Reisen in der Klimakrise Nach mir kam die Sintflut

Nach zwei Jahren Corona lässt Australien wieder Reisende ins Land und lockt mit Work and Travel. Auch ich habe das gemacht – und frage mich angesichts von Brand- und Flutkatastrophen: Sollte ich es bereuen?
Autor Lukas Kissel vor Berg Uluru: Mehr als 27.000 Kilometer mit einem dreckigen Geländewagen

Autor Lukas Kissel vor Berg Uluru: Mehr als 27.000 Kilometer mit einem dreckigen Geländewagen

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privat

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Diese Nacht, in der ich zum ersten Mal am Strand übernachtete. Dieser Morgen, als es im Regenwald nach einem Schauer roch wie im Erkältungsbad, dank der Eukalypten. Dieser Trip entlang der Westküste, für den sich meine Reisepartnerin und ich einfach an den Highway stellten, Daumen raus. Es sind solche Momente, die mir von meiner »Work and Travel«-Reise durch Australien bis heute im Kopf geblieben sind. Wenn ich das nicht mache, bereue ich es später, hatte ich mir vorher oft gesagt. Es war das stärkste Argument, warum ich flog.

Seitdem sind mehr als sechs Jahre vergangen. Die Welt hat sich verändert oder vielmehr: mein Blick auf die Welt. Heute frage ich mich, ob ich die Reise von damals nicht bereuen sollte.

Aber von vorn.

Gerade hat Australien seine Grenzen für doppelt geimpfte Tourist:innen wieder geöffnet. Nach zwei Jahren Corona tut das Land viel, um Reisende zu locken – besonders die jungen mit »Working Holiday«-Visum, das auch zum Arbeiten berechtigt: Wer bis zum 19. April einreist, bekommt die Gebühren zurückerstattet, die ein Visumsantrag kostet. Nicht, dass das ein völlig uneigennütziges Geschenk der Regierung wäre: Backpacker:innen, die entlang ihrer Reise Gelegenheitsjobs annehmen, sind ein wichtiger Faktor in der australischen Wirtschaft. 250.000 Arbeitsplätze besetzen sie im Land, vor allem im Tourismus, im Gastgewerbe, in der Landwirtschaft.

Massenphänomen und Lebenserfahrung

Allein aus Deutschland kamen vor Corona jährlich mehr als 20.000 Menschen mit diesem Visum, »Work and Travel« in Australien ist längst zum Massenphänomen geworden. Und zum Klischee: »Lisa aus Australien« heißt die Social-Media-Karikatur jener sich selbst findenden Backpacker-Abiturient:innen, die ihren Mitmenschen mit ihren Australien-Geschichten auf den Zeiger gehen.

Diese Reise war also keine Idee, die vor mir noch niemand gehabt hatte. Trotzdem war sie eine Lebenserfahrung. Ich war 19 und gerade mit dem Abi fertig, als ich – mit Rucksack auf dem Rücken und Reisepass in der Hand – aus dem Flughafen Perth in die australische Sonne tappte. In den zehn Monaten, die folgten, lernte ich wahrscheinlich genauso viel wie später im Studium.

Äpfel pflücken in Victoria, Fliesen schleppen in Perth

Äpfel pflücken in Victoria, Fliesen schleppen in Perth

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Bei einem Großhändler in Perth schleppte ich Fliesen, auf einer Plantage in Victoria pflückte ich Äpfel, Birnen, Pflaumen. Vom Lohn kaufte ich mir einen Allradwagen, einen Holden Jackaroo, baute ein Bettgestell in den Kofferraum und umrundete mit ihm und wechselnden Mitfahrer:innen den ganzen Kontinent. Fast den ganzen Kontinent. Beim letzten Roadtrip verloren wir einen Reifen – während der Fahrt. Es war der Reifen, den ich Tage zuvor gewechselt hatte. Meinen Mitfahrerinnen und mir passierte nichts, aber das Auto war ein Fall für den Abschleppdienst. Damals für mich und meine Reisekasse ein Desaster, heute eine lustige Partygeschichte.

Über 27.000 Kilometer spulte ich mit dem Auto runter, so dokumentierte ich es in einem Fahrtenbuch. Über 27.000 Kilometer mit einem dreckigen Geländewagen, die letztlich nur einem Zweck dienten, nämlich meinem Spaß am anderen Ende der Welt. Damals dachte ich mir nichts dabei. Heute frage ich mich, ob es cool ist, für die eigene Selbstverwirklichung so viel CO₂ in die Luft zu blasen.

Korallenbleiche, Überflutungen, Buschbrände

In Australien sind die Folgen der Klimakrise offensichtlich. Wenn die Temperaturen besonders hoch sind, bleichen am Great Barrier Reef die Korallen, 98 Prozent des Riffs sollen einer Studie zufolge seit 1998 betroffen gewesen sein. In der Feuersaison 2019/2020 wüteten an der Ostküste verheerende Buschbrände: Über 12,6 Millionen Hektar brannten, das ist die Fläche von Österreich und der Schweiz zusammen. Vier Jahre nach meiner Reise hörte ich in den Nachrichten Ortsnamen, die ich kannte: Mallacoota, Nowra, die Blue Mountains. Und sah Bilder von Menschen inmitten von feuerrotem Rauch, von einem verkohlten Känguru, das an einem Zaun hängen geblieben und verbrannt war. Zurzeit sind Teile der Bundesstaaten New South Wales und Queensland nach verheerenden Regenfällen überflutet. Rund 200.000 Menschen mussten evakuiert werden, Gebäude, Geschäfte und Straßen wurden zerstört.

Ich sehe diese Bilder und denke: Nach mir kam die Sintflut. So, wie ich Australien kennenlernte, existiert es nicht mehr. Und ich frage mich: Welchen Anteil habe ich an der Klimakrise, durch die Art, wie ich reise?

Natürlich ist Fliegen für viele unverzichtbar, wegen des Jobs oder weil sie Familie im Ausland haben. Und natürlich sind viele auf ein Auto angewiesen. Aber mir geht es hier ums Fliegen fürs Reisen, ums Autofahren als Selbstzweck.

Ich bin abgeschreckt von diesen Zahlen, ich fühle Flugscham. Aber ich will auch die Welt sehen.

Der Klimaexperte Volker Quaschning macht folgende Rechnung auf: Wenn wir die Pariser Klimaziele einhalten wollen, dann dürfte jeder Mensch in Deutschland noch etwa 40 bis 70 Tonnen CO₂ verbrauchen. Auf diese Zahl kommt man, wenn man das verbleibende CO2-Budget für Deutschland auf alle Einwohner:innen umlegt. Angenommen, man geht diese Logik mit und schiebt die Verantwortung damit auf jede:n Einzelne:n – weg von Regierungen und Unternehmen – dann muss man sich durchaus überlegen, ob man sich einen Flug nach Australien noch leisten kann. Laut dem Rechner von Atmosfair  schlagen Hin- und Rückflug zwischen Frankfurt und Sydney mit etwa 11 Tonnen CO₂ zu Buche – und schon blieben fürs restliche Leben nur noch 30 bis 60 Tonnen übrig.

Wie viele in meiner Generation stehe ich vor dem Dilemma: Ich bin abgeschreckt von diesen Zahlen, ich fühle Flugscham. Aber ich will auch die Welt sehen. Ich will in Schweden campen, in Marokko über einen Markt laufen, ich will in den USA von Küste zu Küste fahren. Ist das egoistisch? Bestimmt. Aber ich bin überzeugt, dass die Welt kein besserer und offenerer Ort würde, wenn alle nur noch dort blieben, wo sie sind.

Autor Lukas Kissel in Australien: Regeln fürs Reisen

Autor Lukas Kissel in Australien: Regeln fürs Reisen

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Ich reise und fliege also weiter. Doch bis man das irgendwann klimaneutral tun kann, habe ich mir als Kompromiss einige Regeln gesetzt.

Drei Regeln fürs Reisen

Erstens: Nur noch in ein Land reisen, wenn ich mich tatsächlich für dieses Land interessiere. Um etwa Indien zu sehen, muss man nach Indien reisen. Aber wenn es einem darum geht, sich am Strand zu erholen, so legitim das ist, dann muss das nicht in Thailand sein. Dann tut es auch ein Strand in Italien.

Zweitens: Lange Flugreisen nur noch, wenn es sich zeitlich lohnt. Für zwei Wochen nach Neuseeland? Eher für zwei Monate. Das ist keine Reise, die man jedes Jahr machen würde.

Drittens will ich mich künftig fragen, ob Roadtrips vielleicht auch auf zwei Rädern funktionieren. Meine erste Radreise im Coronajahr war eine tolle Erfahrung: Anders als im Auto spürt man den Fahrtwind im Gesicht, man hat viel eher das Gefühl, etwas zu schaffen. Und in kleineren Ländern kann man auch auf dem Rad viel sehen.

Meine »Work and Travel«-Reise in Australien hätte zumindest die ersten beiden Bedingungen erfüllt. Würde ich sie also noch mal machen? Wahrscheinlich schon. Wenn auch heute mit schlechtem Gewissen.

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