Das Tagpfauenauge wurde 2009 zum Schmetterling des Jahres gewählt.
Das Tagpfauenauge wurde 2009 zum Schmetterling des Jahres gewählt.
Foto: Ian Laker / Getty Images

Der Wurm drin – die Gartenkolumne Schmetterlingsfantasien und seltsame Begehrlichkeiten

Wer Schmetterlinge sehen will, muss ihnen Futter bieten – und einen Platz für ihre Nachkommen. Ein Plädoyer für mehr Brennnesseln im Garten.
Von Katharina Stegelmann

Der Garten ist ja bekanntlich nicht nur zum Arbeiten da, sondern auch zum Entspannen und Genießen. Und so lungerte ich eines schönen Frühsommertages vor drei Jahren auf einer Liege herum und ließ meine Blicke schweifen. Was ich sah, gefiel mir. Und doch, es fehlte etwas: Schmetterlinge. Bienchen und Hummeln, Schwebfliegen und anderes Gesummse sorgten für regen Luftverkehr. Bei Aussaat und Pflanzung hatte ich mich gern an Tipps für Insektenfreundlichkeit gehalten. An Futter mangelte es eigentlich nicht. Aber wo waren die Schönheitskönige der Krabbeltiere, die Schmetterlinge? Nur ab und an torkelte ein Kohlweißling vorbei, ich wollte mehr.

Das war es dann auch mit meinem genussvollen Müßiggang an diesem Tag. Ich begann zu googeln. Dabei entdeckte ich das »Schmetterlingszucht-Set für Distelfalter«. Auf den Kauf dieser kindgerechten Naturkunde-Utensilien verzichtete ich. Doch nun war klar, was dem Garten fehlte, um die schönen Falter anzulocken: Brennnesseln.

Eine Frage von Sein oder Nichtsein: Schmetterlingsraupen fressen an einem Brennnesselblatt

Eine Frage von Sein oder Nichtsein: Schmetterlingsraupen fressen an einem Brennnesselblatt

Foto: F. Hecker / blickwinkel / imago

Tagpfauenaugen , Kleine Füchse, Admirale – sie alle benötigen Brennnesseln als Futter für ihre Raupen. Sie haben keine Wahl, es ist eine Frage von Sein oder Nichtsein: Die genannten Schmetterlinge entwickeln sich nämlich an keiner anderen Pflanze; nur an der Brennnessel werden die Eier abgelegt, die Raupen leben und fressen dort mehrere Wochen bis zur Verpuppung. Wenn die Falter geschlüpft sind, müssen sie natürlich wieder Futter  haben: Sommerflieder, Majoran, Blaukissen und natürlich Wildblumen aller Art werden empfohlen.

Brennnesseln sind bei den meisten Hobbygärtnern begrenzt beliebt: Erstens weil es wehtut, sie zu berühren. Zweitens weil sie wuchern und andere Pflanzen verdrängen. Dabei sind die robusten Stauden vielseitig einsetzbar: als Kompostierhilfe oder Düngemittel, zum Pflanzenschutz ebenso wie als Tee bei Blasenproblemen oder als Spinatersatz. In unserem Garten gab es anfangs die eine oder andere Brennnessel, die ich rauszog, sobald ich sie entdeckte. Nach ein paar Jahren waren sie so gut wie verschwunden. Dann kam meine Schmetterlingssehnsucht, das neue Wissen – und ich bereute mein Tun.

Brennnesseln ausgraben für einen guten Zweck

Mein Mann, Mit- und Hilfsgärtner, hörte sich zwei Tage lang meine neuesten Erkenntnisse, meine Schmetterlingsfantasien und seltsamen Begehrlichkeiten an: Alles lief darauf hinaus, dass wir wieder Brennnesseln im Garten haben müssten. Dringend. Wenn ich beim nächsten Mal eine sehe, würde ich sie nicht eliminieren, sondern umpflanzen, sodass eine Raupenplantage entstehen könnte. Die Ecke hatte ich schon ausgeguckt. Aber wie lange würde das dauern? Am dritten Tag nahm er Handschuhe, Schaufel und Eimer und zog los. An Brennnesselwuchs in unmittelbarer Umgebung mangelte es nicht. Dass es dort auch nicht an Spaziergängern fehlte, hatte er nicht bedacht. Zum Umkehren war es zu spät, er sicherte seine Beute, als sei das sein Beruf: Brennnesseln ausgraben. Es war ja schließlich für einen guten Zweck.

Als ich abends nach Hause kam, wurde mir stolz die Grundlage für unsere zukünftige Schmetterlingszucht präsentiert. Die Pflanzen hingen zunächst etwas schlapp herum, nach ein paar Tagen erhoben sie jedoch stolz ihre wehrhaften Blätter. Seither gedeihen sie prächtig, kommen jedes Jahr wieder, breiten sich aus. Ich muss sie im Auge behalten, sie sollen ja nicht den Garten überrennen. Wenn sie zu vorwitzig werden, reiße ich einen Teil heraus, ganz vorsichtig, mit Lederhandschuhen und langen Ärmeln geschützt.

Unser Grundstück hat sich zwar immer noch nicht in einen Schmetterlingsgarten verwandelt, aber vergangenes Jahr sah ich doch ein buntes Falterpärchen malerisch herumflattern. Vielleicht war es auf der Suche nach einem vertrauenserweckenden Ort für den Nachwuchs. Und vor ein paar Tagen sah ich jedenfalls mit Freuden, dass einige Blätter der Brennnesseln zerfressen waren. Insektenfraß als Hoffnungsschimmer – alles eine Frage der Perspektive.

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