Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über Wirtschafts­wissenschaften gewusst hätte

Was unterscheidet die Wirtschaftswissenschaften von Fächern wie BWL oder VWL? Wie spezialisiert man sich? Und wie findet man eine gute Lernstrategie? Der Masterstudent Joshua Bolte gibt Antworten.
Aufgezeichnet von Lisa Srikiow
Foto: Westend61 / Getty Images
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die 30 beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020, die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler beschäftigen sich im Studium sowohl mit Betriebs- als auch mit Volkswirtschaftslehre – also einerseits mit wirtschaftlichen Prozessen und Entscheidungen von Unternehmen, und andererseits mit gesamtwirtschaftlichen Themen wie Wachstum, Rezession oder Inflation. Je nach Spezialisierung können sie in Unternehmen und Start-ups, aber auch in der Verwaltung und in Kommunen arbeiten.

Joshua Bolte, 26, hat an der Universität Osnabrück Wirtschaftswissenschaften im Bachelor studiert. Für seinen Master entschied er sich für das Fach Wirtschaftsinformatik.

Die Entscheidung für Wirtschaftswissenschaften

»Nach dem Abitur habe ich erst eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann gemacht. Danach wollte ich nicht gleich weiterarbeiten, sondern studieren. Und weil mir meine Ausbildung grundsätzlich gefallen hatte, war es einfach der logische nächste Schritt, etwas mit Wirtschaft zu wählen.

Das Fach Wirtschaftswissenschaften ist generalistisch angelegt, es hat Anteile von BWL und VWL. In Osnabrück gibt es außerdem einige gute Wirtschaftsinformatik-Module. Diese Wahlfreiheit fand ich gut: Man kann sich im Laufe des Studiums alle Fachrichtungen anschauen und daraus nach seinem persönlichen Gusto wählen.«

Formale Voraussetzungen für ein Studium der Wirtschaftswissenschaften:

  • Wer an einer Universität studieren möchte, braucht das Abitur  oder die entsprechende Fachgebundene Hochschulreife – für Fachhochschulen genügt auch die Fachhochschulreife. In vielen Studiengängen werden zudem Bewerberinnen und Bewerber ohne Hochschulreife  unter bestimmten Bedingungen zugelassen, etwa wenn sie eine fachspezifische Berufsausbildung und Berufserfahrung vorweisen können.

  • Manche Hochschulen haben zudem eigene Auswahlkriterien und verlangen etwa Englischkenntnisse.

  • Für viele Studiengänge gibt es einen Numerus Clausus  (NC), oft liegt dieser zwischen zwei und drei.

Was man sonst noch mitbringen sollte: Ganz ohne mathematische und statistische Grundlagen geht es nicht. Diese Methoden müssen angehende Wirtschaftswissenschaftler beherrschen, um im Studium zu bestehen.

»Wer Wirtschaftswissenschaften studieren möchte, sollte übrigens ein analytisches Verständnis sowie ein grundsätzliches Interesse für Wirtschaft mitbringen. Das heißt nicht, dass man in seiner Freizeit Geschäftsberichte lesen muss. Aber wer sich dafür interessiert, was Gewinn in einem Betrieb bedeutet und wodurch der Aktienwert eines Unternehmens beeinflusst wird, oder wer öfter mal den Wirtschaftsteil der Zeitung liest, liegt mit diesem Fach sicher richtig.«

Inhalte und Aufbau des Studiums

»Ich weiß noch sehr genau, wie ich am ersten Tag vor der Universität stand, die ganzen Leuten sah und dachte: ›Verdammt, hier lerne ich niemanden kennen.‹ Diese Angst war unberechtigt. In den ersten zehn Minuten traf ich jemanden, mit dem ich bis heute gut befreundet bin. Zuverlässige Freunde sind ohnehin das A und O im Studium. Wenn man sich gegenseitig hilft, zusammen lernt, Arbeitsblätter und Skripte austauscht, ergibt sich der Rest schon.

Allerdings muss man sich gut organisieren, das Lernpensum ist hoch. Mir hat meine Ausbildung da sehr geholfen: Gerade im ersten Semester kannte ich viele Inhalte schon aus der Praxis. Außerdem hatte ich in der Ausbildung viel in Sachen Motivation und Zeitmanagement gelernt, zum Beispiel, wie man Aufgaben richtig priorisiert. Das mussten sich viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen erst noch aneignen.

Aber natürlich ist das Studium für alle ein Sprung ins kalte Wasser. Zum Glück gibt es in Osnabrück eine engagierte Fachschaft: In der Erstsemesterwoche wird man an die Hand genommen, lernt, wie man seine Stundenpläne zusammenstellt, und bekommt viele Tipps – zum Beispiel, dass man bei der Fachschaft auch alte Klausuren zur Vorbereitung kopieren kann.«

Typische Pflichtmodule: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre, Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, Handelsrecht, Investition und Finanzierung, Rechnungswesen, Stochastik und Wirtschaftsstatistik, Wirtschaftsinformatik, Business English

Wahlmöglichkeiten: Marketing und Vertrieb, Accounting/Rechnungswesen, Management, Wirtschaftsrecht, Arbeits- und Organisationspsychologie, Human Resources und betriebliche Gesundheitsförderung, Wirtschaftsethik

»In den ersten Semestern macht man sich mit den Grundlagen vertraut. Man hört Accounting, Makroökonomie oder Finanzwissenschaft und schreibt viele Klausuren. Ab dem fünften Semester belegten wir dann mehr Seminare in den Fächern, auf die wir uns spezialisieren wollten.

Schon in der Schule hatte ich Informatik als Leistungskurs gehabt und konnte bereits ein wenig programmieren. Das war sozusagen mein Hobby. Programmiersprachen oder Systemarchitekturen waren daher auch im Studium nichts Neues für mich. Ich arbeitete außerdem nebenher in der EDV-Betreuung der Universität. Also dachte ich: Wenn ich das offensichtlich gut kann, warum sollte ich mich nicht auf Wirtschaftsinformatik spezialisieren?«

Berufsaussichten nach dem Studium

»Weil mich Wirtschaftsinformatik dann tatsächlich sehr begeistert hat, hängte ich zwei Semester an mein Bachelorstudium dran, um die Credits zu sammeln, die ich für einen Wirtschaftsinformatik-Master brauchte. Für mich hat sich die breite Ausrichtung des Fachs also bewährt: Ich konnte nach dem Bachelor in Wirtschaftswissenschaften noch mal in eine andere Richtung wechseln.

Mittlerweile studiere ich an der Uni Osnabrück Wirtschaftsinformatik im Master und bin sehr zufrieden. Ich kann mir gut vorstellen, später als Systemarchitekt oder Datenanalyst in einem Unternehmen zu arbeiten, um dort die IT-Systeme den betrieblichen Anforderungen anzupassen oder Trends aus gesammelten Daten zu erkennen.«

Branchen und Gehälter:

Wie BWL-Absolventen haben auch Wirtschaftswissenschaftlerinnen gute Berufsaussichten . Sie können in nationalen und internationalen Unternehmen arbeiten, etwa im Marketing, Rechnungswesen, Projektmanagement oder Vertrieb. Durch ihre VWL-Kenntnisse können sie zudem in Ministerien und in der öffentlichen Verwaltung Stellen finden.

Laut dem Stepstone-Gehaltsreport  für Absolventen verdienen Wirtschaftswissenschaftler durchschnittlich 43.189 Euro brutto im Jahr. Im Bereich Consulting sind es sogar 49.054 Euro.

Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler würden sich im Studium »sowohl mit Mikro- als auch mit Makroökonomie« beschäftigen. Das schließt aber nicht alle Teile der Wirtschaftswissenschaften mit ein. Wir haben die Stelle entsprechend korrigiert und konkretisiert.