Bomberjacken Pech, ihr Nazis - die gehört uns allen

Die Bomberjacke hatte früher als Nazi-Fummel einen derart schlechten Ruf, dass sie auf Schulhöfen verboten werden sollte. Jetzt tragen fast alle die praktischen Pilotenjacken. Wie kams dazu?

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Was haben das Internet und Bomberjacken gemeinsam? Beides kann fast jeder gebrauchen und beides verdanken wir dem Militär. Da die Kampfpiloten in immer größere Höhen flogen, bestellte die US-Airforce Ende der Vierzigerjahre einen Nachfolger für die A-2 genannte Fliegerjacke aus Pferdeleder. Das Kleidungsstück war zu schwer, hatte die unangenehme Eigenschaft bei niedrigen Temperaturen zu gefrieren, und lieferte nicht die nötige Bewegungsfreiheit für die geschrumpften Pilotenkanzeln moderner Jets.

Die neuen Jacken sollten also aus einem Material gefertigt sein, das bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt geschmeidig bleibt und dabei warm hält. Es durfte nicht leicht an irgendwelchen Hebeln oder Schaltern hängenbleiben. Und günstig sollte es natürlich auch sein. Außerdem sollte der Pelzkragen weg, da er häufig den Fallschirmleinen im Weg war. Die Antwort war das Modell MA-1 (über den Zwischenschritt der B-15).

Diese ab 1958 von der Air Force ausgegebene Jacke aus Nylon ist der Prototyp der modernen Bomberjacke. Mit dem Vorgänger hat sie nur noch die runde Form gemein. Der Rest ist modernste Textiltechnik: wasserdicht, leicht und selbst bei Minus 15 Grad noch warm. Die Innenseite in Signalfarben kann nach außen getragen werden, um nach einem Absturz leichter von Bergungstrupps erkannt zu werden. Der Fellkragen wurde durch einen eng anliegenden Strickkragen ersetzt.

Die MA-1 gehörte bis in die frühen Neunzigerjahre zur Standardausrüstung der US-Luftwaffe. Danach sorgten diverse Rapmusiker dafür, dass der Absatz der wattierten Teile nicht ins Stocken geriet: Nicht nur Eazy-E, Naughty by Nature oder Onyx nutzten die Jacken für Auftritte - als martialisch-männliches Kleidungssymbol.

Daran dürfte auch die Stilikone Steve McQueen nicht ganz unschuldig sein. Nachdem er bereits 1963 mit dem Kriegsfilm "The Great Escape" den Coolnessfaktor von Pilotenjacken gesteigert hatte, bewies er 1980 als Kopfgeldjäger in "The Hunter", wie lässig eine Bomberjacke aussehen kann.

Von Skinheads zu Lagerfeld

Seinen Siegeszug zum modernen Klassiker hatte das Kleidungsstück aber bereits Ende der Sechzigerjahre angetreten. Bomberjacken wurden ursprünglich vor allem von britischen Skinheads - keine Neonazis, sondern Anhänger einer in der Reggae-Musik verwurzelten, proletarisch eingefärbten Gegenkultur - getragen. Kombiniert mit engen, hochgekrempelten Jeans, eingestecktem Hemd und Hosenträgern waren die meist weinroten Pilotenjacken der Skins das Pendant zu den etwas schickeren Harrington-Jacken der Mods.

Aus dieser Szene fanden die Jacken später ihren Weg in die Neonazi-Bewegung. Das Kleidungsstück - das ironischerweise seinen Ursprung in den USA hatte, also einem Kriegsgegner Nazideutschlands - wurde Anfang der Nullerjahre so stark mit Rechtsextremismus assoziiert, dass sich die damalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann 2001 sogar für Verbote von Bomberjacken an deutschen Schulen aussprach: "Ich begrüße derartige Verbote, denn es geht hier nicht um Mode, sondern um die Gesinnung, die dahintersteckt", sagte die SPD-Politikerin.

So weit kam es nicht. Inzwischen haben fast alle großen Labels eine Jacke im Angebot, die mindestens von der MA-1 inspiriert ist - und auch Frauen tragen den vormals männlich konnotierten Proletenfummel ganz selbstverständlich. Sogar bei Chanel flog schon ein Bomber, allerdings aus Strick, über den Laufsteg.

Raf Simons war einer der ersten Designer, der die Schönheit der Bomberjacken wiedererkannte. Simons, aufgewachsen in den Achtzigern in Belgiens Punkszene, bedient sich für seine Mode häufig bei Subkulturen. Für seine von der Gabber-Szene - Gabber ist eine Variante des Hardcore Techno - inspirierte Summa-Cum-Laude-Kollektion im Frühjahr 2000 entwarf er "The Pyramid". Die Jacke geht inzwischen bei eBay für gut zweitausend Euro weg. In dieser Preisklasse liegt auch die Adaption aus dem Hause Yves Saint Laurent, allerdings handelt es sich dann um Neuware.

Und wie trägt man das?

Neben den klassischen Modellen in Schwarz, Blau und Olivgrün - das Original gab es übrigens nur in Dunkelblau, Olivgrün kam erst mit dem Vietnamkrieg hinzu - sind weiterhin Bomberjacken mit großflächigen Prints oder Stickereien angesagt. Die gibt es auch günstiger als von Dries van Noten oder Balenciaga. Wer es lieber authentisch mag, nimmt ein Modell von The Real McCoy's oder Buzz Rickson.

Egal für welche Variante man sich entscheidet, dazu passen am besten eine Stoffhose, enge Jeans oder ein Rock. Generell gilt, je auffälliger die Jacke, desto schlichter sollte das restliche Outfit sein. Ach, und sollte Ihr Modell einen Druckknopf auf der Brust haben - da kommt die Sauerstoffmaske dran.

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