Stadtteilbibliothek in New York Lesen kann man hier übrigens auch

Am Ufer des East River wurde ein besonderes Haus gebaut - mit edler Ausstattung und Blick auf Manhattans Skyline. Kein Hort für Superreiche, sondern die neue Hunters Point Library.

Erik Pendzich/ Shutterstock

Wäre dieses Gebäude ein Wohnhaus, hätten Makler wohl keine Probleme, Käufer zu finden. Ein mehrfach preisgekrönter Architektenbau direkt am East River, hervorragende Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr, unverbaute Sicht auf das United Nations Building und ein Lesegarten mit Ginkgobäumen. Dazu eine hochwertige Ausstattung mit offenen Treppen und Räumen, Panoramaverglasung, Bambusverkleidung, Designerstühle von Jean Prouvé und Alvar Aalto. Und obendrauf noch eine großzügige Dachterrasse mit Blick auf Manhattans Skyline. Die neue Hunters Point Library im New Yorker Bezirk Queens ist etwas Besonderes.

Aus der Stadt hörte man in den vergangenen Jahren vor allem von verschleppten Bauprojekten, oder öden neuen Luxustürmen und Millionärsspielplätzen wie den exklusiven Hudson Yards. Mit der Hunters Point Library eröffnete nun endlich wieder ein jedermann offenstehendes Gebäude. Zumal eines, bei dem architektonisch, gestalterisch und bautechnisch keine Abstriche gemacht wurden.

Es sei, meint der "New York Times"-Architekturkritiker Michael Kimmelman, eines "der erlesensten und erhebendsten öffentlichen Bauwerke, das New York in diesem Jahrhundert" hervorgebracht habe, ein "Juwel". Das "New York Magazine" kommt zu dem Schluss: Teuer, aber das war's wert. Eine Anspielung auf den explodierten Kostenrahmen, der am Ende bei 40 Millionen US-Dollar lag (etwa 37 Millionen Euro).

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Rechteckig, offen, gut: New Yorks neue Stadtteilbibliothek

Zielgruppe der Bücherei sind vor allem die Einwohner Queens'. Der Bezirk gibt seine eigenen Bibliotheksausweise aus - reguläre Mitglieder der New York Public Library können hier nichts leihen. Gut möglich allerdings, dass Menschen aus anderen Stadtteilen oder Touristen trotzdem hierher pilgern werden: Denn mit seinen spektakulären Ansichten - und den nicht weniger beeindruckenden Ausblicken, einem Café und Eventprogramm ist der Bau jede Reise wert.

Entworfen wurde die Bibliothek im New Yorker Architekturbüro von Steven Holl Architects. Auf deren Schreibtischen entstanden schon andere prestigeträchtige öffentliche Bauten, etwa das Maggie's Cancer Center in London. Im Verhältnis zu ihren architektonischen Nachbarn wirkt die Hunters Point Library beinahe bescheiden: Auf den knapp 3000 Quadratmetern Grundstücksfläche hinterlässt der Bau nur einen kleinen Fußabdruck. Die gesamte Innenfläche ist rund 2000 Quadratmeter groß, verteilt über fünf Ebenen (mit Dachterrasse sechs).

Der architektonische Clou: die aluverkleidete Betonaußenhaut

Der architektonische Clou des Gebäudes ist seine mit Aluminium verkleidete Betonaußenhaut mit ihren zickzackförmig eingelassenen Panoramafenstern. Sie ist nicht allein Fassade, sondern auch Stützwerk des gesamten Bauwerks. Erst dank dieses Kniffs ließen sich die Innenräume so offen und lichtdurchflutet gestalten. Gleichzeitig ermöglichte diese Konstruktion zahlreiche Ecken, Winkel und Zwischengeschosse, die Rückzugsmöglichkeiten bieten sollen.

Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbibliothek sind nur optisch voneinander getrennt, ohne eine einzige Wand oder Tür einzuziehen. Die Fensterfronten lassen viel Tageslicht ins Gebäude, haben aber eine doppelte Funktion: Sie sollen auch Schaufenster sein für das Auditorium, Ort der Begegnung und Raum für öffentliche Veranstaltungen.

In seinem Artikel für die "New York Times" betont Architekturkritiker Kimmelman, dass die Verzögerungen beim Bau keinesfalls dem Design oder der Architektur allein geschuldet wären. Die New Yorker Bürokratie habe mal wieder getrödelt.

Treffpunkt und Wahrzeichen

Die höheren Kosten werden gewissermaßen umgedeutet als Beleg dafür, dass sich die Stadt gute Architektur für ihre Gemeinschaft doch noch etwas kosten lässt, ohne Abstriche zu machen.

Die Strahlkraft eines solchen Bauwerks muss in New York City, wo die Konkurrenz gigantisch ist, selbstredend auch bei Nacht gesichert sein. Dann, so heißt es von Steven Holl Architects, geselle sich die strahlende Präsenz der von innen erhellten Bibliothek zum leuchtenden Pepsi-Logo und dem Long-Island-Schriftzug an Queens Flusspromenade. Drei auffällige Wahrzeichen, die der Stadt entgegenscheinen sollen als "Leuchtfeuer für diesen neuen Gemeinschaftsort".


Anmerkung: In einer früheren Version des Textes haben wir die Bibliothek versehentlich auf Long Island verortet. Tatsächlich befindet sie sich in Long Island City im Stadtteil Queens.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
wdiwdi 05.10.2019
1. Na ja, man hätte auch erwähnen können...
dass 3 der (Halb-)Stockwerke mit thematischen Büchersammlungen nicht behindertengerecht zugänglich sind, weil dort der Fahrstuhl aus welchen architektonischen Gründen auch immer nicht hält und es auch keine Rampen etc. gibt. Ist gerade vor Ort ein Shitstorm mittlerer Stärke.
Palmdale 05.10.2019
2. @wdiwdi
Das wäre heutzutage natürlich mehr als blamabel, wenn ein heut eröffnetes öffentliches Gebäude wie eine Bibliothek nicht vollständig barrierefrei ist. Design schlug hier dann wohl die Funktion...
murun 05.10.2019
3. Die Überschrift sagt es aus: Man kann sogar dort lesen...
Schön ist das Teil ja, aber... Ich bin selbst Leiter einer Bibliothek, mir fehlen auch im Artikel Hinweise auf die Funktionaliät. Immerhin ist es ein reiner Zweckbau, der gewisse Maßgaben einhalten sollte. Quasi nur auf die äußere Form, verbaute Werkstoffe und die Designermöbel einzugehen, ist etwas schwach; dazu die recht dürftige Bildstrecke. Gute Bibliotheksneubauten finden man selten, daher wären mehr Infos und Fotos aus dem Inneren interessant. Nebenbei: Auch mir wurden Designerstühle und -lampen sowie großflächige Fenster im Lesesaal vorgesetzt - sieht toll aus. Ergebnis aber: Die Nutzer meiden die Mittagssonne, kommen teilweise mit Sitzkissen und bringen eigene Beleuchtung mit, da das Ganze wenig sinnvoll ist...
martin.koessler 05.10.2019
4. Im Hinterland sieht das anders aus....
Hier ein lesenswerter Beitrag aus der NYT, der vieles, aber nicht alles erklärt, was wir über Amerika nicht wissen. Er skizziert zudem treffend auch das Denken in unserem Hinterland und damit das Phänomen AfD. Da schrillen alle Alarmglocken auf einmal:https://www.nytimes.com/2019/10/04/opinion/sunday/trump-arkansas.html?action=click&module=Opinion&pgtype=Homepage
flowcreek 05.10.2019
5. Andere Länder
Wenn man bedenkt, welchen hohen Status die öffentlichen Bibliotheken in Nordamerika haben, ist diese Bibliothek nicht einmal so überzeugend. Die neue Bibliothek in Calgary, letztes Jahr eröffnet, setzt da andere Maßstäbe. Aber verglichen mit Deutschland..... Da sind's halt die Opernhäuser. Andere Prioritäten.
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