Fotostrecke

Fotostrecke: Häuser für das 21. Jahrhundert

Foto: Jesús Granada/ Taschen

Moderne Architektur Schaut ruhig rein!

Esszimmer, Wohnzimmer, Küche - alles fein getrennt? Vorbei. In der modernen Architektur verschwinden klassische Raumkonzepte. Auch die Grenze zwischen drinnen und draußen verwischt. 

Häuser sind längst nicht mehr nur zum Wohnen da. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Funktion stark gewandelt: My home ist nicht mehr nur my castle. Das Wohnzimmer wird zur öffentlichen Empfangshalle mit Option auf ein gemeinsames Dinner. Tagsüber werden die eigenen vier Wände zum Büro, abends zur Entertainment-Fläche. Ob Wohncontainer in der Großstadt oder Villa am Strand - in seinem Buch "Homes for Our Time" zeigt Philip Jodidio, wie sich damit weltweit die Innenstruktur von Gebäuden verändert: Die Grenzen zwischen privat und öffentlich lösen sich allmählich auf.

Allein schon Küche, Wohn- und Esszimmer sind oft kaum baulich getrennt und gehen fließend ineinander über zu einem Gemeinschaftsraum. Klassische Raumkategorien verschwinden, der Zweck der einzelnen Elemente ist nicht mehr so scharf definiert. Selbst historische Gebäude verlieren an Strenge. Von 2013 bis 2015 baute etwa die Architektengemeinschaft ASDFG  ein baufälliges Müllerhaus in Berlin zu einem Wohnhaus für eine Familie mit drei Kindern um. Die Architekten Alexandra Schmitz, Philip Loeper und Ulrich Grenz waren bereits mit Herzog & de Meuron an der 2016 fertiggestellten Hamburger Elbphilharmonie beteiligt.

Das Müllerhaus Metzerstraße Berlin ("MMB") stammte noch aus dem Jahr 1844 und war damit das älteste Gebäude im Prenzlauer Berg. Von draußen: ein schlichter, rechteckiger Steinbau mit Ziegeldach und Sprossenfenstern. Die steinernen Außenwände blieben. Drinnen steht heute im Erdgeschoss nur noch eine große Innenwand, an deren Flanke eine Holztreppe zu den Schlafzimmern ins erste Stockwerk führt. An der glatten, weißen Fläche spiegelt sich das Tageslicht. Dadurch wirkt die Wohnung trotz begrenzter Fensterfläche hell und weit. Durchgangselemente wie diese Treppe werden in modernen Häusern dazu genutzt, die offenen von den geschlossenen Bereichen abzugrenzen.

Fotostrecke

Fotostrecke: Häuser für das 21. Jahrhundert

Foto: Jesús Granada/ Taschen

Bei Neubauten öffnet sich der Raum oft komplett: Grenzen zwischen drinnen und draußen verwischen in großflächigen Wohnterrassen. Durch die Veranda oder breiten Fensterfronten werden Zimmer räumlich miteinander verbunden. So lässt der japanische Architekt Hirotaka Kidosaki  mit seinem 2012 errichteten "Haus von Yatsugatake" die Bewohner über dem Vulkangebirge schweben. Wohn- und Essbereich sind auf zwei Stahlträger gestützt. Drei Fronten mit Glasverkleidung bieten beinahe rundum Ausblick.

Allein der Schlafbereich bleibt meistens noch geschützt. Das Hauptschlafzimmer befindet sich normalerweise in einem oberen Stockwerke. Alberto Campo Baeza  verbindet das in einem Wohnhaus in Mexiko mit einem Swimmingpool auf dem Dach, vor Blicken verborgen hinter einer mannshohen Mauer. Ein Durchbruch rahmt den Ausblick auf die Häuserkuppen von Monterrey. Nach außen ist Baezas "Domus Aurea" ein quadratischer Steinbau, zur Straße hin komplett verschlossen und uneinsehbar.

Teilweise verschwimmen sogar die Grenzen zwischen Privatem und Außenbereich: Am Playa Santa Teresa von Costa Rica ließ der Architekt Benjamin Garcia Saxe  2015 ein zweigeschossiges Wohnhaus mit komplett entfernbarer Rückfassade bauen: "Ocean Eye". Sogar das Schlafzimmer im ersten Stock lässt so von der Decke bis zum Holzboden freie Sicht nach Süwesten, mit Blick auf den Garten, wenige Meter dahinter der Pazifik. Die Decke im Gemeinschaftsraum wird von schwarzen Säulen getragen, für Dunkelheit sorgen auf Wunsch verschiedene Holzschiebewände.

Manche Architekten integrieren gleich den Außenbereich in die Wohnung. Sou Fujimoto  erprobte 2016 mit seinem Projekt "Rental Space Tower", wie sich mit relativ wenig Platz eine trotzdem luftige Mietshausfläche gestalten lässt: "Was, wenn wir die Privaträume möglichst klein hielten, zugunsten großzügiger Gemeinschaftsbereiche: Küchen, Bäder, Theater, Gärten?", fragte er sich. Die Antwort: Eine 121 Quadratmeter Zimmerlandschaft mitten in Tokio, verbunden mit Hängebrücken und verwinkelten Treppen. Die Holzstufen dienen gleichzeitig als Tische, Ablagestätten oder Sitzgelegenheiten für alle Bewohner gemeinsam.

Anzeige
Jodidio, Philip

Homes for Our Time. Contemporary Houses around the World

Verlag: TASCHEN
Seitenzahl: 456
Für 60,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

27.11.2022 14.04 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Laut Jodidio dürfte Platz auch in Zukunft zu den größten Herausforderungen für Wohnraum werden. Wenn Grund teuer ist, wie im New Yorker Stadtteil Brooklyn, bleibt weniger Geld fürs Bauen. Die Architekten Ada Tolla und Giuseppe Lignano  schufen deshalb mit 21 Schiffscontainern eine Wohnfläche von 464 Quadratmetern. Über die Außenästhetik der Container mit rostroter Wellpappe-Optik lässt sich streiten, mit dem "Carroll House" wurde aber zumindest mehr Raum geschaffen - inklusive Dachterrasse.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.