habe ich einen Mathe-Vorkurs belegt. Wenn man darin gut mitmacht, reicht das aus, um sich das geforderte Wissen fürs Studium anzueignen.

In den ersten beiden Jahren absolviert man die Grundkurse: Makroökonomie, Mikroökonomie und Ökonometrie. Die fand ich nicht besonders spannend, weil wenig Zeit für Diskussionen blieb. Aber diese Grundlagen sind essenziell für das Studium. In dieser Zeit stehen auch die aufwendigsten Klausuren an: Statistik und Ökonometrie sowie mathematische Methoden der VWL. Ab dem dritten Semester kann man fachliche Vertiefungen wählen, bei mir waren das: Bildungsökonomie, Ökonomie des Sozialstaates, Historical Economics und Währungstheorie.«

»Der Notendruck im Studium ist hoch, es gibt später viel Konkurrenz um die beliebten Jobs. Ich habe etwa einen Monat vor den Klausuren angefangen zu lernen. Wer schon jede Woche während des Semesters alles wiederholt, schließt natürlich besser ab. Am meisten hilft: regelmäßig die wöchentlichen Übungen machen. Mir hat es außerdem geholfen, mit anderen Studierenden zu lernen.

Wichtig zu wissen: Einige Kurse in meinem Bachelor waren auf Englisch. Das ist normal für die VWL. Mein Master ist sogar komplett auf Englisch.«

Berufsaussichten nach dem Studium

»Was die Berufsaussichten angeht, bin ich optimistisch – gerade mit einem Masterabschluss. Viele meiner Kommiliton:innen wollen in Unternehmensberatungen arbeiten, ich dagegen lieber bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) oder der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dann hätte meine Arbeit auch einen politischen und gesellschaftlichen Mehrwert.

Mein Berufswunsch ist in mir seit einem Praktikum bei der TUAC gereift, dem gewerkschaftlichen Beratungsausschuss der OECD. Es hat mir gut gefallen, zwischen Politik und Wirtschaft zu arbeiten und für relevante wirtschaftliche Probleme eine politische Lösung zu finden. Das ist auch eine wichtige Information: Laut Studienordnung sind keine Pflichtpraktika vorgesehen, aber wenn man sich später irgendwo ohne Praktikumserfahrung bewirbt, hat man eigentlich keine Chance.«

Branchen und Gehälter:

Volkswirtschaftler:innen arbeiten in vielen unterschiedlichen Bereichen: in Unternehmen, der öffentlichen Verwaltung, bei Kammern und Verbänden, in der Politik, bei Banken und Versicherungen. In Beratungs- und Forschungseinrichtungen leiten und managen sie Abteilungen, entwickeln Planungs- und Kontrollsysteme oder koordinieren die Aktivitäten der Arbeitsstätte. Wer eine Führungsposition  anstrebt, braucht im Regelfall einen Masterabschluss.

Laut Stepstone-Gehaltsreport  verdienen Absolvent:innen der VWL als Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften durchschnittlich 41.517 Euro brutto pro Jahr nach dem Bachelor und 46.931 Euro brutto nach dem Master. Bei Unternehmensberatungen können sie ein besonders hohes Einstiegsgehalt erzielen, aber auch bei Banken und der IT winken hohe Gehälter.

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