Wissenschaftlicher Nachwuchs »In diesem System kommt nur klar, wer mit viel Unsicherheit umgehen kann«

Wer an der Uni Karriere machen möchte, hat es schwer: Die Arbeitsbedingungen sind hart, bis zur Professur schaffen es die wenigsten. Fünf Menschen erzählen, warum sie ihren Traum vom Forschen aufgegeben haben.
Aufgezeichnet von Lena Völkening
Eine Karriere in der Wissenschaft bedeutet oft lange Tage

Eine Karriere in der Wissenschaft bedeutet oft lange Tage

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Stephen Shepherd / plainpicture

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»Ich dachte, das wäre eine magische Welt«

Franziska Kretschmer, 36, hat in Skandinavistik über Horrorliteratur promoviert und wollte eigentlich in der Wissenschaft bleiben. Jetzt arbeitet sie als Referentin für Marketing und Kommunikation sowie als selbstständige Lektorin, Texterin und Schreibberaterin.

»Als Studentin hatte ich eine furchtbar klischeehafte Vorstellung davon, was es heißt, Wissenschaftlerin zu sein. Ich dachte, das wäre eine magische Welt. Alle sitzen wie in einem Paul-Auster-Roman den ganzen Tag im Café, rauchen und schreiben postmoderne Abhandlungen. In Wirklichkeit ist es wie bei einer toxischen Beziehung: Erst ist es total dein Ding. Dann merkst du, wie das Bild Risse bekommt. Du willst es unbedingt noch zusammenhalten, aber irgendwann bricht alles über dir zusammen und du siehst all die Stellen, wo es nicht passt.

Nach meinem Skandinavistikstudium in Tübingen wollte ich promovieren. Als an der Uni Freiburg eine Stelle ausgeschrieben wurde, bewarb ich mich und wurde genommen. Fortan arbeitete ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni – eigentlich nur eine 50-Prozent-Stelle. Aber ich habe 100 Prozent gegeben, gelehrt, Studierende beraten und administrative Aufgaben übernommen. Meine Doktorarbeit verlor ich darüber völlig aus dem Blick.

Nach vier Jahren hatte ich ein Burn-out. Mit den schlimmsten Rückenschmerzen meines Lebens. Dazu kamen Panikattacken und Schlafstörungen. Am schlimmsten war der Druck, den ich mir selbst gemacht habe.

Franziska Kretschmer

Franziska Kretschmer

Foto: Privat

An der Uni sagt dir niemand, was du tun musst, damit deine Karriere weitergeht. Es ist wie bei einem Spiel, für das es zwar Regeln gibt, die du aber nicht kennst. Andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind deine Konkurrenz in einem diffusen Rennen um die wenigen Stellen, auf denen man dauerhaft bleiben kann. Das hat auch eine politische Dimension: Du musst es dir erlauben können, unterbezahlt zu arbeiten, ständig umzuziehen und deine Zukunft nicht planen zu können. Das hat mich desillusioniert.

Nach viereinhalb Jahren kündigte ich und suchte mir zunächst einen Vollzeitjob in der Verwaltung einer Hochschule. Meine Doktorarbeit schrieb ich an den Abenden und Wochenenden fertig, das ging erstaunlicherweise besser. Heute habe ich einen Halbtagsjob als Referentin für Marketing und Kommunikation, der mir Sicherheit und Struktur gibt. Mit Literatur beschäftige ich mich daneben freiberuflich.«

Prekariat in der Wissenschaft

Das 2007 in Kraft getretene Wissenschaftszeitvertragsgesetz  ermöglicht es Hochschulen, ihr wissenschaftliches Personal im sogenannten akademischen Mittelbau – also Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die keine Professur innehaben – befristet anzustellen, und zwar länger, als es in anderen Arbeitsfeldern durch das Teilzeit- und Befristungsgesetz erlaubt wäre. Bis zum Abschluss der Promotion können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bis zu sechs Jahre befristet beschäftigt werden. Danach sind es in der Regel noch einmal bis zu sechs, im Bereich Medizin bis zu neun Jahre.

78 Prozent aller wissenschaftlichen Beschäftigten an Hochschulen sind dem DGB-Hochschulreport zufolge  befristet angestellt, mit einer Vertragslaufzeit von durchschnittlich zweieinhalb Jahren. Dem Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs  zufolge wurden 2018 3059 Wissenschaftler auf eine Lebenszeitprofessur berufen – bei 71.193 Bewerbungen. Im selben Jahr gab es rund 174.000 Promovierende und rund 193.000 hauptberufliche wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiterinnen im Mittelbau.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wehren sich schon lange gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, zum Beispiel über die Aktion  »95 Thesen gegen das WissZeitVG«. Auch aus der Politik gibt es Rufe nach einer Reform.

»Ich wusste von Anfang an, dass die Wissenschaft ein Lotteriespiel ist«

Lukas Gomber, 34, hat seine Promotion in Politischer Theorie abgebrochen. Heute bereitet er als Business Intelligence Consultant Daten für Unternehmen auf.

»Ich wollte seit meinem Grundstudium an einer Universität arbeiten und habe alles dafür getan, dass das klappt. Ich war schon während meines Studiums studentische Hilfskraft, machte meinen Abschluss mit 1,1, begann im Anschluss mit einer Promotion. Nach zweieinhalb Jahren aber beschloss ich, mein Privatleben nicht länger für meine Karriere zu opfern.

Als Wissenschaftler muss man ständig umziehen. Für meine erste Stelle, eine Schwangerschaftsvertretung, zog ich von Trier nach Flensburg, nach nicht einmal einem Jahr weiter nach Göttingen. Meine Frau und ich wollten keine Fernbeziehung, deshalb kam sie mit. Sie hat ihre Karriere zurückgestellt, damit ich meinen Traum verwirklichen konnte.

Ich wusste von Anfang an, dass die Wissenschaft eine prekäre Angelegenheit und ein Lotteriespiel ist. Verträge sind immer befristet, Zusagen für Stellen bekommt man oft nur sehr kurzfristig. Auf der anderen Seite hat man viele Freiräume: Man kann machen, was man am interessantesten findet, und wird dafür bezahlt.

Nach zwei Jahren in Göttingen wurde mein Vertrag überraschend nicht verlängert, und wir hätten wieder umziehen müssen, diesmal mit unserer Tochter. Die Situation war extrem unbefriedigend, weil es keine verlässliche Perspektive gab. Gerade, wenn man eine Familie hat, ist das eine Katastrophe. Ich kenne ein Professorenpaar, das eine Wohnung in der Mitte zwischen zwei Städten hat. Dieses Leben wollte ich nicht.

Also habe ich meine Promotion abgebrochen. Das war krass für mich. Ich musste mich von dem verabschieden, was ich sehr lange machen wollte. Heute bereite ich als Business Intelligence Consultant Daten für Unternehmen auf. Inhaltlich ist das nicht mehr so spannend wie die Wissenschaft, aber die Bedingungen sind sehr gut. Ich habe keine Angst mehr vor Arbeitslosigkeit, muss nicht mehr oft umziehen und werde gut bezahlt.«

»Macht mir meine Arbeit so viel Spaß, dass ich sie auch als Hobby sehen kann?«

Sarah, 31, hat in Mikrobiologie promoviert und noch während der Promotion angefangen, Bewerbungen an Industrieunternehmen zu schicken. Jetzt arbeitet sie für einen Medizinprodukthersteller.

»Je mehr du machst, desto mehr wird auch von dir gefordert. Während meiner Promotion verdiente ich nur 65 Prozent einer vollen Stelle, arbeitete aber 50 bis 60 Wochenstunden. Nach dem Abendessen fuhr ich oft noch mal für zwei Stunden ins Labor. Je mehr ich zu meinem Thema forschte, desto mehr Spaß machte es. Damit kam aber auch der Druck. Und ich merkte: Wenn ich das weiter machen will, muss ich mein Leben lang zehn Stunden am Tag arbeiten.

In der Wissenschaft muss man sich die Frage stellen: Macht mir meine Arbeit so viel Spaß, dass ich sie auch als Hobby sehen kann? Mir war es das nicht wert. Außerdem wollte ich Kinder bekommen. Man kann natürlich auch weniger arbeiten. Aber dann wird man nicht fertig mit seinem Forschungsprojekt, bevor die Finanzierung und damit oft auch der Vertrag endet.

Vor der Verteidigung meiner Doktorarbeit hatte ich tagelang Druck auf den Ohren. Ich musste mir die Nase zuhalten und gegen pusten. Hinterher hatte ich auf einmal am ganzen Körper Muskelkater. Das kam wahrscheinlich von der Anspannung.

Frauen in der Wissenschaft

Nur 26 Prozent aller Professuren in Deutschland waren Ende 2019 mit Frauen besetzt . Der geringe Frauenanteil in den höheren Positionen der Wissenschaft setzt sich auch in nachfolgenden Generationen fort: Dem Bundesbericht  wissenschaftlicher Nachwuchs zufolge waren 2018 zwar 47 Prozent der Promovierenden Frauen. Auf vakante Professuren wurden im selben Jahr aber nur zu 27 Prozent (W3-Besoldung) beziehungsweise zu 34 Prozent (W2-Besoldung) Frauen neu berufen.

In meinem jetzigen Job in der Industrie kann ich nach meinem Acht-Stunden-Tag den Stift fallen lassen. Wenn ich Überstunden mache, gehen die auf mein Überstundenkonto. Am Anfang habe ich abends nach der Arbeit gedacht: Was mach ich denn jetzt? Es war superkomisch, so viel Freizeit zu haben.«

»Viele Kollegen sagten mir, wie mutig sie das fänden«

Mathis Danelzik, 40, hat in Sozialwissenschaften promoviert, war danach Postdoc und ist schließlich nach knapp zehn Jahren aus der Wissenschaft ausgestiegen. Nun arbeitet er als Abteilungsleiter im Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende .

»Wie leicht man außerhalb der Uni einen Job findet, hängt stark davon ab, in welchen Projekten man zuvor als Wissenschaftler tätig war. Ich hatte das Glück, dass ich in meinen letzten drei Jahren als Postdoc sehr praktisch gearbeitet hatte: Damals haben mein Team und ich beim Bau einer Stromtrasse in Bayern den Planungsprozess und die Bürgerbeteiligung organisiert. Bei meinen Bewerbungen fiel es mir deshalb leicht, zu vermitteln, was ich kann. Viele Wissenschaftler sind schlau, könnten eine Menge Sachen machen und sich für vieles begeistern. Es ist nur oft schwierig, das den Unternehmen zu vermitteln.

Als ich mich entschieden habe, die Wissenschaft zu verlassen, sagten mir viele Kollegen, wie mutig sie das fänden. Sie wollten auch gern gehen, aber dachten, sie steckten schon zu tief drin und wären fehlqualifiziert. Ich habe ihnen geantwortet: Ich empfinde euch als viel mutiger – weil das Risiko, das ihr eingeht, viel größer ist.

Mir kommt die Wissenschaft vor wie ein kleiner Teich mit nur einer einzigen ökologischen Nische. Nur wenn man zufällig genau da reinpasst, bekommt man eine feste Stelle. Wenn nicht, bleibt man auf der Strecke. Das Rennen um die Lebenszeitprofessur wird erst Jahre nach der Promotion entschieden. Wer keine bekommt, für den hat die Wissenschaft nicht mehr viel übrig. Es müsste auch für die Verlierer im Hop-oder-top-Rennen um die Professur mehr Wege geben, nichtprekär Forschung zu betreiben.

Für mich waren das keine attraktiven Bedingungen. Deshalb bin ich frohen Mutes gegangen. Heute organisiere ich Dialoge an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Praxis für eine naturverträgliche Energiewende. Das ist auch vielfältig, komplex und herausfordernd.«

»Mir fehlte die Kraft dafür, mich alle eineinhalb Jahre in eine neue Umgebung einzufinden«

Claudia Frick, 37, hat in Meteorologie promoviert, wechselte dann aber in eine wissenschaftliche Bibliothek. Vor vier Monaten ist sie wieder an eine Hochschule zurückgekehrt – als Professorin für Informationsdienstleistungen und Wissenschaftskommunikation.

»Ich liebe Forschung und Lehre, aber ich glaube, man muss irgendwann entscheiden, ob man unter den vorherrschenden Bedingungen arbeiten möchte. Promovierende und Postdocs können selten Wurzeln schlagen, weil ihre Verträge immer nur befristet sind. Mir fehlte damals die Kraft dafür, alle eineinhalb Jahre umzuziehen, mich in eine neue Umgebung einzufinden und Anträge zu schreiben.

Nach sechs Jahren als Wissenschaftlerin an Hochschulen sowie beim Deutschen Wetterdienst wechselte ich deshalb in eine wissenschaftliche Bibliothek. Der Job war ebenfalls stressig, aber es war eine andere Art von Stress. Und ich war fest angestellt.

Um mich weiterzubilden, absolvierte ich berufsbegleitend einen Master in Bibliothekswissenschaft an der Technischen Hochschule Köln. Nachdem ich auf dem Chaos Communication Congress einen Vortrag zum Thema Open Access , dem freien Zugang zu Forschungsergebnissen im Internet, gehalten hatte, fragte mich diese Hochschule, ob ich nebenberuflich einen Lehrauftrag übernehmen wollte. Als dort ein Jahr später eine Professur für Informationsdienstleistungen und Wissenschaftskommunikation ausgeschrieben wurde, dachte ich: jetzt oder nie. An einer Fachhochschule kann man auch Professorin werden, ohne habilitiert zu sein. Voraussetzung sind mindestens fünf Jahre Berufserfahrung im jeweiligen Fachgebiet.

Promotion bei Nichtakademikerkindern

Eine Promotion ist die Voraussetzung für eine Karriere in der Wissenschaft. Finanzieren kann man sie zum Beispiel durch eine Teilzeitstelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität oder über ein Stipendium.

Soziale Ungleichheit spielt dennoch eine Rolle: Schon im Master sind Akademikerkinder – also Studierende mit mindestens einem Elternteil mit Hochschulabschluss – in der Überzahl, wie aus dem Hochschulbildungsreport 2020 des Stifterverbandes  hervorgeht: Von 100 Akademikerkindern erwerben im Schnitt 45 einen Masterabschluss, von 100 Nichtakademikerkindern kommen nur acht in ihrem Studium so weit. Beim Doktorgrad klafft die Lücke noch weiter auseinander: Zehn von 100 Akademikerkindern schließen im Schnitt erfolgreich eine Promotion ab, aber nur eines von 100 Nichtakademikerkindern.

Es hat geklappt, ich bin jetzt Professorin. Die Stelle ist für mich perfekt. Ich fühle mich im Thema, am Institut, in der Fakultät und an der Hochschule am richtigen Platz. Zudem musste ich nicht umziehen und kann wieder lehren und forschen.

Für mich war klar: Ich gehe nur zurück in die Wissenschaft, wenn die Bedingungen für mich stimmen. Diesen Luxus haben die meisten Forschenden nicht. Sie müssen oft jede noch so befristete Stelle nehmen, die ihnen angeboten wird. In diesem System kommt nur klar, wer mit viel Unsicherheit umgehen kann. Diejenigen, die wie ich Sicherheit und Stabilität brauchen, haben es schwer.«

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