Streetstyle-Fotograf Bill Cunningham Die Gesichter von New York

Von Bill Cunningham fotografiert zu werden, war eine Ehre. Fast 50 Jahre dokumentierte der eigenwillige Künstler die interessantesten Menschen auf New Yorks Straßen. Ein neuer Bildband zeigt seine besten Aufnahmen.

Bill Cunningham Foundation/ New York Times Company/ Clarkson Potter

Von Trisha Balster


Lange bevor Outfits vom Bürgersteig Magazine und Blogs bestimmten, machte Bill Cunningham die Straße zu seinem Laufsteg. Zwar dokumentierte der 2016 gestorbene Fotograf auch Modenschauen und gesellschaftliche Anlässe, doch mehr als Models interessierten ihn Passanten. Am liebsten war Cunningham in Manhattan mit dem Fahrrad unterwegs. Entdeckte er eine Aufmachung, ging alles ganz schnell - die Kamera immer griffbereit.

So ergaben sich Notizen zur Mode, mehr aber noch zur Zeit: Schließlich dokumentierte der 1929 geborene US-Amerikaner die Straßen New Yorks seit dem Ende der Sechzigerjahre. Er beobachtete etwa, dass Frauen bald anfingen, ganz selbstverständlich Gaucho-Hosen zu tragen. Oder dass man zwei Jahrzehnte danach selbst ins Luxuskaufhaus Barneys auf Inlineskates fuhr.

Er sei gar kein Fotograf, sagte Cunningham einmal, sondern würde mit Bildern schreiben. Seine Geschichten fasst das neue Buch "Bill Cunningham: On The Street" zusammen - eine bildgewaltige Zeitreise, nach Jahrzehnten geordnet, jedes mit seinen modischen Eigenheiten.

Fotostrecke

7  Bilder
Unterwegs mit Bill Cunningham: Der Bürgersteig als Laufsteg

Passenderweise trug auch die Foto-Kolumne in der "New York Times", mit der er in den Neunzigerjahren schließlich einem breiten Publikum bekannt wurde, schlicht den Titel "On the Street". Oft widmete er die Ausgaben einem Oberthema, einem Trend und seinem gesellschaftlichen Kontext. Dabei interessierte ihn keine Perfektion, sondern Originalität.

Bilderstapel anstelle eines Badezimmers

In der Mode fand der Eigenbrötler mit seinen eindrucksvollen Aufnahmen schnell Anklang. Anna Wintour, Chefredakteurin der US-amerikanischen "Vogue", fotografierte er seit deren Anfängen in den Siebzigerjahren. In Wahrheit hätte sich die Branche sowieso nur für ihn angezogen, schreibt Wintour in einem Begleittext: "Sein Lächeln und sein Enthusiasmus fühlten sich wie eine Belohnung an."

Preisabfragezeitpunkt:
25.09.2019, 12:37 Uhr
Ohne Gewähr

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New York Times
Bill Cunningham: On the Street: Five Decades of Iconic Photography

Verlag:
Clarkson Potter
Seiten:
384
Preis:
EUR 39,99

So auffallend seine Fotomotive waren, so zurückhaltend zeigte sich Cunningham. Er trug immer das gleiche Outfit, um selbst nicht hervorzustechen: blaue Arbeiterjacke, beige Hose und schwarze Schnürschuhe. Später wurde genau das zu seinem Erkennungsmerkmal. Auch sein Lebensstil war bescheiden: In der kleinen Wohnung über der Carnegie Hall gab es kein Bad, dafür stapelweise Bilder.

Eine Freundin sichtete das Archiv

Durch die arbeitete sich nun Tiina Loite, ehemalige Stil-Fotoredakteurin der "New York Times" und Weggefährtin Cunninghams. Nach dem Tod des Fotografen wurde sie beauftragt, dessen Archiv und die Sammlung der Zeitung durchzugehen. Was, wie Loite im Vorwort des Bildbands direkt klarstellt, notwendig, aber auch ziemlich "mühsam" war. Das Ausmaß verglich sie mit der Höhe der US-amerikanischen Staatsverschuldung, die eine Uhr an der Westseite des One Bryant Park in New York anzeigt - immerhin über 22 Trillionen US-Dollar.

Der Standort der Uhr liegt im Herzen Manhattans, nur knapp zwei Kilometer von Cunninghams Stammplatz entfernt, Ecke 57. Straße und 5th Avenue. Die Strecke hätte der Fotograf natürlich flink mit dem Fahrrad zurückgelegt - es sei denn, ihm wären ein paar auffällig angezogene Passanten in die Quere gekommen.



insgesamt 2 Beiträge
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gewappnetTS 23.10.2019
1. Damals, vor der DSGVO
Bilder aus einer anderen Zeit lange vor der DSGVO, in der solche Straßen-Fotografien noch möglich waren.
j.c.nolte 23.10.2019
2. Empire State of Mind
Zitat von gewappnetTSBilder aus einer anderen Zeit lange vor der DSGVO, in der solche Straßen-Fotografien noch möglich waren.
Sie glauben tatsächlich, dass sich der Fotograf keine Einverständniserklärung eingeholt hat? Träumen Sie ruhig weiter, bei diesen Traumbildern. Dazu vielleicht noch ein bisschen adäquate musikalische Untermalung: Jay Z & Alicia Keys - Empire State of Mind (https://www.youtube.com/watch?v=1TC02VaB1Rw). Ich muss da wirklich mal ganz dringend hin. Und das sehr, sehr bald.
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