Foto: Ana Santos / Millennium / plainpicture

Corona-Frisuren Loblied auf die Lockdown-Locken

Am 1. März dürfen Friseurgeschäfte wieder öffnen – und viele Menschen freuen sich auf den bevorstehenden Lock-Down. Unsere Autorin hingegen meint, eine wild gewordene Frisur kann einen viel lehren, nicht nur Demut.
Von Anja Rützel

Neulich sah ich versehentlich aus wie Michel Houellebecq. Für ein Fernsehinterview zum Thema »Tierliebe« stand ich auf einem eisig kalten Feld und merkte schon nach wenigen Minuten, wie mein im Lockdown viel zu lang gewachsener Schrägpony völlig losgelöst und frei im Winde flatterte, ähnlich wie die langen, dünnen Ärmchen der langen, dünnen Aufblasfiguren, die vor neu eröffneten Tankstellen und Möbelhäusern beim kleinsten Lüftchen begeistert vor sich hin wedeln. Ich hatte mir meine Stirnpartie zu Hause noch mit dem letzten Rest Haarspray notdürftig über die Stirn betoniert, es half nichts, und so stand ich da mit ähnlich wirrem, strähnigem Sprödhaar, wie es besagter französischer Schriftsteller öfters nachlässig präsentiert, über dessen unbändige Corgi-Liebe ich eben zufällig sprach.

Überraschenderweise war mir mein Zausellook komplett egal, obwohl ich vor Corona bei meiner Frisur stets größten Wert auf eine lückenlose, blickdichte Pony-Stirnvollverblendung und leicht helmhaften Kompaktsitz der Hinterkopfpartie gelegt hatte. Erst recht bei öffentlichen Auftritten. Inzwischen aber klipse ich weg und klammere hoch, und ich habe meinen Lockdown-Look tatsächlich so sehr angenommen und umarmt, dass ich die überbordende Freude schwer nachvollziehen kann, die die angekündigten Friseuröffnungen zum 1. März bei vielen Menschen aufgelöst haben. Außer natürlich die Erleichterung von Friseurinnen und Friseuren, die verstehe ich sehr gut.

DER SPIEGEL

Ich finde nämlich, dass viele Menschen durch ihre neue Corona-Frisur durchaus gewinnen. Zum Beispiel mein Nachbar, der mir letztens mit einem ungewohnt rabiaten Buzzcut die Türe öffnete, als ich ein Päckchen bei ihm abholte: einfach kurz geschoren, natürlich selbst gemacht. Ich hatte sogleich vergessen, welche Frisur er zuvor getragen hatte, weil diese Improvisation so gut zu ihm passte. Tatsächlich, das sehe ich auf Instagram, griffen inzwischen schon diverse Bekannte zur raspelkurzen Patentfrisur. Viele offenbaren damit erstmals ihre Kopfform, die sie früher ondulierend verschleierten, gelegentlich auch, um beginnende Kalamitäten zu kaschieren. Mit dem schonungslosen Schnitt sehen sie nun der schwindenden Fülle ins Auge, und auch wenn ich sagen kann, wie symbolisch das gerade für ihren allgemeinen Blick auf das Leben ist: Zumindest steht es den allermeisten sehr gut.

Den allermeisten steht es sehr gut

Genauso oft beobachte ich auch den genau entgegengesetzten Entwurf: Menschen, deren Köpfe zuvor klare Schnitte und scharfe Konturen zeigten, geben sich jetzt verwuchert bis umwölkt. Sie salben die Locken nicht mehr mit Gel in Bürzelform und strähnen sich mit Mattpaste keine inszenierten Out-of-Bed-Wuscheligkeiten zurecht, sondern sie lassen den Dingen auf ihrem Schädel einfach ihren Lauf. Manchmal ist das Ergebnis leicht löwig aufgebauscht, manchmal sehen sie mit langen, schwunglosen Haaren wie begossen aus, aber immer interessanter als vorher.

Beide Varianten verleiten zu psychologischen Interpretationen. Wer in der derzeitigen Krise den radikalen Cut sucht, steht natürlich auch in der Tradition von Scheidungs-Schnippeleien, wie sie der Folklore nach ja angeblich Frauen gern vornehmen lassen: weg mit dem Trottel, ab mit den Zotteln! Als habe die neue Frisur auch eine Art Ankündigungscharakter, als sage der neue, kühne Schnitt: Aufgepasst, Welt, jetzt geht es aber los hier! Oft wirkt selbst geschorenes Corona-Haar auch leicht militärisch und endzeittauglich, als sei man zumindest frisurentechnisch für alles Arge gerüstet, das da noch kommen mag.

Wer dagegen nonchalant wuchern lässt, jetzt also flauschiger und fluffiger erscheint, drückt das andere Extrem aus: Der Versuch, der Härte zu trotzen, indem man sich weich macht – und lieber aussieht wie eine freundliche Wucherhecke mit Nistgelegenheit als wie ein barockes Buchsbäumchen, akkurat in Kegelform getrimmt.

Ich kann natürlich zumindest theoretisch durchaus nachvollziehen, dass sich manche Menschen geordnete Haarverhältnisse wünschen, obwohl sie gerade sehr viel weniger Menschen sehen. Wenn sich die meisten Dinge der eigenen Kontrolle entziehen, ist es vielleicht beruhigend, wenn man wenigstens seine Haare bändigen kann – auch als Ablenkung von allen beängstigenden Gefühlen, die gerade so in einem hochkommen. Andererseits kann einen die wild gewordene Frisur umgekehrt womöglich auch lehren, dass es relativ egal ist, wie man aussieht, wenn man sich gerade vor allem darum kümmern muss oder möchte, wie man sich fühlt. Eventuell bleibt von diesem Gedanken dann irgendwann, wenn alles wieder anders ist, ein entspannender Rest zurück.

Zumindest in der aktuellen Lage nehmen gut sitzende Haare auf der Pandemie-Prioritätenliste eher keinen prominenten Platz ein. Weiter vorn stehen da bei den meisten Menschen dann doch die Bemühung, nicht zu sterben, oder der Kampf, zurückgeworfen auf sich selbst irgendwie klarzukommen. Wenn man das halbwegs hinbekommt, ist es dann wirklich vergleichsweise undramatisch, in unglücklichen Momenten eben auch einmal wie Houellebecq auszusehen. Zumal meine Frisur in der TV-Aufnahme ohnehin weniger interessant war als die Bilder von meinem Hund, der im Hintergrund gerade damit beschäftigt war, in Rammelabsicht einen Beagle zu besteigen, der seinerseits bereits einen Foxterrier erklommen hatte. Es gibt, das muss man sagen, leider nicht viel Tröstliches in dieser Zeit. Aber vielleicht zumindest die Idee, dass eigentlich immer irgendetwas betrachtens- und bedenkenswerter ist als unsere zottelige, außer Kontrolle geratene Corona-Frisur.