Ermächtigungsarchitektur Herr Doshi baut eine bessere Welt

Balkrishna Doshi legte vielen Menschen den Grundstein für ein besseres Leben. 2018 gab es dafür den Pritzker-Preis. Eine neue Ausstellung zeigt, wie der Corbusier-Schüler mit Häusern gegen Ungleichheit kämpft.
Von Philipp Löwe

Balkrishna Doshi - 92 Jahre, Tweedjackett, grüner Pullunder, grünes Hemd, Jeans und Slipper - hat sich nie verstanden als jemand, der Häuser baut. Menschen brauchen keine Häuser, sie brauchen ein Heim. Balkrishna Doshi ist: "die Person, die ihnen hilft, ihren Lebensraum zu feiern", so sieht er es. Im Mittelpunkt seiner Architektur steht der Mensch. Nicht ein Mensch, wie bei vielen großen Architekten, sondern die Menschen - vor allem die weniger privilegierten, von denen es viele gibt in seiner Heimat Indien. "Architektur für den Menschen " lautet daher auch der Titel einer aktuellen Ausstellung über Doshi.

Die Retrospektive war lange geplant, bevor Doshi 2018 den Pritzker-Preis bekam, als erster Inder überhaupt. Die Auszeichnung ist aber ein Glücksfall - für die Ausstellungsmacher und für Doshi, dessen Arbeit dadurch endlich einer größeren Öffentlichkeit bekannt wird. Nach der Preisvergabe bezeichneten viele Medien ihn als "Architekt der Armen". Mit dem Titel kann er wenig anfangen. Armut ist für den gläubigen Hindu, der selbst fast keinen Besitz hat, keine Frage des Geldes. Weil keines zu haben, aber auch nicht gut ist, versucht Doshi, mit seiner Arbeit den Menschen stets zwei Dinge zu geben: Ein Heim und eine Perspektive, sozusagen den Grundstein für ein besseres Leben.

Ein gutes Beispiel dafür ist Aranya, eine Sozialbausiedlung am Rand der zentralindischen Stadt Indore. Auf einer Fläche so groß wie 120 Fußballfelder schuf der Architekt dort mehr als 6.500 Wohneinheiten - von einfachen Zimmern bis zu geräumigen Wohnungen, die Platz und bezahlbaren Wohnraum für rund 80.000 Mieter verschiedener Einkommensstufen boten. Das Außergewöhnliche ist, die Häuser wachsen mit den Menschen. Wenn sie zu Geld kommen oder Nachwuchs unterwegs ist, können die Bewohner ihr Reich erweitern, indem sie aufstocken oder Räume anbauen.

Heute ist Aranya eine bunte Ansammlung kleiner Häuser. Manche haben Dachterrassen, andere kleine Vorgärten, manche beides. Teilweise sind die Häuser bis an den Rand der Parzellen ausgebaut, während nebenan auf kleinem Raum gelebt wird. Die Fassaden sind gelb, grün oder rosa, meistens jedoch ziegelrot, wie es in der Gegend üblich ist. Doshi nutzt für seine Bauten nämlich immer lokale Techniken, passt sie örtlichen Bedingungen und Traditionen an. In Aranya sind die Häuser an der Nord-Süd-Achse ausgerichtet. Das reduziert die Sonneneinstrahlung und spart die Klimaanlage.

Gebäude sind für Doshi nichts Statisches. Dass die Menschen sich seiner Bauten bemächtigen, stört ihn keineswegs. "Was ist schon ein Architekt", fragt er. "Wenn sie es ändern wollen, ändern sie es." Es geht für ihn in seinem Beruf vielmehr um ein Verständnis für psychologische und soziale Verhaltensweisen. "Menschen verletzt man nicht, man macht sie glücklich." So einfach ist das für ihn.

Am wichtigsten beim Hausbauen sei deshalb die Fähigkeit, sich in jemanden hineinzuversetzen, sagt er. Das sei auch der Grund, weshalb seine Kunden ihm die Treue hielten, selbst wenn er sich nicht immer an deren Vorgaben gehalten habe. "Sobald du verstanden hast, was die Bedürfnisse eines Menschen sind, welches Leben er führen möchte, wirst du sein Freund. So entsteht etwas, dass kein Kompromiss mehr ist."

Häuser gegen das Kastenwesen

Doch in gewisser Weise ist Aranya auch ein Fehlschlag, denn längst leben dort keine Slumbewohner mehr. Die Menschen dort haben ihre Chancen genutzt und sind aufgestiegen, aber nicht ausgezogen. Heute ist es eine Mittelstandsgegend. Etliche Bewohner haben vor Ort kleine Betriebe gegründet. Das liegt auch am Grundriss. Denn eine Wohnsiedlung ist zunächst einmal nur eine Schlafstadt. Deshalb fragt Doshi sich bei seinen Projekten immer, wie er sie mit Leben füllen kann. Bei Bauvorhaben dieser Größenordnung löst er das meist über das Raster: Außen herum die Hauptverkehrsachsen, in der Mitte eine zentrale Fußgängerachse mit Läden und Handwerksbetrieben als Anziehungspunkt für Menschen im Viertel und von außerhalb.

Im besten Fall können durch so ein Wegemanagement sogar Hierarchien aufgebrochen werden. So wie bei den Unterkünften, die Doshi 1973 für die Life Insurance Company plante. Unten wohnen die Wohlhabenderen, oben die mit weniger. Zu ihren Wohnungen gelangen alle über dieselbe Treppe, sodass sie sich zwangsläufig unter die Augen treten müssen. Das ist mindestens ungewöhnlich für ein Land mit Kastenwesen.

Die Vorstellung davon, was Architektur eigentlich ist und sein kann, hat Doshi aus Paris mitgebracht, von seinem Lehrmeister Le Corbusier. Vier Jahre ging Doshi in dessen Büro in die Lehre, anfangs ohne ein Wort Französisch zu sprechen und krank vor Heimweh. Aber es hat sich gelohnt. Der große Modernist war mehr als ein Guru für ihn. "Corbusier war wie ein Großvater für mich, sehr liebenswürdig. Er sprach nicht gern Englisch, aber er nahm sich Zeit für mich. Er setzte sich mit mir hin und erklärte mir alles über Architektur." Die wichtigste Lektion? "Lebe! Sei Teil der Natur und integriere sie."

Video: Balkrishna Doshi führt durch Institute of Management

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Wie das aussieht, zeigt sich am Indian Institute of Management in Bangalore. Die von außen fast komplett zugewachsene Wirtschaftsschule ist die Synthese von Doshis Schaffen: Der Stil ist brutalistisch, aber das Gebäude beruht auf einem Konzept für die Stadt Fatehpur Sikri aus dem 16. Jahrhundert. Aus einem System von Fluren, Säulengängen, Höfen und Freiflächen schuf Doshi einen lebenden Ort der Begegnung und der Lehre. Im Inneren zeugen zahlreiche Pflanzen von der Naturliebe des Architekten. "Wenn du keine Ehrfurcht hast", sagt er, "dann brauchst du gar nicht erst bauen."

"Balkrishna Doshi. Architektur für den Menschen ", Vitra Design Museum, Weil am Rhein, bis 8. September 2019.

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