Tim Reichel

Zensuren im Studium Noten sind überbewertet!

Tim Reichel
Ein Gastbeitrag von Tim Reichel
Ein Gastbeitrag von Tim Reichel
Eine 1,0 in der Klausur, eine 1,3 in der Hausarbeit? An der Uni gibt es Wichtigeres, findet unser Kolumnist. Warum wir endlich aufhören sollten, uns wegen unseres Notenschnitts verrückt zu machen.
Noten im Studium: Durchaus wichtig – aber nicht das Wichtigste (Symbolbild)

Noten im Studium: Durchaus wichtig – aber nicht das Wichtigste (Symbolbild)

Foto: Valentina Barreto / DEEPOL / plainpicture

Ein kleines Medley aus meinem Postfach: »Was kann ich tun, um meinen Schnitt zu verbessern?«, »Wie kann ich meine digitalen Prüfungen meistern?«, »Was passiert, wenn ich wegen der Pandemie schlechte Noten bekomme?«

Fragen über Fragen, aber immer der gleiche Wunsch: gute Noten. Erst seit ich als Fachstudienberater arbeite, ist mir richtig bewusst geworden, wie weitverbreitet der Drang nach Bestnoten ist. Als ich noch studierte, jagte ich selbst den Einsern hinterher. Heute würde ich das nicht mehr tun, denn nun weiß ich: Gute Noten sind überbewertet. Mehr noch: Wer sich einzig und allein gute Noten als Ziel setzt, begeht einen schweren strategischen Fehler.

Bachelor of Smarts – die Uni-Kolumne

Gutes Zeitmanagement, die richtige Lernstrategie vor Prüfungen, Tipps für den Einstieg ins digitale Semester: In dieser Kolumne gibt Dr. Tim Reichel Rat zu Herausforderungen im Studium und zeigt, wie Studierende erfolgreich durch den Bachelor kommen – ohne Dauerstress.

Du stehst auch vor einem vermeintlich unlösbaren Problem im Studium oder hast eine Frage an Tim Reichel? Dann schreib uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Noten sagen nichts aus

Eine Note ist eine Bewertungskennzahl, die die Leistung eines oder einer Studierenden angeben soll. Während in der Schule mündliche Mitarbeit, Tests, Referate und mindestens zwei Klausuren pro Halbjahr in die Note einfließen, gründet die Bewertung im Studium in der Regel auf einer einzigen Prüfung. Das bedeutet: Die Note, die du für einen Kurs bekommst, hängt davon ab, wie du an einem bestimmten Tag bestimmte Fragen beantwortest. Manchmal fließen auch Hausarbeiten oder Präsentationen in die Uninoten mit ein; in ingenieurwissenschaftlichen oder naturwissenschaftlichen Studiengängen ist das jedoch die Ausnahme.

Als wäre diese Art der Notengebung nicht schon willkürlich genug, kommt es noch schlimmer: Nur wenige Hochschulen geben relative Bewertungen auf dem Zeugnis an (»beste zehn Prozent des Jahrgangs«) – Bewertungen also, die Noten in einen Kontext setzen würden. Meist steht auf dem Zeugnis einfach nur eine Zahl neben dem Modulnamen: 2,3. Danke für die Info.

Noten sind unfair

Weil Noten im Studium häufig von einer einzigen Prüfungsleistung abhängen, spiegeln sie nicht die reale Leistung der Prüflinge wider. So, wie die meisten Prüfungsverfahren aktuell angelegt sind, zeigen sie nur eine Momentaufnahme. Das mag eine anerkannte Methode zur Feststellung eines Leistungsstandes sein – unfair ist es trotzdem.

Angenommen, du arbeitest ein Semester lang wie ein Wahnsinniger für einen Unikurs. Du besuchst jede Vorlesung, liest mehrmals das Skript und lernst pro Tag zwei Stunden nur für dieses Fach. Selbst wenn du deine Prüfung perfekt vorbereiten und den Stoff lückenlos beherrschen würdest, bedeutet das nicht, dass du die Klausur mit einer Eins bestehst. Wenn deine Professorin zum Beispiel eine »gute Idee« für die Aufgabenstellung hatte und dich damit komplett verwirrt oder dein Professor beim Korrigieren schlechte Laune hat und besonders kritisch ist, kannst du nichts daran ändern. Oder du bekommst am Prüfungstag die Migräne deines Lebens und kannst dich keine fünf Minuten am Stück konzentrieren – auf all diese Umstände hast du keinen Einfluss. Und trotzdem leidet deine Note darunter.

Noten vernebeln deinen Blick

Ziel eines Studiums sollte es sein, in einem bestimmten Fachgebiet möglichst breites Wissen aufzubauen und die Grundzüge der wissenschaftlichen Methodik dahinter zu verstehen. Genau das wird durch die Fokussierung auf gute Noten verhindert. Versteh mich nicht falsch: Es ist in Ordnung, wenn gute Noten ein Ziel deines Studiums sind – aber sie sollten nicht das einzige Ziel sein.

Aus meiner Erfahrung blockieren Studierende sich häufig selbst, weil sie sich zu sehr auf Ergebnisse (Noten, Regelstudienzeit und so weiter) konzentrieren. Sie sind so sehr damit beschäftigt, irgendwelche Kennzahlen zu erreichen, dass sie das Wesentliche vernachlässigen. Ein Studium ist ein dynamischer Lernprozess, dessen Ziel deine individuelle Weiterentwicklung ist. Es geht darum, Dinge auszuprobieren, Fehler zu machen, daraus zu lernen und dich zu verbessern. Wenn du dabei die ganze Zeit auf Bestnoten schielst, versaust du dir diesen Prozess – und damit dein ganzes Studium.

Noten sind unwichtig

Jedes Mal, wenn ich gegen die Unsinnigkeit von Noten wettere, höre ich ein bekanntes und gleichermaßen falsches Gegenargument: »Aber Noten sind doch wichtig für meine Bewerbung?!« Nein, sind sie nicht – zumindest nicht so wichtig, wie es manch einer denkt. Im Hochschulranking der »Wirtschaftswoche « werden in regelmäßigen Abständen Personalmenschen befragt, welche Eigenschaften sie bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen schätzen. Dabei wird nicht nur aufgenommen, welche Unis und welche Studienfächer am besten abschneiden, sondern auch, welche Qualifikationen besonders gefragt sind.

Die Abschlussnote rangiert in dieser Liste nur auf Platz 4 (39 Prozent). Am wichtigsten wird die Persönlichkeit der Bewerbenden (66 Prozent) eingeschätzt, gefolgt von ersten Praxiserfahrungen (60 Prozent) und der Abschlussart (50 Prozent). Demnach sind Noten für Recruiter nicht der entscheidende Punkt. Sie können allerdings (bei sonst gleichen Rahmenbedingungen) den Unterschied machen – was zumindest im Hinblick auf den Faktor »Persönlichkeit« eher ein theoretischer Fall sein dürfte.

Fazit

Selbst wenn ich in meinen Beratungsgesprächen alle diese Punkte anführe, lassen sich nicht alle Studierenden überzeugen. »Was soll meine zukünftige Arbeitgeberin von mir denken, wenn ich schlechte Noten habe? Was ist, wenn mein Kommilitone einen besseren Schnitt hat als ich?« Ich kann diese Bedenken nachvollziehen – aber sie führen in die falsche Richtung.

Dazu ein kleiner Denkanstoß: Möchtest du für ein Unternehmen arbeiten, dass dich aufgrund einer einzigen Kennzahl auswählt? Ist es das, wofür du fünf Jahre lang studiert hast? Um dich dann für eine Zahl rechtfertigen zu müssen? Und falls du den Job bekommst: Bist du bereit, dieses Kennzahlenspiel deine gesamte Karriere mitzuspielen? Bei jedem Bonus? Bei jeder Beförderung? Bis zur Rente?

Ich empfehle in solchen Situationen ein wenig Mut. Entscheide dich gegen dieses System – und lehne Arbeitgeber ab, die dich nur nach deinen Noten bewerten. Erstens haben sie dich nicht verdient. Und zweitens wirst du wahrscheinlich nicht glücklich mit dem Job werden, wenn dir schon der Bewerbungsprozess Bauchschmerzen verursacht.