Christina ist Bürgermeisterin – und damit als Frau klar in der Minderheit. Warum ist das so?

100 Jahre Frauenwahlrecht: Ist Politik immer noch Männersache?
Von Teresa Stiens

Dieser Beitrag wurde am 12.11.2018 auf bento.de veröffentlicht.

Wenn Christina Rählmann zu ihrem Büro will, muss sie vorbei an vielen weißen, alten Männern. Sie hängen im Flur, eine Galerie ihrer Vorgänger. Am 12. November 1918 wurde Frauen in Deutschland das Recht eingeräumt zu wählen und sich zur Wahl zu stellen. In der Kleinstadt Mettingen im Tecklenburger Land, irgendwo zwischen Rheine und Osnabrück, gab es trotzdem weitere 96 Jahre nur männliche Bürgermeister. Erst 2014 wurde die damals 34-jährige Christina Rählmann als erste Frau in Mettingen zur Bürgermeisterin gewählt. Sie ist damit auch heute bundesweit in der absoluten Minderheit: Nur 9,6 Prozent der Kommunen werden von Frauen geführt.

Ein hundertjähriges Jubiläum zu feiern ist einfach. Es gibt Kuchen, jemand hält eine Rede, man denkt zurück an das, was war. Das Jahr 1918: Frauen sollten einen Ehemann wählen, keine Partei. Politik war Männersache und den Frauen gehörte der Haushalt. 

Wie viel sich doch verändert hat seit damals, Grund, sich mal anerkennend auf die Schulter zu klopfen, und dann zurück zu gehen an die Arbeit – weitermachen im Alltag 2018?

Wohl kaum. Dieses Jubiläum ist auch eines, das schmerzt.

Frauen sind in Deutschland in der Politik unterrepräsentiert. Im Bundestag sowie in allen 16 Landtagen, aber auch in den Ministerien im Land wie im Bund sind Frauen in der Minderheit. Und das, obwohl sie im Bevölkerungsdurchschnitt sogar in der Mehrheit sind. 

Am gravierendsten ist die Situation jedoch auf der untersten Ebene, in den Kommunen. Da, wo Christina Rählmann arbeitet.

"Als ich 2014 für die SPD im Wahlkampf antrat, wurde ich noch unterschätzt", sagt die Bürgermeisterin. "Das passiert mir heute nicht mehr." Rählmann ist zierlich, trägt Jeans und hohe Schuhe. Ihre Gegenkandidaten im Wahlkampf waren Männer mit Anzug, Krawatte und: einem Auto. Rählmann lieh sich ein Elektrofahrrad, um damit von Tür zu Tür zu fahren, sie entwarf einen eigenen Flyer, in dem Fotos von ihr zu sehen waren, mit Bürgern, aber auch Kohlekumpels des Steinkohlebergwerks. Sie war engagiert, jung und eine Frau – die sich am Ende durchsetzte.

"Am Anfang habe ich mich schon gefragt, ob ich das machen soll", sagt Christina Rählmann. "Immerhin hatte ich damals zwei kleine Kinder." 

Die Themen "Frauen in der Politik" und "Familienrollen" sind eng verbunden. Das war 1918 so und daran hat sich offenbar auch 100 Jahre später nicht viel geändert. Aber Rählmann brach die klassischen Vorstellungen auf: "Mein Mann und meine Eltern haben sich bereit erklärt, sich mit um die Kinder zu kümmern", sagt Christina Rählmann. Ohne diese Unterstützung wäre eine Kandidatur kaum möglich gewesen.

Rählmanns Job ist keiner, der um neun anfängt und um 17 Uhr aufhört. Sie muss präsent sein, darf auch bei informellen Treffen wie Schützenfesten nicht fehlen, wenn sie den Anschluss nicht verlieren will. Statistiken zeigen, dass Bürgermeisterinnen und Bürgermeister 50 bis 60 Stunden die Woche arbeiten, ein Drittel von ihnen sogar bis zu 70. Das gilt für weibliche und männliche Bürgermeister, aber: Die Männer leben der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft zufolge meist in traditionellen Partnerschaftsmodellen mit einer Frau, die ihnen den Rücken freihält. 

Rählmann zeigt, dass es auch umgekehrt laufen kann, doch weibliche Bürgermeisterinnen mit kleinen Kindern sind bundesweit die Ausnahme. Kindererziehung, so scheint es, ist im Regelfall immer noch Frauensache.

Ein weiterer Grund für die wenigen Frauen in der Politik liegt in den Umständen ihrer Kandidatur. "Frauen werden von den Parteien oft dann als Direktkandidatinnen in den Wahlkreisen aufgestellt, wenn ihre Wahl eher als aussichtslos gilt", erklärt Elke Wiechmann von der Fernuniversität Hagen, die zu Gleichstellung in der Lokalpolitik forscht.

Dann gibt es häufig die Rechtfertigung: 'Naja, wir haben ja eine Frau aufgestellt, aber die wurde nicht gewählt.'

Elke Wiechmann

Christina Rählmann hatte eine Partei, die im Wahlkampf hinter ihr stand, sie war Wunschkandidatin und keine Notlösung.

Probleme sieht die Bürgermeisterin allerdings nicht nur bei den Parteien. Häufig sei es schwierig, geeignete Kandidatinnen zu finden, die sich den durchaus den anspruchsvollen Job als Leiterin einer Kommune zutrauen. "Ich merke, dass Frauen häufig das Selbstbewusstsein fehlt", sagt sie. Sie rät dazu, mehr Seminare anzubieten um Frauen an eine aktive Rolle in der Kommunalpolitik heranzuführen.

An einem solchen Projekt arbeitet die Hochschule Landshut: "Mehr Frauen für Kommunalpolitik im ländlichen Raum" beginnt Mitte November und soll Frauen helfen, erste politische Erfahrungen zu machen. "Wir wollen Frauen mit unterschiedlicher kultureller und sozialer Herkunft ansprechen", sagt Barbara Thiessen, Leiterin des Projekts. "Frauen mit Hauptschulabschluss oder Migrationshintergrund sind deutlich unterrepräsentiert, dabei sind die wenigen, die es schaffen, sehr erfolgreich". 

Das Demokratiedefizit in Form fehlender Repräsentation ist nicht nur ein Geschlechterproblem. Elke Wiechmann kritisiert: "Insgesamt sind die Parlamente zu homogen". Die Abgeordneten sind meist männlich, älter und haben einen hohen Bildungsabschluss.

Christina Rählmann hat Abitur, Wirtschaftsinformatik studiert, keinen Migrationshintergrund und lebt mit ihrem Ehemann und zwei Kindern zusammen. Das hilft ihr im politischen Alltag, denn: "Von Frauen wird erwartet, ein positives Gesamtpaket zu liefern", sagt Barbara Thiessen von der Hochschule Landshut. 

Frauen müssen äußerlich ansprechend sein, Einfühlungsvermögen haben und ein akzeptiertes Familienleben führen.

Barbara Thiessen

Kurzum: Sie dürfen sich nur wenige Fehler erlauben.

Stimmt das? Den Eindruck habe sie nicht, sagt Christina Rählmann. 

Aber sie entspricht auch dem Bild, das von ihr erwartet wird. 

Wenn man sie fragt, womit sie sich beschäftigt, antwortet sie: "Mit allem!" Dem Ende des Bergbaus und Strukturwandelprojekten, der Planung eines neuen Jugendhauses, Schulschließungen und der Frage, ob Käsesahne oder Schwarzwälder Kirschtorte zur Diamantenhochzeit serviert werden soll. "Man muss den Job schon lieben", gibt Rählmann zu. Sie tut es. Sie ist bürgernah, mit den meisten per Du, sie ist bestimmt, aber freundlich, wer sich umhört, hört nur Gutes. 

Sie macht gute Arbeit, weder "obwohl" noch "weil" sie eine Frau ist.

Gleichberechtigung heißt nicht, zu behaupten, Frauen wären per se die besseren Politikerinnen. Aber: "So wie es momentan ist, können wir nicht von einer repräsentativen Demokratie sprechen", sagt Wissenschaftlerin Elke Wiechmann. Die Volksvertreterinnen und Volksvertreter sollen die Gesellschaft widerspiegeln, und die ist nicht überwiegend männlich. 

Die Entwicklung ist nicht besonders positiv. Der Frauenanteil im Bundestag ebenso wie in vielen Landesparlamenten ist rückläufig. "Das liegt vor allem an AfD und CDU mit ihren niedrigen Frauenquoten", sagt Elke Wiechmann. Der Erfolg der Rechtsaußen-Partei führe außerdem dazu, dass ein traditionelles Familienbild, in dem sich die Frau um die Kinder kümmert und der Mann arbeiten geht, wieder populärer wird.

Und wie wäre es mit Quoten?

Um den Fortschritt zu beschleunigen, werden auch verbindliche Quoten diskutiert, wie es etwa aktuell die Grünen fordern (Zeit.de ). Das Thema ist unbeliebt: Es klingt nach Frauen, die sich Ämter aufgrund ihres Geschlechts erschleichen, nach Ungleichbehandlung und Mitleidsbekundungen. "Ich bin kein Fan der Quote", sagt auch Bürgermeisterin Christina Rählmann. "Man muss die geeigneten Kandidatinnen ja erst mal finden. Außerdem will ich nicht aufgestellt werden, nur weil ich eine Frau bin." 

Barbara Thiessen von der Hochschule Landshut gibt zu: 

Es wäre schön wenn es sich von selbst regelt. Aber danach sieht es nicht aus.

Sie schlägt eine Quote für Wahllisten vor. Das könne dabei helfen, patriarchale Strukturen aufzubrechen und Frauen zu ermutigen, sich zu engagieren. 

Frauen sitzen heute im Bundestag, führen Ministerien und Kommunen, wie Christina Rählmann. Das war vor 100 Jahren noch undenkbar. Ein besonderes, wichtiges Jubiläum. Doch wer heute den Kuchen anschneidet, sollte sich auch fragen, wie viel von diesem Kuchen Frauen bislang eigentlich bekommen. Sollte es nicht mindestens die Hälfte sein?


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