Foto: Tasos Katopodis / POOL / EPA-EFE / Shutterstock

Outfits bei Joe Bidens Amtseinführung Funktionsjackenträger unter Funktionsträgern

Der Neupräsident kam im blauen Zwirn, seine Vize wählte Violett – aber der, über dessen Äußeres am meisten diskutiert wird, erschien in Anorak und Strickhandschuhen. Drei Musterbeispiele für politische Inszenierung.
Von Philipp Löwe

Joe Bidens Rolle bei der Veranstaltung am Mittwoch war klar: Er sieht sich als Präsident aller Amerikaner, derer, »die mich gewählt haben, und derer, die es nicht getan haben«. Sein Wunsch ist es, das Land wieder zu einen. Ein extravagantes Outfit passt da nicht ins Bild. Vollkommen unfestlich sollte die Kleidung zu solch einem feierlichen Anlass natürlich auch nicht wirken. Außerdem muss sie authentisch sein und zum Träger passen. Ein dunkelblauer Anzug aus Wolle ist da die passende Wahl, er ist die Allzweckwaffe, die in keinem Kleiderschrank eines Mannes fehlen sollte.

Modische Allzweckwaffe: Joe Biden in seinem dunkelblauen Anzug, neben seiner Frau Jill

Modische Allzweckwaffe: Joe Biden in seinem dunkelblauen Anzug, neben seiner Frau Jill

Foto: Evan Vucci / AP

Biden entschied sich – wie der Second Gentleman Douglas Emhoff – für ein Modell von Ralph Lauren, der mit seinem gleichnamigen Modelabel seit 40 Jahren den Inbegriff US-amerikanischer Luxusmode liefert. Außerdem ist Lauren ein Sohn jüdischer Einwanderer aus der Bronx – und passt damit perfekt in die inklusive Agenda des Gespanns Biden-Harris, die ja eine 180-Grad-Wende zu Trumps Hate-Presidency angekündigt haben.

Ein Ralph-Lauren-Anzug in den USA ist praktisch die Levi's-Jeans für den Politikbetrieb und in etwa so anstößig wie ein Hugo-Boss-Anzug im Bundestag: eine patriotische Kleiderwahl, die der Situation angemessen ist und niemanden aufregen dürfte. Zumindest niemanden, auf den es ankommt.

Politische Farbenlehre

Bidens progressive Vizepräsidentin Kamala Harris entschied sich für ein violettes Outfit, genauso wie Hillary Clinton und Michelle Obama. Das wurde von vielen als Verneigung vor den Suffragetten gelesen. Zu den Farben der Frauenrechtlerinnen zählen neben Weiß und Gelb – diese Farbe wählte die junge Dichterin Amanda Gorman für ihren bemerkenswerten Auftritt – auch Lila. Andere deuteten die Farbe in ihrer Mischung aus Blau und Rot als optischen Brückenschlag zwischen Demokraten und Republikanern.

Bekennt Farbe: Kamala Harris

Bekennt Farbe: Kamala Harris

Foto: Andrew Harnik / AP

Entworfen hat das Outfit Christopher John Rogers. Der Designer wurde 2019 ausgezeichnet vom US-Modeverband Council of Fashion Designers of America und zählt neben Modemachern wie Kerby Jean-Raymond und Telfar Clemens zur Riege aufstrebender schwarzer Modemacher in den USA. Elegant, unkonventionell und modern: Die Kombination für Harris war ein wenig dezenter als das, was Rogers sonst macht, aber damit genau angemessen für den Anlass, die Person und ihre Zielgruppe.

Grumpy-Chic und Anti-Style

Farblich eher unauffällig war Bernie Sanders unterwegs – und bekam doch die größte Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Der besonders bei jungen und linken Demokratinnen und Demokraten gefeierte, aber wieder mal unterlegene Präsidentschaftsaspirant und seine karierten Fäustlinge sind für viele das Thema der Stunde. Da fläzte also der vom Partei-Establishment Verschmähte in seinem Stuhl, die Beine von sich gestreckt, die behandschuhten Hände vor dem Bauch gekreuzt und tat möglichst wenig – und damit alles, um klarzumachen, dass er mit diesem Spektakel nichts am Hut hat.

Vielsagender Anti-Style: Bernie Sanders bei der Inauguration

Vielsagender Anti-Style: Bernie Sanders bei der Inauguration

Foto: Brendan Smialowski / AFP

Längst ist bekannt, dass #berniesmittens , so der zugehörige Handschuh-Hashtag, ein Geschenk einer Lehrerin aus Vermont waren, dem Bundesstaat, den Sanders im US-Senat vertritt. Wie es der Zeitgeist verlangt, sind sie nachhaltig produziert; via Twitter erklärte die Herstellerin Jen Ellis, dass die braun-beigen Fäustlinge aus alten Wollpullis anfertigt seien, das verarbeitete Fleece stamme aus recycelten Plastikflaschen. Inzwischen gibt es sogar einen Twitteraccount  für die Fäustlinge und auch eine Strickanleitung .

Eine Botschaft an seine Fans und die Wählerschaft war auch der Anorak, in den sich Sanders gegen die Washingtoner Kälte hüllte. Größer hätte der Kontrast zu all dem edlen Zwirn um ihn herum nicht sein können als in einer hellbraunen Funktionsjacke. Zumal der Hersteller gleichfalls in Vermont sitzt. Eine Gelegenheit, die sich Burtons Marketingabteilung natürlich nicht entgehen ließ – und prompt die Anleitung zum Nachstylen twitterte:

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Jacke war ebenfalls ein Geschenk, wie Sanders' Ehefrau Jane hinterher bei Twitter verkündete . In dem Fall von ihrem Sohn, der in der Vergangenheit mit dem Sportartikelhersteller an einer Bernie-Sanders-Gedächtnisjacke gearbeitet hatte. Nur, dass des Vaters Modell ohne aufgedrucktes Bernie-Konterfei auf der Rückseite auskommt.

DER SPIEGEL

Bernie Sanders, der uneitle, dem Pathos abgeneigte, bodenständige Politiker also? Sicher unterscheidet ihn manches von seinen Kolleginnen und Kollegen im US-Politikbetrieb. Doch in gewisser Weise hat er sich mit seinem demonstrativen Anti-Style genauso in Szene gesetzt. Bernie Sanders, Miesepeter der Herzen.