Blühender Storchschnabel (Mitte) und Frauenmantel bilden einen schönen Randbewuchs
Blühender Storchschnabel (Mitte) und Frauenmantel bilden einen schönen Randbewuchs
Foto: McPHOTO / H.R.Mueller / imago images

Der Wurm drin – die Gartenkolumne Wuchern gegen Wildwuchs

Bodendecker sind nicht nur attraktiver als kahle Erde – sie schützen auch vor Erosion und ungeliebten Gartengästen.
Von Katharina Stegelmann

Ein Garten soll grün und üppig sein, voller Blumen, Sträucher, Bäumer. So, wie ein Kind ihn malen würde: hellgrün, dunkelgrün, dazu bunte Blüten. In Wahrheit gibt es da aber immer den Platz zwischen den Pflanzen; besonders im Frühjahr ist der kahle Boden gut sichtbar. Was tun mit den oft trockenen, dunklen Stellen am Rande der Gehölze, unter Bäumen oder zwischen den hohen Stauden? Lohnt sich das Beackern der manchmal schwierigen Bereiche? Die Antwort: Ja, auf jeden Fall, denn bodenbedeckende Pflanzung ist nicht nur eine Frage der Ästhetik. Für Fachleute ist sie sogar eine ökologische Notwendigkeit.

Die wichtigste Aufgabe von Bodendeckern ist es, Erosion zu verhindern, erklärt mir die Landschaftsbauingenieurin Marieke Schulz-Gerlach, die für den Erhalt und die Pflege des Hamburger Stadtparks verantwortlich ist. Wenn Regen auf ungeschützte Erde prasselt, wird sie weggespritzt. Wurzeln geben Halt und sorgen gleichzeitig für die Durchlüftung des Bodens und damit für ein gutes Klima, in dem sich Kleinstlebewesen wohlfühlen. Außerdem sorgen die Bodendecker für Schatten, die Erde trocknet nicht so leicht aus; und die Blüten bieten Insekten Nahrung. Diese Funktionen erfüllen im Prinzip sehr viele Pflanzen – im Gegensatz zu Kies- oder Schotterflächen, die ökologisch gesehen eine Katastrophe sind: Der Boden wird verdichtet, ausgetrocknet, geradezu abgetötet, sagt Schulz-Gerlach.

Walderdbeeren sind anspruchslos und lecker

Walderdbeeren sind anspruchslos und lecker

Foto: Donald Iain Smith / Plainpicture

Als ich vor fünfeinhalb Jahren anfing, unseren Garten zu erobern, dominierte als bodendeckende Pflanze eindeutig der Giersch. Er breitete sich als Teppich unter den Gehölzen am Grundstücksrand aus, er wucherte auf den Beeten, er kroch in die Wiese. Was Giersch eben so macht, Fachleute nennen ihn »zuverlässig bodendeckend«. Als ich gegenüber meiner Mutter klagte, wie viel von dem Zeug in unserem Garten wächst, versuchte sie mich zu trösten: »Den kannst du essen.« Stimmt nicht ganz, so viel Giersch könnte selbst eine zwölfköpfige Familie nicht vertilgen.

Warum reiße ich manches Kraut heraus? Weil ich selbst bestimmen möchte, welche Pflanzen in meinem Garten wachsen – wenigstens teilweise. Und die, die ich mir ausgesucht habe, möchte ich auch sehen können. Um beim Giersch zu bleiben: Der ist gar nicht besonders hässlich, aber wenn er überall wächst, bleibt für die anderen Gartenbewohnerinnen schlicht kein Raum. Er ist nämlich das, was im Fachjargon »konkurrenzstark« heißt: Zartere Charaktere werden gnadenlos verdrängt.

Auch eine Rose kann bodendeckend sein

Umgekehrt gilt das auch: Dem Wildwuchs unerwünschter Pflanzen können andere Pflanzen entgegenwirken. Wenn also ein Flecken zwischen den großen Stauden einigermaßen frei gezupft ist von Giersch, Quecke und Co., empfiehlt es sich, dort etwas Flaches zu pflanzen, das man attraktiv findet. Dass das der Bodenqualität zugutekommt, ist auch für den Privatgarten ein zusätzliches Plus.

Bis zu meinem Gespräch mit der Gartenfachfrau vom Stadtpark dachte ich, Bodendecker seien Pflanzen, die nicht höher als 20 Zentimeter wachsen und sich vorwiegend über Ausläufer ausbreiten. Stimmt nicht. »Bodendecker« ist keine botanische Kategorie. Es sind Gewächse, die, nun ja, den Boden bedecken und so den Auswuchs anderer Pflanzen einschränken; meist werden Stauden verwendet, manche davon immergrün wie Dickmännchen oder Vinca minor. Aber auch eine Rose kann bodendeckend wachsen, wenn sie entsprechend behandelt wird. Ohne Beschnitt wächst sie je nach Sorte bis zu zwei Meter hoch. Womit wir bei dem heiklen Begriff »pflegeleicht« sind.

Ein pflegeleichter Garten gilt vielen (Hobby-)Gärtnern als verdammenswert, frevelhaft, als Widerspruch in sich. Richtig ist: Ohne Pflege gibt es gar keinen Garten. Aber es gibt natürlich Gewächse, die mehr Zuwendung bedürfen als andere. Schulz-Gerlach, die die Verantwortung für mehrere Tausend Quadratmeter Land trägt, blickt anders auf diese Frage, als jemand, der nur 150 Quadratmeter bespielt und viel Zeit hat. Mein kleiner Garten gibt mir reichlich zu tun, eine Fläche mit anspruchsloser Katzenminze finde ich da sehr entspannend.

Bei der Auswahl der Bodendecker ist der geplante Pflanzort entscheidend. Sollen sie in der Sonne oder im Schatten wachsen? Trockenresistenz ist an den meisten Standorten wichtig, in Zeiten des Klimawandels ohnehin.

Ein Deal mit dem Giersch

Sehr dankbar und attraktiv – und, ja, pflegeleicht! – finde ich Walderdbeeren. Die wuchern gut auch an schattigeren Plätzen, stören weder Rosen noch andere große Stauden, sie blühen hübsch, und dann schenken sie auch noch ein paar Früchte. Sie sind nach meiner Erfahrung trockentolerant und nicht schädlingsanfällig. Wenn sie mir zu viel werden, reiße ich sie einfach raus. An den vollsonnigen Standorten stehen bei mir Felberich (Vorsicht, den wird man schwer wieder los), Storchschnabel oder Katzenminze, die allesamt wunderbar blühen.

Und dann wäre da noch der Giersch. Ich bin schließlich eine Art Deal mit dem Wucherkraut eingegangen: Etwas Territorium billige ich ihm jedes Jahr zu, doch manche Stellen bleiben tabu. Dort gehe ich im Frühjahr in die Knie und versuche, das Wachstumswunder aus der Familie der Doldenblütler mittels mühevoller Handarbeit zu eliminieren. Es entsteht mein ganz persönlicher Giersch-Horizont, der bis zum Spätsommer unter halbwegs strenger Beobachtung steht.

Im nächsten Jahr geht alles wieder von vorn los, denn natürlich hält sich das Grünzeug an keinen Deal. Es wächst. Es ist ein kleiner Selbstbetrug, ich weiß, hilft aber trotzdem: Die bewusste Entscheidung, etwas Wildwuchs zuzulassen, gibt mir die Illusion, die Kontrolle zu haben. Ein bisschen jedenfalls.

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