Sind Füllwörter wirklich so schlimm? Genau, äh, quasi, ja, also, genau

Ob bei Referaten in der Uni oder bei Meetings im Job: Wer Füllwörter nutzt, gilt als unsicher und unqualifiziert. Dabei erfüllen sie wichtige Funktionen im Miteinander – und erleichtern sogar das Verständnis.
Füllwörter sind Müllwörter? Von wegen, sagt die Sprachwissenschaft

Füllwörter sind Müllwörter? Von wegen, sagt die Sprachwissenschaft

Foto: scyther5 / iStockphoto / Getty Images

In der Schule hatte ich einen gnadenlosen Lehrer. Wenn man auf seine Fragen mit einem zögerlichen »Ähh…« antwortete, knallte er die flache Hand auf die Tischplatte und brüllte: »Äh ist falsch!« Eine zweite Chance, die gab es nicht. Diese didaktisch umstrittene Methode hatte zur Folge, dass ich mir das »Äh« abgewöhnte.

Dachte ich zumindest.

Als ich neulich ein aufgezeichnetes Gespräch abspielte, konnte ich es kaum glauben. Ich sagte allein in den ersten zwei Minuten neunmal »Äh«. Die Hand meines ehemaligen Lehrers hätte geblutet.

Sind Füllwörter wirklich so schlimm?

Die Sache war für mich immer klar: Wer um Worte ringt, wer dabei ins Schleudern gerät, und wer Füllwörter wie »äh« oder »sozusagen« nutzt, der kommt unsicher rüber, unseriös, als würde er sich selbst und seiner Argumentation nicht vertrauen.

So sehen es offenbar viele. Die Literatur zur sprachlichen Selbstoptimierung boomt. Es gibt Erklärvideos dafür, wie man überzeugend spricht. Politiker:innen wird das »Äh« abtrainiert; aus Hörfunkbeitragen wird es radikal entfernt. Und auch mein Lehrer ist mit seinen Bemühungen nicht allein: Eine Londoner Schule versucht laut der britischen Tageszeitung »The Guardian« , Schüler:innen etwa davon abzuhalten, »basically«, also »im Grunde«, zu sagen – ganz so, als seien Füllwörter eine lästige Krankheit, die man rasch kurieren sollte.

Woher aber kommt die inflationäre Verwendung der Füllsel überhaupt? In welchen Situationen gebrauchen wir sie? Und vor allem: Ist das wirklich so schlimm?

Glücklicherweise gibt es Daniel Gutzmann. Der Sprachwissenschaftler forscht an der Ruhr-Universität Bochum zu Füllwörtern. Gleich zu Beginn unseres Telefonates stellt er klar: »Füllwörter als unnötig abzutun, schießt weit über das Ziel hinaus.«

Der Kontext sei entscheidend, sagt Gutzmann. Im Schriftlichen seien sie meist nicht nötig. In einem Kochrezept spielten sie keine Rolle, und auch in einer Bedienungsanleitung würden wir sie nicht erwarten – also immer dann, wenn das Ziel Informationsvermittlung oder Handlungsanweisung ist. Das liege an ihrer expressiven Funktion: Füllwörter beschreiben nicht und tragen somit nicht zum eigentlichen Inhalt bei.

Füllwörter verleihen unserer Sprache Farbe

Ganz anders sei es in der Interaktion zwischen Gesprächspartner:innen. Gutzmann sagt: »Wenn wir in der mündlichen Kommunikation alle Füllwörter weglassen, würden wir unnötig förmlich, sehr steif oder gekünstelt rüberkommen.« Seine Formel lautet: Je interaktiver Sprache, desto wichtiger sind Ähs, Jas und Sozusagens.

»Füllwörter als unnötig abzutun, schießt weit über das Ziel hinaus.«

Daniel Gutzmann, Sprachwissenschaftler

Wer aber glaubt, Füllwort ist gleich Füllwort, der irrt. Der Begriff sei unwissenschaftlich, sagt Gutzmann. In der Linguistik gebe es verschiedene Arten von Füllwörtern – mit unterschiedlichen Funktionen.

Da sind einmal die sogenannten Modalpartikeln; »ja«, »denn«, »doch«, »mal« oder »eben« gehören dazu. Manche Sprachen kommen ganz ohne Modalpartikeln aus, in der deutschen Sprache sind sie hingegen besonders beliebt. »Sie verraten uns etwas über die Person – wie sie sich fühlt, welche Einstellungen sie hat oder wie der Inhalt des Gesagten zwischen den Gesprächspartner:innen zu verorten ist«, sagt Gutzmann. So verweist beispielsweise »ja« in »Hamburg liegt ja an der Elbe« auf Informationen, die bereits bekannt sind, während ein einfaches »Hamburg liegt an der Elbe« als neue Information verkauft wird.

»Ähm« und »genau« boomen

Meine Ähs dagegen gehören zu einer anderen Kategorie, ebenso die Genaus, die unter den Füllwort-Fanatiker:innen in meinem Freundeskreis und bei meinen Kolleg:innen gerade ebenfalls besonders beliebt sind.

In der Fachsprache heißen sie Diskursmarker, Diskurspartikeln oder Hesitationsmarker. Ein »Genau« oder ein »Äh«, sagt Gutzmann, helfe der sprechenden Person, sich zu vergewissern. Und: »Sie signalisieren dem Publikum, dass es gleich weitergeht, dass Sie als sprechende Person am Ball bleiben.« Lücken seien gefährlich, sie könnten ungewollt als Hinweis auf das Ende eines Redeanteils hindeuten. Mit einem »Äh« aber bleibe alles im Fluss, die Aufmerksamkeit der Zuhörer:innen werde gehalten.

Mehr noch: Bereits 2007 fand ein schottisches Forschungsteam heraus, dass sich fehlerfreie Reden von Politiker:innen nicht besser einprägen, im Gegenteil. Fiel ein »Äh« oder »Ähm«, stellte sich das Publikum auf ein schweres Wort ein – und konnte sich später besser an das Gesagte erinnern, insbesondere an die durch ein »Äh« und »Ähm« hervorgehobenen Wörter.

Wir halten fest: Füllwörter sind besser als ihr Ruf.

Dass man es mit ihnen aber auch übertreiben kann, hat Jogi Löw gezeigt. Der Ex-Fußballbundestrainer sagte in einem Interview nach dem 0:6-Debakel gegen Spanien in der Nations League gleich elfmal »irgendwie«, was als Zeichen seiner Ratlosigkeit über das Ergebnis gedeutet wurde. Jenes Füllwort aus dem Löw-Fundus zählt genauso wie »sozusagen«, »durchaus« oder »sag-ich-mal« zu einer dritten Kategorie von Füllwörtern, den Heckenausdrücken. »Sie heißen so, weil man sich hinter ihnen verstecken kann«, sagt Gutzmann. Wer sie verwende, erhebe keinen Anspruch auf die vollständige Wahrheit der Aussage.

Die Vermutung, Heckenausdrücke oder Hesitationsmarker würden grundsätzlich Unsicherheit ausdrücken, hält Gutzmann aber für spekulativ. »Eine Person, die mehr Füllwörter benutzt, muss nicht an sich eine unsichere Person sein«, sagt er. Es habe vielmehr damit zu tun, wie geübt man sei, wie gut man mit Gedankenpausen umgehen könne.

Wenn Füllwörter aber gar nicht so schlimm sind – warum nervt es uns dann, wenn jemand sie ständig benutzt? Warum wurde mein Lehrer damals bei jedem »Äh« so wütend?

Unser Gefühl täuscht uns

Auch da kann man Linguist Gutzmann zufolge der eigenen Wahrnehmung nicht unbedingt trauen. »Unser Gefühl, welche Worte häufig verwendet werden, kann täuschen. Ist uns die Vorliebe für ein Wort einmal aufgefallen, sind unsere Sinne dafür geschärft und es fällt uns immer wieder auf.« Dieses Phänomen sei kein rein sprachliches, sagt er – und vergleicht es damit, dass wir Schuhe einer speziellen Marke plötzlich häufiger wahrnehmen, wenn wir sie einmal bewusst gesehen haben.

Wer trotz allem mit seinen vielen Ähs im Referat oder beim Meeting hadert, der könne stattdessen reformulieren, das Gesagte also noch mal in anderen Worten wiedergeben. Dadurch verschaffe man sich Zeit, vermeide Lücken und stärke gleichzeitig das Verständnis für die eigene Aussage. Darüber hinaus, rät Gutzmann, könne eine simple Frage helfen: »Will ich vor meinen Kolleg:innen authentisch rüberkommen – oder wie der Bundeskanzler bei seiner Neujahrsansprache?«

Ich selbst habe mich mit meiner Füllwort-Neigung abgefunden. Auch in Zukunft werde ich mir bei jedem »Äh« meinen Lehrer vorstellen. Doch statt auf den Tisch zu hauen, klatscht er jetzt begeistert in die Hände.