Unions-Kanzlerkandidat und Werbemodelschauspielinvestorin: Simulation von Journalismus

Unions-Kanzlerkandidat und Werbemodelschauspielinvestorin: Simulation von Journalismus

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ROLF VENNENBERND / POOL / EPA

Armin Laschet trifft Sophia Thomalla Ausgeklüngeltes Marketingkonzept

Wahlk(r)ampf banal: Statt sich auf eine Diskussion mit dem YouTuber Rezo einzulassen, plaudert Armin Laschet lieber mit seiner Parteikollegin Sophia Thomalla. Mit erwartbarem Ergebnis. Eine Stilkritik.
Von Philipp Löwe

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Die Wahlkampfstrategen im Konrad-Adenauer-Haus werden diese Konstellation als das perfekte Match betrachten: Sophia Thomalla und Armin Laschet. Optisch trennen das schwer tätowierte Model, das sich gern in Unterwäsche oder Bademode auf Instagram inszeniert, und den Unions-Kanzlerkandidaten zwar Welten. Ms Mieder und Mr Bieder sozusagen. Inhaltlich harmonieren sie allerdings vorzüglich. Beide sind von Herzen Nordrhein-Westfalen, beide besitzen ein CDU-Parteibuch und beide wollen, dass Laschet Kanzler wird.

Dabei ist Thomalla »eigentlich kein großer Armin-Laschet-Fan«. Privat mag sie eher die kantigen Typen – einst den Rammstein-Sänger Till Lindemann, dann den Punkrocker Andy LaPlegua oder zuletzt den Fußballer Loris Karius. In der K-Frage gehörte die 31-Jährige dem Lager Merz an. Daher hat Laschet sie eingeladen in das neue TV-Studio der CDU. Damit er sie – unter den strengen Augen Adenauers hinter ihm an der Wand – von seinen Kanzlerqualitäten überzeugen kann. Spoiler: Es wird ihm gelingen. So wie es einst Angela Merkel gelungen ist, Thomalla für sich einzunehmen, nachdem sie sie 2017 zum Essen eingeladen hat.

Doch bevor es mit sieben Minuten Verspätung losgeht, können die Zuschauer Thomalla erst noch bei der Sprechprobe lauschen, weil ihr Mikrofon auf ist: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, in der Schule wird geschrieben.« Es ist halt immer noch irgendwie Neuland, dieses Internet. Dabei soll der Wahlkampf doch digital werden.

Die Sendung ist ein Teil der Reihe »Laschet trifft«. Darin befragt der Politiker seit seiner Zeit als Landeschef der CDU Nordrhein-Westfalen einmal im Vierteljahr ein Parteimitglied, »das etwas Besonderes macht«. In Thomallas Fall war das die Kritik am Vorsitzenden. Sie steht an diesem Abend stellvertretend für die vielen Parteimitglieder, die mit Laschet als Spitzenkandidat unglücklich sind.

Gleichzeitig liefert sie Glamour und 1,3 Millionen Follower allein bei Instagram. Außerdem darf sie ihrem Parteichef Steilvorlagen liefern, damit der sein Wahlprogramm abspulen kann: Kontinuität für Deutschland, Modernisierungsjahrzehnt, ein bisschen Umweltschutz, Generationengerechtigkeit, ein bisschen Aufstiegschancen und natürlich auch Integration.

Weil es zwischendurch menscheln muss, wie der Boulevard sagt, befragen sich beide auch zu ihren Lieblingsfußballvereinen (Alemannia Aachen und Schalke 04), und Laschet erzählt noch mal von seinem Bergarbeiter-Vater. Dessen Steigermarke hatte er bei seiner Bewerbungsrede hochgehalten. Für Thomalla wenig authentisch, sondern »Entschuldigung, very American«.

Später möchte Thomalla noch wissen, ob Laschet eher der unruhige Typ sei und wie es ihm so geht mit dem Gedanken, dass er bald Kanzler sein könnte. Ungewohnt sei es, so die Antwort. Dann sei da natürlich der »Respekt vor dem Amt«, und sowieso sei ja noch gar nichts gewonnen. Entschuldigung, very German.

Beweihräucherung und Reichweite. Was will man mehr als Kanzlerkandidat? Auch für Thomalla – Instagram-Selbstbeschreibung »Schauspielerin, Moderatorin, Werbegesicht, Berliner Investor« – dürfte sich das Treffen bezahlt machen. Sie wird von Laschet ausführlich zu ihrem Investment in ein Bau-Start-up befragt und lässt sich diese Werbegelegenheit natürlich nicht entgehen. Passenderweise spricht sie in diesem Zusammenhang vom »ausgeklüngelten« Marketingkonzept ihres Unternehmens.

Thomalla und Laschet: Das perfekte Match

Thomalla und Laschet: Das perfekte Match

Foto: ROLF VENNENBERND / POOL / EPA

Es war klar, dass hier keine großen Erkenntnisse oder gar eine kritische Auseinandersetzung zu erwarten waren. Viel gewinnen konnte Laschet bei der Facebook-Livesession allerdings auch nicht. In der Spitze sahen 503 Menschen zu. Die Reichweite schnurrte zusammen auf das Fassungsvermögen einer Kleinraumdisco in Wuppertal.

Dabei passte das gewählte Format eines Facebook-Livestreams eigentlich sehr gut zur Union. Facebook ist der Dinosaurier unter den sozialen Medien. Hier tummelt sich inzwischen überwiegend die Fraktion Ü-30 . Drei Viertel der Internetnutzer in Deutschland zwischen 30 und 39 Jahren nutzen das Netzwerk. Bei den 40- bis 49-Jährigen sind es noch 65 Prozent, zwischen 50 und 59 fast zwei Drittel und bei 60+ noch knapp die Hälfte. Also die Kernwählerschaft von CDU und CSU.

Die jungen Menschen trifft man woanders. Zum Beispiel auf YouTube oder Twitch. Also dort, wohin die YouTuber Rezo (»Die Zerstörung der CDU«) und Tilo Jung den Unionskandidaten und seine Konkurrenten von den Grünen und der SPD eingeladen hatten. Aber dieses Experiment wollte Laschet nicht wagen.

»Das sollten Journalisten machen, nicht Leute, die selbst auch besondere Aktivisten in bestimmten Sachen sind«, so Laschet auf Thomallas Frage, warum er sich dem Gespräch verweigerte und stattdessen ihr den Vorzug gibt. Außerdem sei das hier ja kein politisches Interview.

Stimmt. Eher die Simulation eines politischen Interviews.

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