"Ich fühlte mich sehr wohl bei ihm": Bibbe Hansen mit Andy Warhol 1965 in New York
"Ich fühlte mich sehr wohl bei ihm": Bibbe Hansen mit Andy Warhol 1965 in New York
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© Bob Adelman Estate

Künstlerin Bibbe Hansen über ihre Zeit in der "Factory" "Andy Warhol hätte Instagram geliebt"

"Die Magie liegt im Makel", lehrte Warhol sie. Hier spricht Bibbe Hansen über ihre Jugend in New York, ihren Vater, den Künstler und Fluxus-Mitbegründer Al Hansen - und über ihren Sohn, den Popstar Beck.
Von Brigitte Steinmetz

SPIEGEL: Frau Hansen, was genau haben Sie mit Marcel Duchamp zu tun?

Hansen: Genauso gut könnten Sie fragen: Was hat jeder lebende Künstler mit Marcel Duchamp zu tun? Sein Einfluss war gewaltig und wirkt immer noch nach. Alles, was uns neu und revolutionär erscheint, ist von ihm geprägt. Readymades, Punk, Instagram.

SPIEGEL: Duchamp wurde weltberühmt mit einem signierten Urinal, sein Beitrag zur Weltausstellung 1917 in New York. Dank ihm dürfen Nachahmer wie Maurizio Cattelan bei der Art Basel in Miami eine Banane an die Wand tapen, und Sammler zahlen für dieses "Think Piece" 120.000 Dollar. Ist das nicht die Perversion seiner Idee?

Bibbe Hansen

Bibbe Hansen, geboren 1952, war das jüngste Mitglied in Andy Warhols Factory. Sie ist die Mutter des Musikers Beck (geboren 1970) und die Tochter des Fluxus-Gründers Al Hansen (1927–1995). In der neuen Dokumentation "Marcel Duchamp - The Art Of The Possible" (bei Amazon) erklärt sie - neben Jeff Koons, Ed Ruscha, Marina Abramovic und anderen Popart-Ikonen - was den Konzeptkünstler und Dadaisten Duchamp unsterblich macht.

Hansen: Warum? Es ist genau das, was Duchamp beabsichtigte. Ein Werk war für ihn unvollendet, solange es kein Aufsehen erregte oder die bestehende Ordnung schockierte.

SPIEGEL: Reden wir über Sie. Als kleines Mädchen schliefen Sie auf einem Stapel Mäntel im Nebenzimmer, wenn Ihr Vater sich mit Marcel Duchamp und anderen Mitgliedern der New Yorker Bohème zu konspirativen Happenings traf.

Hansen: Ich war oft genug auch aktiv bei diesen Happenings dabei. Sagen wir: Ich hatte eine chaotische Kindheit, aber auch eine sehr inspirierende. Wenn es meinen Eltern gut ging, bekam ich Schauspiel- und Tanzunterricht. Jack Kerouacs Tochter Jane war mit mir in einer Klasse, wir nahmen sogar mal eine Single zusammen auf, die ein Hit in der kanadischen Hitparade wurde. Aber ich war auch ein Straßenkind. Meine Mutter war heroinsüchtig, mein Vater ebenso genial wie unzuverlässig. Wenn ich heute Bilder von mir als junges Mädchen sehe, denke ich, so zynisch war ich nie mehr wieder.

SPIEGEL: Sie waren das jüngste Mitglied in Andy Warhols Factory. Was hatten Sie als Dreizehnjährige dort verloren?

Hansen: Andy Warhol umgab sich mit Menschen, die er interessant fand. Alt oder jung, schwarz oder weiß, Transe oder Muskelmann. Er war inklusiv, bevor wir ein Label dafür hatten. Ich fühlte mich sehr wohl bei ihm. Die Factory war eine Oase der Ruhe im Vergleich zu meinem gewohnten Leben. Als mein Vater mich Andy Warhol vorstellte, kam ich gerade aus der Jugendstrafanstalt.

SPIEGEL: Wofür saßen Sie ein?

Hansen: Alles Mögliche – Speed. Ich war schon sehr außer Kontrolle. Am ersten Tag nach meiner Entlassung nahm mein Vater mich mit in Stark’s Coffee Shop am Broadway in New York. Roy Lichtenstein lud uns auf eine Runde Cheeseburger ein. Andy Warhol saß mit am Tisch. Ich verschlang nur meinen Burger. Irgendwann fixierte Andy mich und fragte: "Und was machst Du so?" Mein Vater verkündete stolz: "Sie kommt gerade aus dem Knast." Das faszinierte Andy. "Darüber müssen wir einen Film machen", sagte er. "Okay", sagte ich.

SPIEGEL: Wussten Sie, mit wem Sie es zu tun hatten?

Hansen: Schon irgendwie, aber es beeindruckte mich nicht. Ich war einfach ein abgebrühter kleiner Feger.

SPIEGEL: Von dem Film "Prison" mit Ihnen und Factory-Superstar Edie Sedgwick existiert angeblich nur eine Kopie.

Hansen: Ich habe den Film auch erst vor Kurzem in einem Museum zum ersten Mal seit Jahrzehnten gesehen. Mein Gott, was hatte ich für einen harten Blick. Ich fühle mich heute mit 68 jünger und unschuldiger als mit 13.

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Aus Bibbe Hansens Fotoalbum

Foto: Hansen Archives

SPIEGEL: Bei Ihrem Einzug in die Factory nahm Edie Sedgwick sie unter ihre Fittiche. Was haben sie den ganzen Tag gemacht?

Hansen: Wir schauten Andy bei der Arbeit zu und schminkten uns stundenlang und hingebungsvoll.

SPIEGEL: Heute laden Mädchen so was bei YouTube hoch.

Hansen: Viel anders war das bei uns auch nicht. Nur, dass wir Speed einwarfen, während wir uns falsche Wimpern anklebten.

SPIEGEL: Klingt nicht nach dem idealen Kinderhort.

Hansen: Ach, viele Leute waren schockiert von den ach so wilden Orgien in der Factory. Wahrscheinlich, weil wir sehr viele bourgeoise Besucher hatten. Die waren so was nicht gewohnt. Zu meiner Zeit, Mitte der Sechziger, wurde dort mehr gearbeitet als gefeiert. Ja, es wurden Drogen konsumiert, aber erst nach Feierabend. Wenn ich Pot rauchen wollte, musste ich aufs Dach. Was ich in den Junkiebuden meiner frühen Jugend erlebt habe, war wesentlich schlimmer.

SPIEGEL: Was haben Sie außer dem perfekten Wimpernschwung gelernt in der Factory?

Hansen: Die Grundlagen meiner Lebensphilosophie. 1965 durfte ich Andy zusammen mit Gerard Malanga bei den Siebdrucken assistieren. Es war seine Blumen- und Brillo-Packungen-Phase. Ich werde nie vergessen, wie wir einmal voller Stolz mit einem Schwung perfekter Blumen von den Druckern kamen und Andy uns nach kurzer Inspektion wieder zurückschickte. Die Drucke waren zu perfekt. Die Magie, lehrte er uns, liegt im Makel.

SPIEGEL: Das hat er auch von Duchamp, oder? Der klebte einst sein Monumentalwerk, "Das Große Glas", das beim Transport von Brooklyn nach Deutschland zersplitterte, extra so zusammen, dass die Bruchstellen sichtbar blieben.

Hansen: Das ist doch das Wunderbare an Duchamps Idee; er hat uns befreit von allen akademischen Zwängen. Kunst braucht Anarchie!

SPIEGEL: Was sagt es über unsere Kultur, wenn heute Influencer Bilder von ihrem Mittagessen teilen?

Hansen: Sollen sie, wenn es sie glücklich macht. Snobismus ist doch so passé. Ich betrachte mich als Teil einer riesigen Kollaboration. Instagram ist wie eine gigantische Jazz-Band, in der jeder improvisiert. Entweder ich halte mir die Ohren zu, oder ich greife den Ton auf und füge meine eigene Melodie hinzu.

"Mein Vater war seiner Zeit sehr weit voraus"

SPIEGEL: Was sind 15 Minuten Ruhm gegen 15 Millionen Follower?

Hansen: Ich weiß nur: Andy Warhol hätte Instagram geliebt! Allein schon für die Größe des Publikums. Kunst verbindet Menschen, und gerade in Zeiten wie diesen sehnen wir uns nach ihr. All die Kritiker, die Instagram für den Untergang der Kultur halten, müssen sich jetzt eingestehen: in Zeiten von Corona, wo Museen und Galerien geschlossen bleiben und Konzerte verboten sind, ist Instagram beinahe alles, was wir haben!

SPIEGEL: Sie selbst waren eine Weile auf der Second Life Plattform aktiv – inzwischen eine virtuelle Geisterstadt.

Hansen: Aber ein großer Spaß. Mein Avatar "Bibbe Oh" belebte dort die berühmten Happenings meines Vaters wieder.

SPIEGEL: Ihr Vater, Al Hansen, war Mitbegründer der Fluxus-Bewegung und hat Happenings als Kunstform miterfunden. Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg schubste er ein Klavier vom Dach eines ausgebombten Mietshauses, um zu hören, wie der Aufprall klingt.

Hansen: Mein Vater war seiner Zeit einfach sehr weit voraus. Er war es auch, der mich in den Achtzigern in Los Angeles mit Punkmusik bekannt machte. Das sollte doch eigentlich umgekehrt laufen, oder? Ich lebte damals mit meinem ersten Ehemann, dem Musikproduzenten David Campbell, und unseren gemeinsamen Söhnen ein nahezu bürgerliches Leben als Hollywood-Hausfrau. Mit dem war es nach fünf, sechs Jahren vorbei.

SPIEGEL: Sie trafen Ihren zweiten Mann, den Punk-Kunst-Aktivisten Sean Carrillo, als Sie 27 waren und er fünfzehn war. Skandal?

Hansen: War uns egal. Vierzig Jahre später sind wir immer noch zusammen. Es waren wildere Zeiten. Nach der Scheidung lebte ich mit meinen Söhnen Beck und Channing in einer winzigen Wohnung in der Pico Union-Nachbarschaft von Los Angeles. Ich schmierte Sandwiches für Punker, drehte mit meinem jungen Geliebten Dokus über die alternative Szene und machte auch selbst Musik. Daraus entwickelte sich später das "Café Troy". Ein multikultureller Salon für Künstler aller Art. Zu dessen Blütezeit, Anfang der Neunziger, war Beck schon berühmt.

SPIEGEL: Die Karriere Ihrer Söhne verlief vergleichsweise geradlinig.

Hansen: Stimmt, ich frage mich manchmal, von wem sie das haben. Mein jüngerer Sohn Channing hat sogar einen Abschluss von der Kunstakademie in San Francisco. Und Beck ist der erste in unserer Familie, der mit Kunst wohlhabend geworden ist. Als Popstar ist das natürlich auch einfacher als für Performancekünstler.

SPIEGEL: Nur gute Gene oder auch gute Erziehung?

Hansen: Ich kann mich nicht mit Becks Talent schmücken – er ist damit zur Welt gekommen. Ich habe nur eine einigermaßen sichere Basis beigesteuert. Jedenfalls im Vergleich zu meiner Jugend. Der Schlüssel ist, denke ich, ihnen Ressourcen zur Verfügung zu stellen und nicht im Weg zu stehen. Es bringt nichts, dein Kind zur Kreativität zu zwingen. Wir hatten überhaupt kein Geld. Aber weil bei uns ständig irgendwelche Musiker abhingen, lag auch immer irgendwo eine Gitarre griffbereit. Beck flüchtete aus der Enge unserer Wohnung oft in die Central Library. Das Notenlesen hat er sich dort selbst beigebracht.

SPIEGEL: Haben Sie ein gutes Verhältnis?

Hansen: Ich bin sein größter Fan. Seine Söhne kommen mich im Hudson Valley besuchen, wo ich seit ein paar Jahren mit meinem Mann Sean lebe. Zwei Stunden Zugfahrt von New York City - aber es gibt dort Biomärkte und eine Kunstszene wie in Brooklyn. Wir hatten für diesen Sommer zum 25. Todestag meines Vaters einen Al-Hansen-Tribute geplant, meine Söhne, meine Enkel und ich. Wer weiß, was daraus wird.

SPIEGEL: Ihr Vater lebte zuletzt in Köln.

Hansen: Ja, in den Achtzigern war Köln die aufregendste Kunststadt der Welt. Seine "Ultimate Academy", die er dort mit seiner Partnerin Lisa Cieslik gründete, besteht immer noch. Aber er starb bettelarm, in einer Zweizimmerwohnung ohne Bad. Im Gegensatz zu Duchamp und Warhol bedeutete ihm Geld sehr wenig.

SPIEGEL: Ist es heute schwieriger zu provozieren?

Hansen: In unseren Kreisen auf jeden Fall. Das Provokanteste, was man da tun kann, ist, erzkonservativ zu sein. Ich lebe lieber weiter nach der fundamentalen Idee Duchamps.

SPIEGEL: Die wäre?

Hansen: Regel Nummer eins: Es gibt keine Regeln. Regel Nummer zwei: Siehe Regel Nummer eins.

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