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Maßkleidung aus dem Internet Auf den Punkt genau

Sitzt wie vom Schneider, kostet wie von der Stange - das verspricht ein neues Angebot im Internet. Möglich machen soll es innovative Vermessungstechnik. Was taugt die Maßkleidung aus dem Netz? Der Test.

Auch Milliardäre haben es nicht immer leicht. Yusaku Maezawa hat Japans größten Onlinehändler für Mode geschaffen und ist damit reich geworden, für sich selbst fand er dennoch nichts Passendes in seinem Internetshop Zozotown. Vor allem Jeans waren ein Problem. Für Standardgrößen ist der Unternehmer zu klein, er musste alle Hosen kürzen lassen, bevor er sie tragen konnte. Das brachte den 46-Jährigen auf eine Idee, die er Zozosuit nannte: ein hautenger, gepunkteter Ganzkörperanzug, mit dem sich Menschen zu Hause von ihrem Smartphone vermessen lassen können - um hinterher bei Maezawa individuell gefertigte Kleidung zu bestellen.

So erzählt es zumindest Masahiro Ito, der den gepunkteten Zweiteiler mitentwickelt hat. Ito ist Vorstandsmitglied bei Zozotowns Mutterkonzern Start Today und verantwortlich für das Produkt, mit dem der japanische Onlinekonzern den Kleiderkauf revolutionieren möchte. Die Kunden sollen nicht mehr eine Größe bestellen, sondern ihre.

"Wir sind keine trendige Marke"

Möglich machen es 359 große und 32 kleine Punkte auf Oberteil und Hose des Zozosuits. Die individuell gekennzeichneten Punkte dienen dazu, den Menschen im Anzug zu vermessen. In Japan gibt es das Angebot seit November 2017. Jetzt expandiert das Unternehmen in 72 weitere Länder, darunter Deutschland.

"Wir sind keine trendige Marke. Wir machen keine Fast Fashion", sagt Susanne Burger, die als Geschäftsführerin das Deutschlandgeschäft entwickeln soll. Zum Start gibt es ein Sortiment aus Basics: ein Oxfordhemd , T-Shirts mit verschiedenen Ausschnittformen und Jeans in unterschiedlichen Passformen, zwei für Männer, drei für Frauen. Preislich liegen die Sachen zwischen 22 Euro für ein T-Shirt und 59 Euro für Hemd oder Hose.

Bevor die Kunden die Kleidung bekommen, müssen sie eine App auf dem Smartphone installieren. Dann wird der Zozosuit bestellt, angezogen und die App gestartet. Das Gerät wird anschließend mittels eines Ständers auf einem Tisch platziert. Eine Frauenstimme sagt dann, wie es weitergeht: In etwa einem Meter Abstand vor die Linse stellen, Arme leicht spreizen, langsam einmal im Kreis drehen. Fertig.

Während der Kunde sich von allen Seiten zeigt, werden ein Dutzend Fotos gemacht. Durch die unterschiedlichen Positionen der Punkte auf den Bildern wird gemessen: Halsumfang, Schulterbreite, Rückenlänge, insgesamt 21 verschiedene Maße liefert die App. Das Verfahren dahinter nennt sich Triangulation. Dabei kann anhand der Position von zwei Punkten die Lage eines dritten bestimmt werden. Im Test hat das Programm kurz Schluckauf, funktioniert ansonsten aber. (Wie die Klamotten sitzen, sehen Sie im Video.)

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"Es ist die genaueste Vermessungstechnik für daheim", sagt Entwickler Ito. Nur das Abtasten mit Infrarot oder Laser liefere noch genauere Ergebnisse. Aber wer hat schon einen 3D-Scanner zu Hause? Das ist eher etwas für Amazon, die Firma hat im Oktober 2017 zwischen 50 und 100 Millionen US-Dollar für das Start-up Body Labs gezahlt. Die Idee ist aber die gleiche: maßstabsgetreue Kundenavatare für perfekt sitzende Kleidung (und möglichst wenig Umtausche). Ein weiterer Konkurrent ist Bodi.me. Beide Methoden haben allerdings den Nachteil, dass die Kunden irgendwo in einen Scanner steigen müssen.

Mit der Zozo-App messen die Kunden daheim. Von dort schicken sie die Messergebnisse in die Cloud, wo sie mit Zehntausenden Schnittmustern abgeglichen werden, die Ito und sein Team von einer Anprobentour durch Japan, Europa und die USA mitgebracht haben. Aus den am besten geeigneten Versatzstücken wird dann in China die jeweilige Kleidung zusammengepuzzelt. Selbst Details wie Gürtelschlaufen oder Knöpfe sollen sich an der Körpergröße des Kunden orientieren. Made to measure, Maßkonfektion, nennt sich das.

Zusammengepuzzelt oder maßgeschneidert

Passt gar keine der möglichen Schablonenkombinationen, verspricht das Unternehmen tatsächlich maßgeschneiderte Kleidung. Die ist dann allerdings vom Umtausch ausgeschlossen.

Zu den Retourenquoten der Maßkonfektionsware hält sich Ito bedeckt, angeblich liegen sie im einstelligen Prozentbereich. Branchenüblich sind 50 Prozent. Was er aber sagt: "In Japan verkauft sich die Kleidung sehr gut, und wir bekommen überwältigend positives Feedback." Neben den Basics, die hierzulande zum Start angeboten werden, gibt es in Japan auch Herrenanzüge. Über das Geschäft mit Lederjacken, Mänteln und Schuhen wird nachgedacht.

Instagram-Hype um den Zozosuit

Der größte Renner sind allerdings die gepunkteten Zozosuits selbst. Mehr als eine Million der kostenlosen Anzüge wurden bisher bestellt. Teilweise lag die Wartezeit bei zwei Monaten, weil es auf Instagram einen Hype um die Teile gab. Die Japaner finden es witzig, sich darin zu fotografieren. Selbst wer dann doch keine Kleidung bei Herrn Maezawa kauft, hat zumindest ein trendiges Teil im Kleiderschrank hängen.

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