Design für die Gesellschaft So retten wir die Welt

Menschen, Abgase und Müll werden mehr, die Ressourcen weniger. Gefragt sind Lösungen, die Spaß bringen - aber auch Lebensqualität. Eine Ausstellung in Hamburg zeigt Projekte, die das leisten sollen.

"Überleben durch Design", proklamierte Victor Papanek bereits 1971 in seinem Standardwerk "Design for the Real World". Soll heißen: Eine bessere Welt ist machbar. Der Design-Philosoph dehnte den Gestaltungsbegriff in gesellschaftliche Bereiche.

Dinge sollten nicht mehr nur für die Anwender hilfreich und schön sein, auch dem Hersteller und der Umwelt sollten sie dienen. Heute läuft das unter dem Namen Social Design. Die Idee ist also nicht neu, sie bekommt nur gerade viel Aufmerksamkeit. Denn Menschen, Treibhausgase und Müll werden mehr, aber die Ressourcen gehen zur Neige.

"Immer wenn die Welt im Krisenzustand ist, gibt es Gegenbewegungen: Zur Industrialisierung, nach dem Ersten Weltkrieg oder in den Sechziger- und Siebzigerjahren entstand Design mit sozialer Relevanz, Design für die Gesellschaft", sagt Angeli Sachs. Sie ist die Kuratorin der Ausstellung "Social Design" des Museums für Gestaltung Zürich, die gerade in Hamburg zu sehen ist. Gegliedert in sechs Bereiche - Urbaner Raum und Landschaft, Wohnen/Bildung/Arbeit, Produktion, Migration, Netzwerke und Umwelt - zeigt das Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) eine Reihe internationaler und lokaler Projekte, die eines gemein haben: Sie setzen Design als Werkzeug ein, um sozial und nachhaltig zu handeln.

Darunter sind die Gewinner des Turner Prize 2015. Assemble: eine Gruppe junger Architekten, Designer und Künstler, die das Liverpooler Arbeiterviertel Toxteth neu geplant und gebaut haben - zusammen mit dessen Bewohnern. Die "Granby Four Streets" sind ein Musterbeispiel für bezahlbaren und lebenswerten Wohnraum. Die alten Arbeiterhäuser wurden renoviert und um einen Nachbarschaftstreff erweitert. Aus der Möbelwerkstatt für die Inneneinrichtung der Häuser ist inzwischen ein Geschäft geworden. Der Granby Workshop produziert nun auch für externe Auftraggeber. So gab es neben Lebensraum für manche Menschen vor Ort auch gleich noch Lebensunterhalt.

Gutes Social Design erfüllt für Sachs die folgenden Kriterien: Partizipation, Dialog, Transparenz, Transformation und Nachhaltigkeit. "Neben der sozialen Komponente ist aber natürlich auch die gestalterische Qualität wichtig", schiebt sie hinterher. In der Besonderheit des Social Designs liege aber oftmals auch eine Herausforderung. Die Einbeziehung der Zielgruppe in die Entwicklungsschritte mache Produkte oder Konzepte zwar besser, den Designprozess aber nicht unbedingt einfacher.

Dass es sich trotzdem lohnt, beweist das Projekt Hic et Nunc (deutsch: Hier und Jetzt) der Züricher Hochschule der Künste. Studierende tauschten sich mit den Bewohnern einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende aus. Gemeinsam machten sie aus der tristen Halle 9 im Übergangszentrum in Zürich-Oerlikon einen lebenswerteren Ort. Es gibt dort nun Rückzugsräume für Frauen, eine kleine Fitnessecke und den Prototyp einer Veranda, der die Wohneinheiten zumindest um eine halbprivate Sphäre erweitert. Alles ist hell und freundlich gestaltet.

Hilfe zur Selbsthilfe

"Es ist nicht Sozialarbeit." Das ist Tulga Beyerle, der neuen Direktorin des MKG, wichtig. "Es geht immer um Prozesse, die eine Wirkung entfalten", sagt sie. "Ermächtigung ist ein wichtiger Aspekt."

Ein gutes Beispiel dafür ist das Berliner Projekt Cucula. In einer Werkstatt in Kreuzberg zimmern Geflüchtete Designermöbel nach Entwürfen des Italieners Enzo Mari. Die Teilnehmer erhalten so nicht nur eine Beschäftigung in Form eines Tischlereipraktikums und werden für handwerkliche Berufe fit gemacht, sie bekommen auch Rechtsberatung und ein soziales Netzwerk. Darüber hinaus gibt es Einblicke in die Geschäftsführung. Fähigkeiten, die nützlich sind, ob nun hier oder in den Heimatländern.

Was die Mitarbeit an einem solchen Projekt ausmachen kann, lässt sich auch in einem Brief ablesen, den die Ausstellungsmacher zeigen. Darin schreibt eine Teilnehmerin des Hamburger Modeprojekts Vagabunt, wie sehr sie an ihrer Teilnahme gewachsen sei. 2014 als Nähprojekt für Straßenkinder gestartet, entwickeln dort mittlerweile auch junge Mädchen mit Gewalterfahrung Modekollektionen und Selbstvertrauen.

Weil es aber auch in direkter Nachbarschaft zum MKG Menschen mit Problemen gibt (seit 1994 befindet sich hier das Drob Inn, Deutschlands erste Fixerstube und ein zentraler Anlaufpunkt für die Hamburger Drogenszene), war für Museumschefin Beyerle klar: "Es ist schwer, eine Social-Design-Ausstellung zu machen, ohne die gesellschaftlichen Probleme im Umfeld zu berücksichtigen."

Im Rahmen eines temporären Projekts werden deshalb alle Anrainer mit Behörden, Architekten und Designern vernetzt, um dann gemeinsam zu überlegen, wie der öffentliche Raum so gestaltet werden kann, dass es für alle eine Verbesserung darstellt. Ziel ist es, über das gemeinsame Arbeiten eine achtsame Haltung zueinander und zum gemeinsamen Raum zu gewinnen. "Design for the Real World" eben.


"Social Design" bis 27. Oktober 2019 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg .

Der SPIEGEL WISSEN und SPIEGEL ONLINE vergeben seit 2014 gemeinsam mit Bauhaus jährlich den " Social Design Award", der immer unter einem besonderen Aspekt steht - etwa "Nachbarschaft" oder "Wohnen in der Zukunft" . Sämtliche Gewinner werden im Rahmen der Ausstellung vorgestellt.

Wer kann beim Social Design Award 2019 mitmachen?
Jeder, der eine gute Idee für neues Wohnen hat! Mehr Informationen und das Einreichungsformular finden Sie hier.

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