Rund zwei Kilo CO₂ werden im Schnitt für eine Literflasche deutschen Wein ausgestoßen
Rund zwei Kilo CO₂ werden im Schnitt für eine Literflasche deutschen Wein ausgestoßen
Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

CO₂-neutraler Wein Trinken Sie schon nachhaltig?

Was bedeutet Klimaneutralität eigentlich für den Weinanbau – und warum tut sich ausgerechnet Deutschland so schwer damit?
Von Gerald Franz

Traktorfahrten, Düngung, Kühlung, Auslieferung und natürlich die alkoholische Gärung: Rund zwei Kilo CO₂ werden im Schnitt für eine Literflasche deutschen Wein ausgestoßen. Was nach einer überschaubaren Zahl klingt, summiert sich bei den übers Jahr konsumierten Flaschen allerdings: Laut Berechnungen des Deutschen Instituts für Nachhaltige Entwicklung (DINE) emittieren die heimischen Weingüter allein so viel schädliches Kohlendioxid wie 160.000 Menschen − ist Wein also ein versteckter Klimakiller?

Ganz so dramatisch ist es nicht. Doch von Tausenden Winzerinnen und Winzern in Deutschland arbeiten gerade einmal acht klimaneutral. Verglichen mit anderen Industrien sind das beschämend wenige. Zumal andere Staaten wie Neuseeland, Australien oder Kalifornien bei der Umstellung ihrer Weingüter schon viel weiter sind.

Während in Übersee Weingüter oft riesige Unternehmen sind, die über das nötige Personal und die Strukturen verfügen, um auf eine CO₂-neutrale Produktion umzustellen, handelt es sich bei den meisten Winzereien in Deutschland um kleine Familienbetriebe. Das macht zwar die Qualität der hiesigen Weinerzeugung aus. Doch die Umstellung ihrer Betriebe auf mehr Klimaschutz ist für die meisten schlicht überfordernd.

»Klimaschutz ist ganz viel Schreibtischarbeit«, erklärt Yvonne Ellwanger vom württembergischen Familienweingut Bernhard Ellwanger. Und der CO₂-Verbrauch erst mal Mathematik. »Wir mussten etwa die Fahrtwege der Mitarbeiter berechnen, Reisen zu Messen oder von welcher Tonnellerie welches Fass kommt.« Und nach drei Jahren beginnt der Prozess erneut. Allerdings decke man dadurch eben auch Möglichkeiten auf, Emissionen einzusparen. »Wir haben auf Ökostrom und biologische Düngung umgestellt.« Den Rest gleichen die Ellwangers durch den Kauf von Emissionsrechten aus, die an ein Regenwaldschutzprojekt in Brasilien geknüpft sind. Ellwanger ist überzeugt: »Große Schritte im Klimaschutz können wir nur gehen, wenn jeder für sich die kleinen Schritte geht. Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten.«

Schwere Flaschen vermeiden

Das Hauptproblem ist die Flasche: Sie macht laut DINE fast die Hälfte der gesamten Emissionen aus. Eigentlich nicht die Schuld der Weingüter, schließlich entstehen die Emissionen in den energieintensiven Glashütten. Trotzdem wird sie in die Klimabilanz des Weins einberechnet. Das Beste wäre also, ganz auf Glasflaschen zu verzichten und stattdessen kleine Metallfässer, auch Keg genannt, für die Gastronomie einzusetzen. Und Plastikschläuche mit Kartonummantelung, sogenannte Bags in Box, für zu Hause. Beides spart Ressourcen.

Viele Verbraucher fremdeln allerdings mit diesen Verpackungen. Kein Wunder, Wein hat mit Emotionen zu tun: eine formschöne Flasche, ein sanft ploppender Korken. Auch als Mitbringsel macht eine Flasche Wein eine bessere Figur als ein Fünfliter-Karton.

»Wenn schon Glasflaschen, müssen diese zumindest leichter werden«, bemängelt Armin Gemmrich vom DINE, der Weingüter dabei unterstützt, klimaneutral zu werden. So vermeide man nicht nur bei der Herstellung viel CO₂, sondern auch beim Transport. Der angesehene Weingüter-Klub VDP hat gerade die Umstellung auf leichte Flaschen beschlossen. Zumindest bei den auflagenstarken Gutsweinen, bei den höherwertigen Gewächsen hadert man noch.

Resistente Rebsorten probieren

Eine weitere Einsparmöglichkeit stellen pilzwiderstandsfähige Rebsorten dar, sogenannte Piwis. Diese speziellen Züchtungen sind gegen Plagen im Weinberg wie Echten oder Falschen Mehltau weitgehend resistent. Folglich müssen weniger Spritzmittel eingesetzt werden, und der Traktor muss seltener durch die Rebzeilen fahren. Aber sowohl die einzelnen Neuzüchtungen mit Namen wie Phoenix oder Saphira als auch der Überbegriff Piwi stößt bei vielen Weinfans auf Skepsis. Denn an Edelreben wie Riesling oder Spätburgunder reichen sie nicht heran.

Beim Weingut Ellwanger spricht man daher statt von Piwis lieber von »neuen Sorten«. Oft landen diese als Beimischung unauffällig in den Cuvées. Einen Sekt allerdings keltert man komplett aus der resistenten Sorte Cabernet Blanc: »Der hat uns einfach überzeugt.«

Cabernet Blanc ist auch die einzige Piwi-Sorte, die die Pfälzer Sommelière Sybille Bultmann vom Amthaus Freinsheim in ihrem Restaurant ausschenkt. Einige der kaum angebauten Nischensorten kennt sie nur »vom Hörensagen«, der relativ verbreitete Rote Regent hat sie geschmacklich nicht überzeugt, sagt sie. Obwohl sie mit dem Pfälzer Betrieb Neiss auch ein klimaneutrales Weingut auf der Karte hat, richtet sich die Aufmerksamkeit der Gäste mehr auf ökologischen Anbau. »Das wird sehr positiv wahrgenommen.«

Nachhaltigkeitssiegel beachten

Obwohl er bereits umfassend als nachhaltig und klimaneutral ausgezeichnet ist, lässt sich der Familienbetrieb Bernhard Ellwanger gerade auch noch als Ökologisches Weingut zertifizieren. »Dabei betrifft das nur den Weinbau, während das Nachhaltigkeitssiegel Ökologie, Ökonomie und Soziales berücksichtigt«, sagt Yvonne Ellwanger. Die Bedeutung von Nachhaltigkeit, für die etwa Siegel von Fair Choice oder Fair’n Green stehen, sei aber schwierig zu vermitteln. »Öko versteht dagegen jeder.« Viele kleine regionale Läden verlangten nach solchen Produkten.

Die größte Menge Wein wird allerdings über Supermärkte und Discounter vertrieben – laut Deutschem Weininstitut zwei von drei Flaschen. Für den Klimaschutz klingt das nach einer Herausforderung. Denn spielt dort, wo der tägliche Preiskampf tobt, nachhaltiger Wein überhaupt eine Rolle?

Moritz Wagner, der den neu geschaffenen Lehrstuhl für Nachhaltigkeit an der Hochschule Geisenheim innehat, sieht eine Trendwende kommen: »Bei Obst und Gemüse ist bereits viel passiert, vermutlich werden auch bei Wein Nachhaltigkeitskriterien Einzug halten.« Wagner, der früher beim Discount-Riesen Lidl im Einkauf für mehr Nachhaltigkeit sorgte, sollte es beurteilen können. »Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden, also wird der politische Druck zunehmen. Alle werden mitmachen müssen.«

Gut, dass es schon die Erfahrungen mit ökologisch angebautem Wein gibt: Bei dem waren anfangs die Vorbehalte auch sehr groß. Heute dagegen sind etliche Spitzenwinzer öko. Nachhaltigkeit geht genauso wenig auf die Qualität des Weins, eher im Gegenteil – denn solche Weingüter beschäftigen sich intensivst mit dem Zusammenspiel von Mensch und Natur.

Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech .

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