Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über Zahnmedizin gewusst hätte

Als Zahnarzt wird Frederik Tröbs später in fremden Mündern herumfummeln. Hier erzählt der Student, wieso ihm das Spaß macht – und warum er für sein Studium schon mehr als 3000 Euro ausgegeben hat.
Aufgezeichnet von Benjamin Ansari
Wer Zahnmedizin studieren will, braucht handwerkliches Geschick (Symbolbild)

Wer Zahnmedizin studieren will, braucht handwerkliches Geschick (Symbolbild)

Foto: Tom Werner / Getty Images
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020.

Für die Fächer auf den ersten 30 Plätzen dieses Rankings gibt es jeweils ein Porträt – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Für die weiteren Porträts haben wir zusätzlich mit einbezogen, nach welchen Fächern besonders viele Menschen suchen. Weit oben stehen dann etwa Soziologie, Philosophie und Pharmazie. Grundlage ist hier eine Auswertung von Google für den Zeitraum 2021 bis September 2022.

Hinweis: Die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Zahnfleischtaschen säubern, Zysten entfernen, Füllungen legen, Zahnspangen anpassen, Kiefer röntgen, Zähne bohren, Implantate setzen: Zahnärzt:innen, Kieferorthopäd:innen und Oralchirurg:innen kümmern sich in Praxen, Klinken und Krankenhäusern um Wohl und Wehe des Mund-, Kiefer- und Zahnbereichs. Dafür braucht es naturwissenschaftliches Verständnis, Einfühlungsvermögen, Fingerfertigkeit – und ein abgeschlossenes Zahnmedizinstudium.

Frederik Tröbs, 24, hat erst eine Ausbildung zum Zahntechniker abgeschlossen und studiert jetzt im siebten Semester Zahnmedizin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Hier erzählt er, wieso er für das Studium schon über 3000 Euro bezahlen musste – und es dennoch gegen kein anderes tauschen würde.

Die Entscheidung fürs Zahnmedizinstudium

»Erzähle ich auf Partys, dass ich Zahnmedizin studiere, kommt meist die Reaktion: ›Boah, also das könnte ich ja nicht.‹ Klar, manche Patienten haben sehr ungepflegte Zähne, da kann ich den Ekel nachvollziehen – aber Zähne faszinieren mich schon immer sehr. Als Kind hatte ich selbst aufwendige Wurzelkanalbehandlungen und war oft beim Kieferorthopäden, schon damals fragte ich eifrig nach den Einzelheiten der Eingriffe.

Als Zahnarzt hat man so ein intimes Verhältnis zum Patienten, er ist dir total ausgeliefert. Man muss sensibel und empathisch sein, gut mit Menschen umgehen können und vor allem viel handwerkliches Geschick haben. Im Mund ist einfach wenig Platz. Um vernünftig agieren zu können, braucht es Fingerfertigkeit. Ich hatte für so was immer ein Faible.

Mein Abischnitt war gut, aber leider nicht ausreichend für das NC-Verfahren im Zahnmedizinstudium. Also ließ ich mich erst zum Zahntechniker in der Kunststofftechnik ausbilden, feilte drei Jahre lang an Prothesen, Kronen und Brücken. Dann machte ich den Medizinertest, das war echt heftig, schließlich durfte man den damals noch nur einmal im Leben ablegen. Zum Glück hatte ich ein gutes Ergebnis, konnte mir Ausbildung und Test anrechnen lassen und einen Studienplatz ergattern.«

Formale Voraussetzungen für ein Zahnmedizinstudium:

  • Wer Zahnmedizin studieren möchte, muss sich über das Portal hochschulstart.de  bewerben. Das Studium ist zulassungsbeschränkt und mit einem Numerus clausus, kurz NC, belegt.

  • 30 Prozent der Studienplätze werden unter den Abiturbesten nach Durchschnittsnote verteilt. Dafür braucht man einen sehr guten Abiturschnitt. Im Wintersemester 2021/2022 verlangten die meisten Hochschulen mindestens einen NC von 1,1 bis 1,2, stellenweise auch 1,3. 

  • Zudem gibt es eine Quote von zehn Prozent, bei der die Abinote unberücksichtigt bleibt, die sogenannte Zusätzliche Eignungsquote (ZEQ) . Hier spielen etwa die Ergebnisse des Tests für Medizinische Studiengänge (TMS), kurz Medizinertest, oder eine vorherige Berufsausbildung eine wichtige Rolle.

  • Die restlichen 60 Prozent der Studienplätze vergeben die Universitäten über eigene Auswahlverfahren. Hier zählt neben Eignungstests weiterhin die Abiturnote, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Inhalte und Aufbau des Studiums

»Ich studiere noch nach der alten Approbationsordnung, die das Studium in drei Phasen teilt: fünf Semester Vorklinik, fünf Semester Klinik und dann ein komplettes Semester Staatsexamensprüfungen. Zahnmedizin fordert einen ganz schön, es ist vom Lernaufwand her wie ein Vollzeitjob. Pro Semester sind wir nur 20 bis 30 Studierende, wie in einer Schulklasse fühlt sich das an.

In der Vorklinik mussten wir super viele naturwissenschaftliche Grundlagen lernen. In Biochemie, Chemie, Biologie oder Anatomie war Auswendiglernen angesagt: Wissen reinprügeln und wieder vergessen. Module wie Physiologie und Biochemie behandeln das ganze System Mensch, nicht nur das Segment Zähne. Da fragt man sich schon mal, wofür man das alles lernt – wenn man am Ende doch nur im Mund arbeitet.

»Zahnmedizin geht ganz schön ins Geld.«

Student Frederik Tröbs

In der Klinik wurde es dann spezifischer, wir beschäftigten uns mit Zahnerhaltung, dem Zahnhalteapparat und konservierender Zahnheilkunde wie Füllungen. Dieses Semester durfte ich erstmals echte Patienten behandeln, angeleitet von Assistenzärzten. Das war ein großer Motivationsschub.

Mir gefällt vor allem der Mix aus Wissenschaft und Praxis: Im Präpkurs sezierten wir Leichen, inspizierten Muskeln, Nerven und Knochen, schauten uns unter dem Mikroskop die inneren Organe an. In Phantomkursen behandelten wir Plastikköpfe mit Plastikzähnen, präparierten Zähne, nahmen Abdrücke, modellierten Kronen, formten Brücken. Da habe ich stark von meiner vorherigen Ausbildung profitiert, viele zahntechnische und -anatomische Inhalte kannte ich ja schon.

Leider geht Zahnmedizin ganz schön ins Geld: Fast alle Lehrbücher, Modelle, Geräte und Verbrauchsmaterialien müssen wir selbst kaufen. Bohrer und Artikulatoren, also Kiefergelenksimulatoren sind teuer, auch Plastikzähne à 1,80 Euro je Stück läppern sich, wenn man zigfach Abdrücke übt und Zähne beschleift. Insgesamt habe ich schon locker über 3000 Euro für mein Studium gezahlt. Da hilft mir mein Nebenjob, seit zwei Jahren arbeite ich im Kletterwald.«

Studienverlauf im Zahnmedizinstudium:

Der Studienaufbau ist prinzipiell an allen deutschen Hochschulen gleich und wird durch die Approbationsordnung für Zahnärzt:innen geregelt. Seit dem Wintersemester 2021/2022 gilt die neue zahnärztliche Approbationsordnung (ZApprO ).

Das Studium dauert mindestens zehn Semester und gliedert sich in drei Abschnitte, die jeweils mit einer mündlichen, schriftlichen oder praktischen Prüfung abschließen:

  • Im vorklinischen Studienabschnitt (1.-4. Semester) lernen die Studierenden vor allem naturwissenschaftliche Grundlagen aus der Physik, Chemie, Biologie, Biochemie, Physiologie und Anatomie. Sie müssen zudem eine Ausbildung in Erster Hilfe sowie einen Monat Krankenpflegedienst ableisten.

  • Das Phantomjahr (5.-6. Semester) ist sehr praxisorientiert, die Studierenden führen in sogenannten Phantomkursen zahnmedizinische Untersuchungen und Behandlungen an Plastikköpfen durch. Es geht nun um zahnmedizinische, werkstoffkundliche und zahntechnische Grundlagen, Prothetik, Kieferorthopädie, Oralchirurgie und Zahnerhaltung.

  • Der klinische Studienabschnitt (7.-10. Semester) schließt mit der zahnärztlichen Prüfung ab. Studierende müssen vorher die vierwöchige Famulatur absolviert haben sowie neue zahnmedizinische (Parodontologie, Radiologie etc.) und medizinische Inhalte (Pharmakologie, Dermatologie etc.) lernen.

Berufsaussichten nach dem Studium

»Die meisten in meinem Jahrgang wollen Zahnärzte in eigener Praxis werden. Ich würde aber gern noch die vierjährige Ausbildung zum Oralchirurgen anschließen, um kompliziertere Weisheitszahn-OPs, größere Implantate und chirurgische Eingriffe durchführen zu können.

Auch die Kinder- und Jugendzahnheilkunde interessiert mich sehr. Der Patientenkontakt ist mir wichtig, Kinder sind da im Handling einfach spannender, weil unberechenbarer. Dafür gibt es aber keine eigenständige Ausbildung, ich könnte mich im Joballtag einfach darauf spezialisieren.

Wer weiß, vielleicht kombiniere ich später im Job beides, und mache vor allem größere Eingriffe bei Kindern. Hauptsache, ich muss nicht in die Uniklinik. Forschung und Lehre reizen mich einfach nicht so sehr – sondern Handwerk und Patientenkontakt.«

Branchen und Gehälter:

Die meisten Absolvent:innen arbeiten nach dem Studium als allgemeinpraktische Zahnärzt:innen, viele davon niedergelassen in einer eigenen Praxis oder einer Praxisgemeinschaft.  Vorher müssen sie allerdings zwei Jahre Berufserfahrung als Assistenzzahnarzt oder -ärztin sammeln, erst dann dürfen sie mit genehmigter Kassenzulassung selbst gesetzlich Versicherte behandeln.

Alternativ können Absolvent:innen sich auch in drei Jahren zum/zur Kieferorthopäd:in bzw. in vier Jahren zum/zur Oralchirurg:in ausbilden, Assistenzarztzeit inbegriffen. Wem dieser Weg nicht lang genug ist, der kann auch noch Humanmedizin studieren und sich als Facharzt oder -ärztin für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie spezialisieren.

Das Mediangehalt von Zahnärzt:innen liegt laut der Plattform gehalt.de  bei 74.461 Euro brutto pro Jahr. 50 Prozent der erfassten Ärzt:innen verdienen also mehr, 50 Prozent weniger. Bei Kieferorthopäden:innen liegt der mittlere Verdienst laut gehalt.de  gar bei 99.866 Euro brutto im Jahr.

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