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Produktgestaltung nach dem Mauerfall "Design reflektiert, was in der Welt passiert"

Hat die Neugestaltung der Welt auch zu einer neuen Formensprache geführt? Ja, sagt die Kuratorin von "After the Wall. Design seit 1989". Erika Pinner erklärt, wie sich die Umbrüche seit dem Mauerfall in Dingen spiegeln.
Zur Person
Foto: Lucia Hunziker

Erika Pinner, Jahrgang 1987, ist Kuratorin im Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

SPIEGEL: Frau Pinner, am 3. November 1989 eröffnete das Vitra Design Museum, sechs Tage danach fiel die Mauer in Berlin. Nun feiern Sie mit der Ausstellung "After the Wall" dieses doppelte Jubiläum. Wie gehört beides zusammen?

Pinner: Der Fall der Mauer war ein globaler Bruch, es war ein neuer Anfang. Dass die Eröffnung des Museums mit dem Mauerfall praktisch zusammenfällt, ist natürlich reiner Zufall. Dennoch bedeutet es, dass wir seit dem Mauerfall alle wichtigen Entwicklungen im Design durch unsere Sammlungstätigkeit genau dokumentiert haben. Den Titel "After the Wall" wählten wir, weil ein solches historisches Ereignis den Menschen erlaubt, sich zu erinnern, wie es damals war: Wo war ich, was machte ich? Hatte ich ein Handy? Einen Computer? Eher nicht. Das Ende des Kalten Krieges und die Digitalisierung gehören zu den Ereignissen, die die vergangenen 30 Jahre stark geprägt haben. Und wir wollten zeigen, wie Design reflektiert, was in der Welt passiert.

SPIEGEL: An welche Dinge denken Sie da konkret?

Pinner: Etwa an die blaue Ikea-Tragetasche von 1996, die habe ich direkt an den Anfang der Schau platziert. Die Schweden eröffneten schon 1991 Filialen in Ungarn, Polen und der damaligen Tschechoslowakei. Ihre PS-Kollektion von 1995 bewarben sie mit Slogans wie: "Design wird demokratisch". Das greift den damaligen Wandel im Ostblock zu mehr Demokratie auf - um für Konsum und Kapitalismus zu werben, Design zugänglich zu machen.

SPIEGEL: Welches Objekt zeigt denn am besten, dass sich um 1989/90 alles veränderte?

Pinner: Der Sperrholzstuhl "Plywood Chair" von Jasper Morrison, den er bereits 1988 entwarf, war eine riesige Überraschung in der Designwelt. Er steht für jenen klaren Schnitt nach der 1980er-Postmoderne mit ihrem Humor, den Farben, der Leuchtkraft. Er steht am Beginn der Ausstellung, denn erst über ihn erschließen sich etwa die Entwürfe des "Chair No. 2" von Maarten Van Severen, der Uhr aus der PS-Kollektion von Ikea, des Smart und sogar des Schubladen-Möbels  von Tejo Remy "You can't lay down your memory".

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SPIEGEL: Und was verbindet diese Objekte?

Pinner: Sie reduzieren die Dinge aufs Wesentliche: in ihrer Form, dem Material, ihrem Witz. Morrison bringt die Idee eines Stuhls auf ihre spartanischste Formel. Remy stapelt Schubladen, zusammengehalten von einem simplen Gurt, es sieht wackelig aus.

SPIEGEL: Mit Blick auf die Liste Ihrer Ausstellungsstücke fällt noch etwas auf: Egal ob Remys Schubladenschrank, die Baumstamm-Bank von Droog, die May Day-Lampe von Konstantin Grcic - das ist Design, das multifunktional ist, erfindungsreich, wiederverwertet. Ansätze, die für DDR- wie Ostblock-Design üblich waren. Hat da der Osten den Westen beeinflusst?

Pinner: Interessanterweise hat Jasper Morrison seinen Sperrholzstuhl 1988 erstmals in West-Berlin präsentiert. Er hatte Mitte der Achtziger ein Jahr in Berlin studiert, als Projekt ein "Kaufhaus des Ostens" entworfen, das Alltagsgegenstände umwidmet, arbeitete dann erneut für ein halbes Jahr in Berlin. Er mag in Ost-Berlin gewesen sein und gesehen haben, wie aus dem, was vorhanden ist, Neues geschaffen wird. Mit der Mayday-Lampe von 1999, die nach Baulampe aussieht, aber für Wohnräume gedacht ist, assoziiere ich jedoch vor allem Y2K, also das Jahr-2000-Problem und die Angst, dass mit dem Millenniumswechsel der Notstand ausgerufen wird.

SPIEGEL: Am Anfang dieser 30 Jahre stand, wie Sie sagten, der Fokus auf Grundwerten im Design. Das galt auch anderswo zu der Zeit: in Form von Gleichheit, Freiheit, Demokratie. Zeigte sich auch das in Entwürfen?

Pinner: Auf der einen Seite gab es Wegweisendes wie das Parfüm CK One von 1994, das erste, das geschlechterübergreifend gedacht und vermarktet wurde. Das war eine Revolution. Aber was die Demokratisierung von Design angeht, dem Ansatz, Alltagsluxus erschwinglicher zu machen: Machen wir uns nichts vor, da schwingt das Funkeln in den Augen der Designer mit, wenn sie daran dachten, was sie nun all diesen neuen Konsumenten verkaufen könnten. Das ist in meinen Augen reiner Kapitalismus. Heute gibt es dagegen Objekte, bei denen es nicht darum geht, dass sie verkauft werden - sie stehen für mich noch mehr für Gleichheit und Gleichberechtigung.

SPIEGEL: An welche denken Sie?

Pinner: Sei es die Hartz-IV-Möbelserie von Van Bo Le-Mentzel, die 2010 kurz nach der Finanzkrise entstand, mit Anleitungen, die gratis zum Download verfügbar waren. Oder der Pussyhat, die pinkfarbene Strickmütze, die auf den Demonstrationen gegen Präsident Trump zum globalen Zeichen wurde: als Symbol einer Bewegung gegen die Hassrhetorik gegenüber Frauen und Minderheiten. Und, als Schlusspunkt unserer Ausstellung, das Teeter-Totter-Wall-Projekt, das die zwei Architekten des Studios Rael San Fratello 2019 an der Grenze zwischen den USA und Mexiko realisierten: vier Stahlträger als Wippen durch die Mauerstäbe geschoben, so dass Menschen auf beiden Seiten zusammen spielten. Das erinnert uns: Der Eiserne Vorhang mag vor 30 Jahren gefallen sein, aber noch gibt es zu viele andere Mauern. Es war mir wichtig, zu zeigen, wie Designer sich heute beteiligen, sie einzureißen.

Das Teeter-Totter-Wall-Projekt an der Grenze zwischen Mexiko und den USA ist ein Musterbeispiel für Design, das mehr soll als Kaufanreize schaffen

Das Teeter-Totter-Wall-Projekt an der Grenze zwischen Mexiko und den USA ist ein Musterbeispiel für Design, das mehr soll als Kaufanreize schaffen

Foto: Luis Torres/ AFP

SPIEGEL: Daran gemessen: Wie hat sich die Rolle der Designer in den 30 Jahren verändert?

Pinner: Sie arbeiten heute politischer und gesellschaftsorientierter. Auch deswegen wird der Designer Victor Papanek wieder populär, auch ihm hatten wir im vergangenen Jahr eine große Ausstellung gewidmet. Der Bereich hat sich geöffnet, das zeigt sich auch in unserem Museum. Wir sind bemüht, globale Perspektiven aufzuzeigen und uns Themen wie zum Beispiel Nachhaltigkeit, Inklusion oder soziale Gerechtigkeit zu widmen. Überhaupt hat sich die Art, wie wir Design definieren, gewandelt. Diese Veränderung ist überdeutlich, schaut man sich die Objekte in der Ausstellung chronologisch an: Am Anfang stehen Produkte im Vordergrund - am Ende Designkonzepte, die die großen Probleme unserer Zeit adressieren.


Die Ausstellung "After the Wall. Design seit 1989 " läuft noch bis zum 23. Februar 2020 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

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