Lyndsey Lee und Marc Faulkner leben in Portland im US-Bundesstaat Oregon
Lyndsey Lee und Marc Faulkner leben in Portland im US-Bundesstaat Oregon
Foto: Matt Titone / Surf Shacks Vol. 2, Indoek / gestalten 2020

Bildband »Surf Shacks« Glamouröse Bretterbuden

Ihr eigentliches Zuhause sind die Wellen. Doch wenn Surfer an Land gehen, demonstrieren sie auch hier ihre legendäre Lässigkeit: mit kreativen, selbst gebauten Hütten.
Von Katharina Cichosch

Wir wären doch alle gern Surfer: Den ganzen Tag am Strand rumhängen und wellenreiten, anstatt vor Infektionswellen abzutauchen. Das weiß auch Matt Titone, Autor des Surfblogs »Indoek«, weswegen er seit Jahren regelmäßig Surferinnen und Surfer besucht. Seine Reihe »Surf Shacks« ist so beliebt, dass aus den Fotos der Hausbesuche inzwischen der zweite Bildband entstanden ist.

Mit den spartanischen Holzschuppen von einst – den shacks, in denen neben Brettern und Equipment nicht selten die Wellenreiter selbst lagerten – haben die Hütten von heute aber nichts mehr gemein. Wenngleich alle etwas teilen: den Erfindungsreichtum ihrer Bewohner.

Fotostrecke

Surf Shacks von Australien bis Kanada

Foto: Jess Bianchi / Surf Shacks Vol. 2, Indoek / gestalten 2020

Aamion und Daize Goodwin beispielsweise bewohnen mit ihren drei Kindern ein Baumhaus, das sich über drei Etagen ins Grün ihrer hawaiianischen Heimat schraubt. Geschlafen wird allerdings im ausrangierten, mit Holzbetten ausgebauten Bus. Sicher ist sicher.

Holz spielt überhaupt eine wichtige Rolle in vielen der Behausungen. Vielleicht kein Wunder, wo doch die Holzbearbeitung bei einigen Surfern Teil des Sports ist. Nicht wenige stellen ihre eigenen Bretter her wie Taro Hamai, dessen Haus im japanischen Hokkaido rundum mit Zedernholz verkleidet ist.

Andere Surfer wohnen in lichtdurchfluteten Mid-Century-Häuschen, in Tiny Houses, Strandvillen oder zumindest zeitweilig on the road. Auch das gehört zum Lifestyle. Beeindruckend ist, wie teilweise auf kleinen Grundrissen wahre Paläste entstehen.

Neben viel Holz, Licht und Grün zählen Kunstwerke, Grafiken, Skulpturen und Designklassiker zur Grundausstattung der Wohnungen. Viele der Menschen in dem Buch sind zwar in erster Linie Surfer, schreibt Titone. Nebenberuflich machen sie aber meistens Kunst, drehen Filme, fotografieren, designen, kochen oder musizieren. Hauptberufliche Beach Boys und Girls, die nebenberuflich Kreative sind. Das Buch vereint so viel Coolness, das es fast schon weh tut.

»Dieses Buch soll keine oberflächliche Quelle des Neids sein«, schreibt Titone fast schon pflichtschuldig. Denn natürlich macht die Betrachtung der Bilder neidisch: ausnahmslos schöne, wohldurchdachte Wohnungen, oft in kostspielig-kreativen Nachbarschaften, umgeben von Bergen, Meer oder tropischem Dschungel. Die beigestellten Interviews machen die Sache nicht besser. (Titones obligatorische Schlussfrage lautet: »Hast du noch eine Lebensweisheit für uns?«)

Statt tiefgehender Porträts oder ausführlicher Einrichtungsbeispiele geht es hier, klar, um die Vermittlung eines Lebensgefühls. Dazu gehört der Schutz natürlicher und finanzieller Ressourcen; unschwer zu erkennen an der großen Menge wiederverwendeter Materialien und reichlich Lust am Selbermachen. Beides kulminiert perfekt im Heim von Jay Nelson und Rachel Kay: Nahezu das gesamte Material für ihren Hausumbau sammelten sie auf einem Schrottplatz ein.

Der Bildband taugt also nicht nur zum Eskapismus in der dunklen Jahreszeit, sondern, so wünscht es sich auch der Autor – zur Inspiration: Vor dem nächsten Baumarktbesuch also vielleicht einfach mal auf der Mülldeponie vorbeischauen, zumindest aber in diesem Buch.

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