Aufräumen für die Nachwelt Die neue Wegwerfgesellschaft

Die Schwedin Margareta Magnusson hat ein Buch übers Ausmisten vor dem Tod geschrieben. Dabei geht es ihr um die, die zurückbleiben. "Je weniger Zeug man hat, desto mehr Zeit bleibt fürs Leben", sagt sie.

Sie hat viele Plüschtiere, viele Bücher, viel Kleinkram. Nein, minimalistisch leer ist die Wohnung von Margareta Magnusson wirklich nicht. "Ich bin kein gutes Vorbild für das, was ich in meinem Buch rate", gibt sie am Telefon zu. "Aber es wird so langsam. Auch ich habe Schwierigkeiten, loszulassen."

"Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen" heißt dieses Buch auf Deutsch. Das schwedische Original wird da deutlicher: "döstädning" steht da, lose übersetzbar mit "Aufräumen vor dem Tod". Margareta Magnusson, Künstlerin, ist irgendwas zwischen 80 und 100 Jahre alt, genauer wird sie nicht.

Höchste Zeit also. Nur: Ums Sterben gehe es ihr nicht, sagt Magnusson irgendwann etwas genervt, sondern ums Leben. "Nehmt den Tod doch nicht so ernst", sagt sie. "Wir sind hier für eine Zeit, dann nicht mehr. So ist das eben." Und damit solle man sorgsam umgehen: "Je weniger Zeug man hat, desto mehr Zeit bleibt fürs Leben." Eben statt sie fürs Aufräumen zu verpulvern, fürs Entstauben, Putzen, Reparieren der Dinge, mit denen wir uns umgeben. "Wir alle haben zu viel angehäuft. Niemand braucht 12 Käseschneider!", sie klingt, als ermatte sie dieser Gedanke.

Magnussons Ansatz ist teils ernste Konsumkritik, netterweise auch an sich selbst gerichtet, teils eine Rüge gegen Gedankenlosigkeit, um mehr Verantwortung zu übernehmen - für Mitmenschen und die folgenden Generationen. "Warum sollen meine Kinder ihre kostbare Zeit dafür verschwenden, sich mit meinem Kram zu befassen?", so ihre rhetorische Frage. "Mit Dingen, von denen ich nicht mal mehr wusste, dass ich sie habe?" Sie spricht nicht einmal von "Besitztümern", sie sagt: "Krempel, Krempel und noch mehr Krempel".

Das Bedürfnis nach klaren Verhältnissen scheint drängend

Es ist derzeit, als ob sich der gesättigte Teil der Wegwerfgesellschaft neu erfindet: ausmisten, verzichten, überhaupt: Besitz beschwert. Eine Haltung, die man sich erst einmal leisten können muss. Was mit den internationalen Ratgeberbestsellern der Japanerin Marie Kondo anfing, deren Aufräummethode ("Nur behalten, was glücklich macht!") im Englischen unter "kondo-ing" längst zum Alltagsbegriff wurde, ging weiter mit Fumio Sasakis "Das kann doch weg!" über ein Leben mit drei Hemden und 147 weiteren Dingen auf 20 Quadratmetern, in Japan ein Bestseller, gerade auf Deutsch erschienen - und nun kommt der etwas geerdetere schwedische Ansatz mit Margareta Magnussons "döstädning" dazu.

Als müssten die Menschen dem weltpolitischen Chaos zwischen USA, Russland, Syrien, China und Nordkorea wie auch der - zumindest empfundenen - gesellschaftlichen Unübersichtlichkeit in Deutschland etwas entgegensetzen: indem sie im Privaten Ordnung schaffen.

Margareta Magnusson

Margareta Magnusson

Foto: Alexander Mahmoud

Wie drängend das Bedürfnis nach klaren Verhältnissen scheint, suggerieren auch die Neuerscheinungslisten dieser Wochen. Egal ob in der eigenen Wohnung mit Titeln wie "Besser aufräumen, freier leben", dem "Guide für einen minimalistischen Lebensstil", "Speed-Cleaning: Schneller putzen, mehr leben", Spirituelles wie "Minimalismus: Der neue Leicht-Sinn" oder "Wie wir mit ungesunden Gefühlen aufräumen" bis hin zu Ratgeberstapeln über "finanziellen Minimalismus".

Margereta Magnussons Buch hat etwas von der Plauderei einer älteren Dame bei Kaffee und Kuchen. Eine, die einem mal kurz die Perspektive zurechtrückt, ohne grantig zu werden. Ihre Ratschläge gleichen daher weniger einem knöchernen Selbsthilfebuch, in dem 25 Tipps - mit Ausrufezeichen! - verteilt werden, um in sieben Tagen - Ausrufezeichen! - ein besseres Leben zu führen!

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Magnusson, Margareta

Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen

Verlag: S. FISCHER
Seitenzahl: 160
Für 20,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

05.12.2022 13.14 Uhr

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Sie erzählt, dass sie alle Kochbücher entsorgt hat und nur noch jenes mit den eigens gesammelten Rezepten aufbewahrt. Dass sie eine Schachtel beschriftet hat mit "Bitte wegwerfen!", in die sie von Notizen, Liebesbriefen und zuletzt einem Stein, den sie mit jemandem am Strand fand, alles legt, was ihr am Herzen liegt - und die ihre Kinder bitte sofort in den Müll kippen sollen. Dass sie beim Aussortieren, wenn sie denn vor lauter Bücherschreiben dazu kommt, über ihre Dinge und damit auch über ihr Leben nachdenkt und sich auf die schönen Dinge konzentriert. Dass sie Tische und Teller gerne verschenkt, indem sie die Geschichten rund um diesen Gegenstand mitverschenkt, damit diese Erinnerungen weiterleben. Und, wie das bei älteren Damen so ist, wiederholt Magnusson sich dabei manchmal auch. Sei's drum. Denn was sie von all den anderen unterscheidet, die das Ausmisten predigen: Es geht ihr nicht nur um sich selbst - sie denkt an die, die zurückbleiben. Und deren Lebenszeit.

"Viele haben Angst vor dem Tod. Das ist traurig. Wir alle sollten es eines Tages schaffen, uns damit auseinanderzusetzen", findet Magnusson. Man könne ja anfangen, über döstädning zu reden, schlägt sie vor, "das ist nicht so schwer". Es gehe ja schließlich meist nicht um Existentielles. Nur um elf überflüssige Käseschneider.

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