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Brauereien: Woher kommt gutes Bier?

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Franziska Bulban

Siegeszug des Craft Beer Gebt mir mein Bier zurück

Bier war mal ein proletarisches Getränk. Jetzt gibt es plötzlich Bier-Tastings, Bier-Desserts, Bier-Snobs. Höchste Zeit, dagegen anzutrinken.

Es sind oft die einfachsten Sätze, die das Leben schöner machen. "Lass uns gehen", "Ich liebe dich" oder, ganz klar, "Ein Bier, bitte."

Bier ist das Getränk der Einfachheit und Verbrüderung, ein Kumpelgetränk. Der beste Gesprächseinstieg nach dem Rauchverbot. Das Glas, das Bankerin und Bauarbeiter vor dem Tresen gleich macht. Zum Biertrinken brauchte es früher kein Fachwissen. Niemand stritt sich über die "bittere Note im Abgang". Es waren gute Zeiten.

Doch seit ein paar Jahren tut sich da was. "Craft Beer" heißt der Trend, der aus den USA nach Deutschland schwappt. Craft Beer ist dort der Name für Bier aus kleinen Brauereien - im Gegensatz zu Bier aus riesigen Industrieanlagen. Bier hatte in den USA lange ein Problem: In den Achtzigerjahren existierten für 225 Millionen Einwohner zeitweise nur 89 Brauereien im Staatsgebiet. In Deutschland waren es zur gleichen Zeit 1415. Lokales Bier aus dem Gasthaus mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen war in den USA damals so gut wie unbekannt. Jeder trank Bud. Die Mikrobrauer haben in den letzten Jahrzehnten die Bierkultur in den USA gerettet. 2014 gab es schon wieder 3464 Brauereien in den Staaten.

Um schales Bier eklig zu finden, brauchen manche ein "Tasting"

Der Trend zum handwerklich geschickt gebrauten Bier aus Kleinstbrauereien macht vor Deutschland nicht halt. Schließlich kommt er aus den USA. Nur: Das Bundesland Bayern allein besitzt mehr als 600 Brauereien. Wir haben hier gar keinen Notstand. Brauereien wie Weihenstephan oder die Klosterbrauerei Weltenburg gibt es sogar schon seit dem 11. Jahrhundert. Wenn man die Situation zugespitzt in Worte fassen will, kann man sagen: Das, was Amerikaner unter Craft Beer verstehen, nämlich Bier in Betrieben gebraut, die weniger als 7,15 Millionen Hektoliter umsetzen - also laut deutschem Brauerbund jede deutsche Brauerei - gibt es bei uns seit 1000 Jahren. Man nannte das Getränk bis jetzt halt: Bier.

Genau deshalb definieren sich deutsche Craft-Beer-Brauer lieber über den Geschmack und die Experimentierfreude, über viel Malz und Hopfen und Aromen und spielerischen Umgang mit den Zutaten. Dazu entstehen Läden mit Gussbetonböden und Holzregalen, in denen Biersorten so präsentiert werden wie sonst meist Wein und Whisky. Bier soll man jetzt dekantieren lassen und zu Dessert verarbeiten. Und auf einmal sagen Menschen morgens um vier auf der Reeperbahn, dass sie dieses Billo-Bier ja echt kaum noch trinken könnten, seitdem sie dieses Craft-Beer-Tasting besucht hätten. Klar. Vorher haben sie nicht bemerkt, dass abgestandenes Bier aus Plastikbechern nicht schmeckt. Dafür brauchte es schon ein "Tasting".

Bier soll nicht zu einem Mittel der Abgrenzung werden

Damit dieser Text jetzt nicht falsch verstanden wird: Es spricht nichts gegen Leute, die ihr eigenes Bier brauen. Sollen sie ruhig darüber nachdenken, welches Bier gut zu Lammkeule und welches zu Heidelbeertörtchen passt; ihre Zutaten sollen sie bio und lokal beziehen und das Bier vor Ort vertreiben. Alles klasse. Es ist nett, wenn man sich mit einem Wirt über sein Bier unterhalten kann, wenn Menschen Spaß an Experimenten haben, Vielfalt wagen, das Angebot bunter machen. Ich wünsche ihnen allen Glück, ich platzte vor Wohlwollen - wenn da nicht diese eine Sache wäre.

Retro-Logos und schicke Läden machen Bier noch zu etwas anderem als zu einem guten Dessertgetränk: zu einem Mittel der Abgrenzung. Zu einem weiteren Gebiet, in dem sich unterbeschäftigte Berufsbesserwisser fortbilden können, um ihr Wissen anderen unter die Nase zu reiben und zu zeigen, wer hier den besseren Geschmack hat, ergo, der bessere Mensch ist. Das ist gruselig. Denn vielleicht fangen irgendwann die Biertrinker ohne Craft-Beer-Tasting-Ausbildung an, sich für ihre Bierwahl zu rechtfertigen, wie es Unbedarfte bei Wein tun - oder wer kennt nicht die verzweifelten Gesichter vor der Karte und das Flüstern: "Von Wein habe ich echt keine Ahnung"? Dabei sind "schmeckt mir" und "schmeckt mir nicht" völlig berechtigte Auswahlkriterien. Ich will nicht, dass man in Zukunft an der Flasche den sozialen Status erkennt.

Das Bier hat eine Tradition in der Arbeiterklasse, Bierhersteller haben Verträge mit Fußballstadien, sie sind Sponsoren von Festivals und der Formel 1. Das könnte sich der Weißweinwinzer aus Rheinhessen nicht leisten - nicht aus finanziellen Gründen. Sondern weil es hier um Status geht, darum, sein Getränk in der richtigen Marketingschublade zu platzieren.

Man kann sich doch über all die neuen Geschmäcker und Biersorten freuen, ohne mit Fachwissen anzugeben. Bierdesserts kann man machen, ohne blasiert zu gucken. Bier muss das Getränk des einfachen Genusses und der Verbrüderung bleiben. Sonst hat Bier in Zukunft vielleicht mehr Geschmack - aber weniger Seele.

Noch können Sie diese Biere gefahrlos trinken: Sie wollen wissen, zu welcher Brauerei Ihr (bisheriges) Lieblingsbier gehört? Finden Sie es in heraus!

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